Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1884)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1884-04-03
- Page
- 216 (sequence 2)
- Language
- German
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216 mir mitzuthcilcn, wo ich sie finden könnte, um ihr den letzten Gruß der Sterbenden zu dringen." ״Und er stellt sich —" ״Er stellt sich nicht nur, er weis; in der That j nichts von ihr. Glaube mir, Venl), der Vater ist in den j letzten Jahren doch anders geworden. Ob er bereut? i — Aber ich bin überzeugt, wenn er mir Mirjam's AufatthaltSort angcbcn könnte, so hätte er cs gethan; hat er in ich doch ansmerksam gemacht, das; sic sich möglicherweise nach B... gewandt haben könnte, weil dort entfernte Verwandte der seligen Mutter leben." ״So wirst Du in B. Nachfragen müssen—״ ״Das habe ich längst gcthan, schon vor länger als einem Jahre habe ich nach B.... geschrieben —" ״Schreiben, schreiben —," wiederholte die Alte in wegwersendem Tone; sie vermochte Geschriebenes nur mühsam zu entziffern, ״in so '!1er Sach' ist's nichts mit dem Schreiben — da hcißt's reden — Du hättest selber nach B. müssen und überall nachfragen." ״Das habe ich auch gedacht und eben deshalb habe ich ntich dieser Tage in B. anZgehalten und habe mich erkundigt und nachgcforscht bei allen, die mit der Familie Gutmann nur im Entferntesten verwandt oder auch nur verschwägert sind, aber Keiner vcrinochte mir Auskunft zu geben. Meine einzige Hossnung war, daß Du vielleicht eine Vermnthung hättest, wohin sie sich gewandt." Doch Leah schüttelte trübe das Haupt und zuckte seufzend die Achseln. .,Besinne Dich, Leah." bat Ehrmann, ״vielleicht weißt Du, mit wem sie zu verkehren pflegte, und ich könnte von Denen über sie erfahren." ..DaS könnt' möglich sein," rief die Alte lebhaft, ״wart' mal, mit wem hat sie doch zu gehen gepflegt?" Sic legte die Hand au die Stirn und sann einige Augenblicke schweigend nach. Der junge Mann regte sich nicht, um die Erinnerungen der Alten nicht zu stören. ״Nichtig, jetzt fallt mir's bei, mit der Lewiuischcu hat sic zu gehen gepflegt. Denkst nicht, Kobi? Dicht neben dem Branntwcinhans — heißt das, der Garten war dazwischen gewesen — hat dem Lewiil sein Haus gestanden — möglich, cS steht noch. Und mit dem seiner Tochter, sie haben sie die schöne Nahel geheißen, hat Deine Schwester zu gehen gepflegt, incmer hat sie bei der gesteckt, obzwar die Nahel um fünf oder sechs Jahre älter gewesen sein kann als Mirjam. — Aber das sag' ich Dir, Kobi, wenn sie'S Einem gesagt, wohin sie gegangen ist, so hat sie'S der Lewmischen gesagt. Denn ich denk' noch, was ihr ist zugckommen, immer ist sie zu der Nahel gelaufen und hat der's gellagt. Einen Lcderhändler hat sic geheirathet, mir scheint, er hat Kohn geheißen." Ehrmann wußte genug, sein Entschluß war gefaßt. Gleich am Sonntag Morgen wollte er sich auf den Weg machen, um seine kaum eine Tagereise entfernte Vaterstadt aufznsuchen und dort bei der ehemaligen Bekannten seiner Schwester nachzuforschen. Die Alte selbst, so gern sie ihn länger bei sich gesehen hätte, drängte zur Abreise. ״Kobileben, mein Gold, noch vor SchabbcS bestell' ich Dir 'ne Gelegenheit, daß Du Sonntag, tvill'S Gott, gleich iu der Früh' fort kannst." Der Freitag verstrich und der Sabbath in einer Wonne für die alte Leah, und als sie am Sabbathmorgen in dem schönen farbenprächtigen Kaschmirshawl, den Ehrmann ihr aus der Residenz gebracht, an seiner Seite zur Synagoge sich begab, da staunte Jeder. Das Herz der Alten aber pochte laut und ihre Augen füllten Thräncn, so daß ihr sonst noch ziemlich fester Schritt unsicher ward. Ehrmann gewahrte cs und sorglich nahur er ihre Hand 'und legte sie auf seinen Arm, daß sie auf ihn sich stütze. ״Zn viel!" schluchzte Leah, ״das ist zu viel!" und wollte ihre Hand zurückziehen. Er aber hielt sie fest und geleitete sic sorgsam bis zum Eingang der für die Frauen bestimmten Abtheilung der Synagoge, und nach beendetem Gottesdienst harrte er hier, um sie wieder heim zu geleiten. ״Wenn jetzt unser Herrgott mich abruft, dann kann ich nimmer sagen, daß'S zu früh ist — denn daß Er das mich hat erleben lassen — das ist 'ne Ehcsed, auf die ich mein Lebtag nicht gerechnet Hab'. — Jetzt möcht' ich nur noch Eines, daß die Lewinische Dir möcht sagen können, wo Du die Mirjam findest." Und daß der Wunsch der treuen Alten sich realisirte, unsere freuudlichen Leser haben nicht daran gczweifelt. Bon Leah'S heißesten Segenswünschen begleitet, trat Ehrmann am Sonntag Morgen seine Reise an und hatte gegen Abend, das vorläufige Ziel derselben, seinen Geburtsort, erreicht. In dem kleinen Städtchen war es ein Leichtes, die von der Alten ihm bezeichnete Freundin seiner Schwester auszufinden, und daß Nahel und ihr wackerer Gatte den würdigen Bruder ihrer Mirjam mit offenen Armen empfingen, ihn mit Beweisen ihrer Freundschaft und Liebe überhäuften, bedarf nicht der Versicherung. Gern hätten sic ihn länger bei sich gesehen, doch Ehrmann ließ sich nicht halten; seit er den Aufenthaltsort seiner Schwester kannte, war cS ihm, als brenne der Boden unter seinen Füßen. (Fortsetzung folgt.)