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Jeschurun · 1884-04-09 · Heft 15-16 (9.4.1884) · p. 234

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 15-16 (9.4.1884)
Article
David Haller
Date
1884-04-09
Page
234 (sequence 2)
Language
German
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234 founeru" \\\ decken geeignet war und ihn mit dem! *Jiimbii* einco Weisen unter den Rabbinern umgab,! der van Hai,er Warte aus das Parteigctriebe be-! trachtet, ohne in dasselbe einzutretcn. Er gedachte, durch! die i^alindung der t he alogischen Hochschule der Schöpfer l und das Haupt einer ״Mittetparlei" zu werden, welche, zwischen Orthodoxie und Reform ihren Platz nehmend, das Indent hnm der Zukunft zti bilden berufen wäre. Er glaubte den die Gegenwart beherrschenden Zug besser zu verstehen als irgend einer seiner Kollegen, die luiaiif* haltsam ans eine Icesorm des Indenthums hindrängten. Er erkannte das Unvernünftige und Unbesonnene eines solchen schrankenlosen Fortschritts ins Ungewisse. Das Indenthum würde jedes positiven Inhalts entleert werden, im Bolle würde sich endlich mit dem Abstreifen der religiösen Form auch die religiöse Idee verflüchtigen und schließlich eine vollständige Neligionslosigkeil platzgreisen, in welcher für einen ״Geistlichen" keine Steile mehr sein dürfte. Er durfte das Vertrauen der Orthodoxen nicht verscherzen. Wie sollte er eine Hochschule für jüdische Theolvgie in's Vcbon rufen, wenn ihm die Jünger ausblieben'? Diese aber konnte er nur aus diesem Kreise erwarten. Derjenige Vater, welcher bereits der praktischen Neligionsübnng fern stand und seine Kinder nicht zur Befolgung des Religionsgesctzes angehalten hatte, würde schwerlich Verlangen tragen, seinen 201)11 dein Rabbiner stände zu widmen: und wenn sich wirklich solche dem Iudenthume gänzlich entfremdete Schüler finden sollten, so könnte er deren Ausbildung nicht übernehrnen, weil der größte Theil der Gemeinden von ihrem Rabbiner doch noch immer, die Beobachtung gewisser Satzungen verlangen würde. 3n der nächsten Stande begann er seinen Vortrag folgendermaßen: ״Es ist kürzlich zwischen euch eine Frage erörtert worden, welche mir eine willkommene Gelegenheit zur Entwickelung der Grundsätze gewährt, von welchen die großen Meister des Talmud bei ihrer bewunderungswürdigen und segensreichen Wirksamkeit ausgegarigen sind. Diese Grundsätze bilden auch für uns. die wir den Berus haben, ihren Spuren zn folgen, und unserer Zeit das zu werden, was sie der Vergangenheit und uns bis in die Gegenwart hinein gewesen, die Rorm für unser Schassen im Dienste der Religion. Wie sie geforscht, also haben wir zu forschen, wie sie ans den Puloschlag der Zeit zn Horchelt verstanden, also haben wir uns zn bemühen, das im Busen des Volks wogende Leben zn begreifen, wie ihre großartige Thätigkeit das Iudenthunt vor Verknöcherung geschützt hat, also sei der Schutz vor der Erstarrung unser Ziel. Das Indenthnm ist eine Religion der Thal, nicht einer schatten haften Spekulation, es verlangt das frische Nebelt, nicht den Haldschlummer der Ab׳ straktion. Das haben unsere weisen Lehrer nnb Führer als das Prinzipinm des Judenthums erkannt, ttub darum haben sie es verstanden, mit den wechselnden Phasen des Lebens gleichen Schritt zu halten und sich für vollberechtigt und verpflichtet erachtet, auch die Religion des Lebens denjenigen Veränderungen zn unterziehen, die das Leben erheischte; daher die große Thatfache von dem Muthe und dem offenen Sinne der Taltaim der Schrift gegenüber, der Amoraim in Betreff der Anssprüche der Tauaim. Aber sie begnügten sich nicht mit leeren Theorien, sie griffen in die Praxis ein; ihre Deutungen des Gesetzes wurden Gesetz und bedeuteten den Sieg des Geistes über den Buchstaben. Sie waren die Träger des Geistes des Judcnthnms und dessen berufener Interpret, aber sie kannten auch das Leben, das vielgestaltige und vielgcstaltendc, und darum bestellten sic dem Gesetze bewährte, treue Hüter und Schirmherren. Bewundernd stehen wir vor ihrer Weisheit und der Tiefe ihres Geistes, die sie als wirksamstcn Schutz des Judenthnms den großen Grundsatz ausstellen ließen: Was sich durch die Gesanuntheit verbreitet, was vom Volke allgemein ansgeuommen und sich in dasselbe cingelebt, das kann durch keine Autorität atisgehoben werden. Wie dieser Satz sich als der Fels erwies, an welchem die Wogen der Willkür und des Leichtsinns zerschellten und stets zerschellen werden, also ebnet er aber auch den Weg zn einer zeitgemäßen Fortcntwickelung, — er ist Wehr und Wegweiser des JudenthnmS. Was nn Volke lebendig ist. was bei ihm Anerkennung gefunden uitb noch findet, das kann nimmer ausgehoben werden, und ebenso, was das Leben im Lause der Zeit znrückstößt, das unterliegt der Veräudernng. Der Seele des Volks gebührt die Entscheidnng, ihr Wille ist maßgebend, sie kennt keine wilde Zcrslörungswttth. sie will erhallen — was sic wirklich zurückstößt, das ist gestorben und ersteht nimmer zum Leben. So werden wir ans einen gemäßigten Fortschritt hingewieseu. wie er im Indenthnm wohl begründet ist, ׳and nach diesem Grundsätze haben wir das Leben im Bunde mit der Religion und das Judenihum als die Religion des Lebens zn begreifen. Unsere, der geistigen Führer und Lehrer Aufgabe ist es, diese Seele des Volkes zu studiren, wie wir das Gesetz eifrig erforschen. Manche Anordnung der Vergangenheit ist bereits int Volke erstorben, manches Reue wird von ihnen verlangt, — dem haben wir Rechnung zn tragen in weiser Vorsicht, aber auch mit freiem Muthe. Hierfür die zukünftigen Rabbiner zu befähigen, ist die hohe Ausgabe, welche die Hochschule sich stellen wird; das Mittel dafür ist ernste Wisseuschast tmd gehobener Blick." (Fortsetzung folgt.)

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