Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1884)
- Article
- England : London [Nachricht]
- Date
- 1884-03-27
- Page
- 206 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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- Odesa 1× ep/1000834
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206 England. London, 21. Mär;. Die Nachricht von einer ernstlichen Erkrankung Sir Moses Molcfiore's destäligt sich Gottlob nicht. Der edle Greis litt an einem etwas heftigen Katarrh, welcher jedoch nach Ausspruch der Merzte zu ernsten Besorgnissen keinen Anlaß gegeben und nunmehr säst vollständig gehoben ist. Rustl a it d. E. R. Poltawa, 20. Mär;. Das über und verhängte Unglück, von welchem ich ihnen am 23. v. M. (siche Nr. N>) berichtete, ist, wenigstens für den Nagenblick, von nnS abgewandt. Das Bittgesuch unserer Deputation ist insofern von Erfolg gewesen, als nunmehr der Senat einen Mas erlassen hat, demzufolge die Ausführung des Befehls so lange untersagt ist. bis unsere Eingabe eingehend und objektiv geprüft sein wird. * Odessa, 20. März. Durch die Zeitungen macht eine von hier ausgehende Nachricht die Runde, wonach sich in Kischeuew unter den Juden eine rcsvrmatorische Sekte (?) unter der Leitung eines gewissen Rabbi«owiksch gebildet hat, welche den Zweck verfolgen soll, die jüdische Religion der Lehre Luthers auznpasscn und nur die Beschucidnug und den Sabbath zu behalten. — Es macht den Eindruck, als ob inan cs hier mit einfachen Bckchrungsvcrsnchen eines Missionars jüdischer Abstammung zu thun hat. Darauf deutet die Nachricht hin, dag die Versammlungen dieser angeblichen jüdischen Sekte im ■V>aufc eines lutherischen Pastors in Kischeuew jtattfinben. Ob Rabbi nowitsch wirklich so viele Anhänger gefunden, wie berichtet wird, erscheint sehr zweifelhaft. David Haller. Von Naftali ciiuoii. Alle :Tierfite (FonscpmitjO ״Erhaltung und Fortschritt," so begann er den ersten Bortrag für die beiden Jünglinge, ״darin erschöpft sich die Aufgabe der Gegenwart. Die Erhaltung des Judcuthlnns und der Fortschritt in demselben, das ist das Problem, dessen Lösung gefunden werden muß. Da sind die Einen, welche die Offenbarung, ja den jüdischen Gottesbegriss negircn und einer neuen Religion ihrer Mache fälschlich den )!amen geläutertes Judenthnm beilegen; — da sind die Anderen, welche krampf- Haft fest halten an Allem, was im Laufe der Jahr- Hunderte unter trüben Verhältnissen und einem eng begrenzten Gesichtskreise sich als Schale und Hülle um den eigentlichen Kern der Religion gelegt, welche jeden unbedeutenden und obsolet gewordenen Brauch als Fundament des Glaubens betrachten und sich nicht zu der reineren und tieferen Anschauung der erleuchteten Gegenwart erheben können, die bedächtig und ernst wisseuschastlich prüfend sichtet. Bei Jenen verflüchtigt sich das Judeuthum zu einem wesenlosen Schemen, bei diesen wird cs pctrifizitt, so daß kein frischer Lebensodein in ihm waltet. Unsere, der Rabbiner und Führer Aufgabe ist es, die Bahn für eine gemäßigte Reform des Jndcnthums zu ebnen, welche zwischen dem Nihilismus der Einen und der starren Orthodoxie der Anderen sicher und selbstbewußt den stolzen, Himmelan strebenden Ban eines gleich dem Phönix aus seiner Asche znm verjüngten Dasein erstehenden Jndcnthums aufrichtet. Unsere Jugend dürstet nach Wahrheit, sie empfindet tief die Kluft, welche zwischen Vergangenheit und Gegenwart gähnt; ihr religiöses Bewußtsein regt sich, sie will nicht fernerhin einen! geistlosen Formalismus als dem Heiligen huldigen, aber sie will auch nicht ans den Besitz einer Religion für immer vcrzichten. In diesen! Momente der Wirren, der Gährnug und des Zwiespalts sehnt cs sich nach dem erlösenden Worte, welches Klarheit in das Tohu Wabohu zu bringen vermag. Leben und Lehre, Wissenschaft und Dogma, freie Forschung und gläubiges Bekenutniß — sic müssen zu einem Ausgleich, zu einer Verständigung gelangen und sich zur vollkommenen Harmonie vereinigen als das Judcuthum der Gegenwart. Nicht Zerstören, sondern Erhalten, uicht starres Beharren, sondern vcrnüuftiges Umgestalleu, also lautet die Devise, welche das Banner trägt, unter welches fortan die Wissenschafr des Jndcnlhnms sich zu stellen hat, um die Zwingburg eines!mvcrstündigcn Formalismus zu erstürmen und die Forta Morgana einer nnklaren phantastischeu Schwärmerei zu zerstören." David ließ sich von diesen und ähnlichen Vorträgen, welche als Einleitung zum Talmud von Burgwald bezeichnet wurden, blenden. Er war bis jetzt gewohnt gewesen, den Inhalt des Talmud zu stndircn und in ihm die von Gott gcossenbarte 'mündliche Lehre in ihrer praktischen Anwendung > ans die Verhältnisse des Lebens zu erkennen. Er war; zu unerfahren, in diesen schillernden, mit so vieler J Sicherheit und Bestimmtheit vorgctragenen Sätzen die Unklarheit und Unhaltbarkeit zu erkennen. In dem gleichen Vertrauen, welches er seinen Lehrern Klein und Grodnaucr cntgcgengetragen, lauschte cr Bnrgwald's! Lehren; wenn ihm etwas darin befremdlich oder unverj stündlich erschien, so maß cr seinem nngeschultcn Geiste l die Schuld bei.! In dem Gymnasium zählte außer Adolph Burg׳ I wald der einzige sonstige jüdische Schüler der Prima, j Leo Marlow, zu seinen näheren Bekannten. Die Vcr-! schieden heit der Bestrebungen im inneren Gemeindeleben