Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1884)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1884-04-03
- Page
- 219 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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219 hat feinen Zweck — denn einen anderen, als mir die | Feder in die Hand zu drücken, kann ich mir nicht l denken —- erreicht. Ich glaube, es schon früher einmal j ausgesprochen zu haben: die ehreuwcrthen Gegner ihres! Jrrthunis zu überzeugen, ist nicht das Ziel meiner j Korrespondenzen; sie wollen nicht belehrt werden. Wohl! aber halte ich cs für geboten, die Angegriffenen auf ן die taNischen Betvegungen des Feindes aufmerksam zu machen; und dieser Pflicht will ich mich unter Ueber- Windung des widerstrebenden Gefühls nicht entziehen. — Die Herren von der ״Kreuzzcittrng" find gar fürsichtige, kluge Männer und nehmen ob ihrer Weisheit und Klugheit unter den edlen Antisemiten den ersten Platz ein. Sie bringen hin und wieder einige Ab- Wechselung in die sonst schon Langeweile erregende Iudenhetze hinein; varietas delectat. das beherzigen sie, wie kein anderer ihrer Mitstreiter, ohne dabei des Eiecronianschen Satzes con.suetudü quasi altera natura zu vergessen. Also Autisemitismus, reinen, unverfälschten Antisemitismus fortwährend austischen, aber öfters in einer stets pikanten, abwechselnden Sauce — das ist das Rezept der ״Kreuzzemmg". Während die Anderen, immerhin Stümper, noch niiaujljörlid) den antisemitischen Kohl: Laster — Ncnstettin — Fortschritt — Preßjnden answärmen, jervirt sie setzt ״Masuren" als antisemitisches Reizmittel. Das Masnrenland ist ein höchst inlcresjauter Laudstrich der 'Regierungsbezirke Königsberg und Gumbinnen und dessen Bewohner nicht minder interessante vcute, nach der krenzzeitungsliehen Schilderung: leichtsinnig und schnapsliebend. Nun hat die ״Itevuo des deux Mondes״ vor einem Jahre einen Roman gebracht: ,.le gurk de Soviefka“, in welchem der russische Jude schwarz in schwarz als der leibhaftige Höllenfürst gezeichnet ist, dem gegenüber der russische Muschi!, welcher die Juden maffafrirt, als weißer Engel im lichrigen Unschuldsgewcmde erscheint. Der preußische Majurc hat Aehulichkeit mit bau stammverwandten Kazaplen, also paßt die sratzenhaste Schilderung des Juden non Soviefka auch aus den jüdischen Bewohner der masurischen Landschaft, denken die genialen lreuzzeitnngsliche!! Ritter und entwerfen ein schauderhaftes Bild ä la le jnil’ de Sovieika von den Juden in Masuren. Der Masure ist eingcslandcuer Braßen trunksüchtig, leichtsinnig und uuwirthschafrlich. Er verdient deswegen keinen Tadel, Gott bcwahre, wofür wäre denn die christliche Liebe aus der Welt? Aber der Jude, der böse, böse Jude, der nüchtern, bedachtig und haushälterisch ist, der trägt die Lchuld. Waruur vcrthut er auch nicht das Seiuige, warnt» ergiebt er sich nicht dem Trunk wie sein Nachbar, warum geht seine Wirthschast nicht zurück! Es ist schrecklich, aber wahr — sein Wohlstand mehrt sich sogar in der schuapSlicbendcn, Leichtsinnigen Umgebung. Ja, daö j ist noch nicht Alles, man höre und schaudere! Die l ״Kreuzzeitung" verkündet das Furchtbare: der Jude \ vertäust billiger als der christliche Krüger und Handelsi mann, und er borgt sogar jden masurischen Bauern! i Und nicht nur dieses, er verlangt sogar and) einmal i Zahlung für die krcdidirtcn Beträge! Man sollte j eine solche Verworfenheit kaum für utöglich halten, wenn nicht die wahrheitsliebende ״Krenzzeitnng" sie berichtete! Nein, es ist in der reinen Sphäre des Antisemitismus kaum denkbar, daß es solche Answürsliuge gicbt, welche von den christlichen Schnapsbrennern Getränke kaufen, um solche den schnapsdurftigen christlicheu Masuren zu verlausen! Ist es mm nicht klar, daß der fromme, tngendreiche Bauer von einer tiefen Erbitterung gegen die Inden ersaßt sein muß, und wer will es den Neustettinern dann noch verargen, wenn sie den Inden, die ihre Synagoge nun einmal nicht in Brand gesteckt haben wollen, die Fenster einwerfen und hin mid wieder mit dem Stocke in der Hand — ״etwas scheel an sc Heu"? Fi. «prumi!, 23. Mürz. So weilt denn endlich unser Rabbiner Herr Dr. Korcf in unserer Mitte. Mag auch der Empfang bei unS wenig prunkend gewesen sein — hatten sich doch zur Begrüßung des Ankommenden nur die Vorstände am Bahnhof eingefunden — so legte doch eine von fast allen Mitgliedern der Gemeinde dargebrachte, ziemlich beträchtliche Ehrengäbe und die festlich geschmückte, bis auf den letzten Platz dicht gefüllte Synagoge Zeugnis; von der Liebe und Verehrung ab, mit der die Gemeinde dem würdigen Manne entgegenkommt. Und Worte der Liebe waren cs, die dieser sprach, mn nach deendeten! Gottesdienst die Gemeinde mit licfbewcgtein Herzen zu begrüßen und ihr zu danken für ihr freundliches Emgegenkontineu. Am Samstagmorgen erläuterte er vor abermals dicht besetztem Gotteshause, das kaum die Menge der Andächtigen fassen konnte, wie er den schweren Pflichten und der übernommenen großen Verantwortung gerecht zu werden gedenke. Anknüpfeud an die Eingangsworte von Parschath Hachodesch, zeigte er in einem tief durchdachten Bortrage, der uns abermals seine Rednergabe bewundern ließ, wie es das Bestreben eines Leiters in Israel sein solle, in gewissen Beziehungen dem Monde zu gleichen. Wie dieser alles Licht von der Sonne empfängt, so soll jener alles Wissen aus der Thora, der ewigen Lichtgnelle, schöpfen, und wie jener mit seinem milden Lichte den Verzweifelnden tröstet, den in dunkler Nacht Irrenden den rechten Pfad erkennen läßt, so soll auch der Priester mit mildem Worte dem Unglücklichen Trost spenden und den in der Sündennacht Irrenden auf den rechten Pfad weisen. Aber unbeirrt wie der Mond die ihm vom Höchsten vorgczeichenleu Bahnen wandelt, soll