Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1884)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1884-03-27
- Page
- 200 (sequence 2)
- Language
- German
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treue Pflegerin seiner frühesten Kindheit. Auf ihren Annen l)attc sie ihn getragen, hatte ihm die kränkelnde Adulter und später die Dahiugeschiedene nach besten Kräften zu ersetzen sich bemüht, - hatte ihn vor den Unbilden des rohen Pater-, o wie oft, geschützt, und ihn ermahnt, fest zu halten an dem Wort, das er der sterbenden Mutter gelobt. Und er hatte fest daran gehalten — heißer quollen ihre Thränen, während sie sich vergegenwärtigte, wie dieser junge Mann auf Veranlassung seines gewissenlosen Vaters als Kind getanst, von einem fanatischen Priester in den christlichen Glaubenslehren unterrichtet, von seinem bigotten Beschützer dem Piarristeukloster zur Erziehung übergeben — und dennoch Jude geblieben. — Jude nicht nur in seinent Fühlen und Denken, Jude, so weit ihm die jüdischen Neligionsgesetze bekannt waren, auch in seinem Leben. Nie hatte er den Sabbath einweiht und sich seit dreizehn Jahren der Fleischkost gänzlich enthalten. — Und von nun an wollte er Alles halten, wollte das jüdische Neligionsgesetz gründlich kennen lernen und getreulich befolgen; und sie sollte ihn darin unterstützen, sollte auf ihn achten, daß er nichts versäume und sollte seinen Haushalt leiten. — Wie das Herz ihr pochte, so laut — sie wähnte, sie könne es hören, und wie im Fluge war ihr die ׳Nacht entflohen, obgleich sie kein Auge geschlossen. Dennoch fühlte sie sich wunderbar gestärkt, als sie am Morgen ihr Lager verlassen. Emsig, aber geräuschlos trippelte sie in den Räumen umher, die häuslichen Arbeiten zu verrichten. Zimmer und Küche waren bereits aufgeräumt, alles in schönster Ordnung, und auf dem Herde prasselte ein. Helles Feuer. Die frische Milch stand bereits ״abgekocht" zur Seite, aber das Wasser in dem Kasseekcssel begann eben erst zu brodeln. Das Mütterchen füllte eine ansehnliche Quantiteit srisch gerösteter Kaffeebohnen in die Mühle und schlich hinaus in das Gärtchen, im Hause wollte sie den Kafjee nicht zermahlen, auf daß ihr Liebling nicht vorzeitig geweckt werde. Und nun saß sie auf der Rasenbauk, die .Kaffeemühle im Schooß und mahlte eifrig. Und die Sonne schien so hell und warm auf ihre alten Glieder, die Blumen bufteten so balsamisch süß, und die Vögel zwitscherten, — der Alten war es, als habe sie nie sie so schön vernommen; ihr war's, als feiere die ganze Natur mit ihr das Wonnesest ihres Herzens. — Aber die Vögel — wenn sie mir durch ihr überlautes Zwitschern ihren Kobi nicht wecken! — Doch siehe da, er ist ja schon wach und hat das Fenster schon geöffnet, und neigt sich weit hinaus, seiner treuen Leah den Morgeugruß zuzurufen. Und sie erwidert ihn — mit welcher Wonne! und nickt ihm freundlich zu und mahlt dann hastig weiter. Rasch hat sie ihn nun fein wie Pulver, und flugS ist sie wieder in der Küche am Herde und schüttet das fein Zermahlene in das brodelnde Wasser im Kessel. Erst schäumt es zischend hoch auf, aber sie rührt es geschäftig mit dem Löffel — nur wenige Minuten, und der herrlichst duftende Mokka ist bereitet. Und daun eilt sie hinüber in das Zimmer und ordnet geschäftig den Frühstückstisch. Mit blendend weißem Linnen deckt sie ihn und klimmt daun mit Mühe auf den Schemel, um aus dem obersten Fach des eingemauerten ״Glaskastcns" die goldene Mundtasse herunterzunehmen, mit den schönen rosigen Blumen, sie stammt noch von der Schwester selig; und ein winzig kleines Löffclchen legt sie danaben, aber es ist von echtem Silber. Und in der Mitte des Tisches prangt ein Körbchen mit den schönsten bräunlich gelben Semmeln, sie gleichen kleinen Hörnern, aber sie sind mürbe und zart wie das feinste Gebäck. ״Kobileben, mein Gold, greif zu; 's ist zwar nicht so gut, wie Du's wirst gewohnt sein in der Stadt, aber —" ״Besser, Leah, ungleich besser als in der Stadt; so hat mir das Frühstück seit dreizehn Jahren nicht geschmeckt." ״Jst's wahr? machst Dir keinen Narren aus der Alten?" ״Leah?" ״Nein, nein, ich weiß, 'n Narren machst Dir nicht aus mir, sonst warst Du doch nicht gekommen; aber ich denk', Du sagst mir aus Scherz, daß Dir's so gut schmeckt, weil's mich freut." ״Wenn's Dich freut, so sreut's mich doppelt; aber daß es mir bei Dir vortrefflich schmeckt, das sage ich durchaus nicht im Scherz, daß mußt Du doch selbst sehen, wie viele von diesen Hörnchen habe ich heute schon vertilgt?" ״Pfui, Kobi, wer wird zählen, was einer ißt —" ״Ich nicht, ich gewiß nicht, denn Du siehst ja, ich weiß nicht, wie viele es waren. Aber, Leah, wie Du heute schon fleißig gewesen bist — ich habe vorhin den Kopf in die Küche gesteckt und freue mich schon auf heute Abend auf das Hühnchen, das so sauber gerupft auf dem Salzbrett liegt und auf die schönen Sabbcuhbrode. Wie kunstvoll Du sie zu flechten verstehst; weißt Du noch, wie ich Dir als Kind dabei geholfen habe? — wie heißen sie doch? Ber— Bar—" ״Äarches, Kindlieb, Barches heißen wir sie. Nebbich, die hast Du auch nicht gehabt, die ganzen dreizehn Jahre lang. — Aber nun heißt's sich sputen, der liebe Sabbath läßt nicht auf sich warten, und ich vergess' mich ganz bei Dir — mein Kobilebelang!" (Fortsetzung folgt.)