Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1884)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1884-03-20
- Page
- 189 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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189 friedenbrnchS iU!crfnf)1*t werden. Am 10. d. M. f)nt man onf verstärke 2d1ul5mat;rcf\e!n Bedacht genommen. Durch Reglnfttion des Militärkommandos sind 1 Ofnzirr. 2 Umerofnziere und 20 Mann dorthin beordert worden. D'.eielbcn bleiben acht Tage dort. Der Minister Hot die Ansfasiung. dost diese Bor״ fläm!e höchst bedauerlicher Natur von einem Theil der Presse übertrieben in einer Weise dargcsicllr worden sind, als ob am die betheiligte Behörden, welche sämmtlich im vollsten Moste ihre Schuldigkeit gethan, ein Schatten rnangclhasier Pslichlcrfüllniig solle, wogegen er die ernsteste Verwahrung cinlege^ — Stöcker hält die Interpellation für eine Provokation der freisinnigen Partei. Er ergeht sich in Ausführungen, welche auf der linken Seite des Hauses grostc Unruhen und den Nus ״Gemeinheit!" erzeugen, weshalb Dr. HSncl zur Ordnung gerufen wird. Er behauptet, dass man diese Vorgänge benutze, um Stimmung;11 machen-, die Provokationen seien von den Juden ausgegangcn. Auch in Berlin habe;licrfi ein Jude Kantorowi; ansgeschlagcn. Die Juden waren immer die Angreiser. In Neustem!! sei der Wucher geübt rvorden in einer Weise, welcher die Leute bis aus.? Blut gereift. Er habe schon vor zwei Jahren schauerliche Wuchergcschichtcn ans Neusten in und Pollnow beschrieben, namentlich auch ein Fall, in welchem aus einer Wechselschuld von 50 Thl. nach 10 Monaten 050?hl. geworden sind. Wenn man diese Dinge immer ivicdcr von Neuen! hört, so sei man versucht, frühere Feiten znrückzuwünschen, da eine Kabinetsordrc erging de? Inhalts: ein Jude kann einen Hof nur daun kaufen, wenn er ihn mit jüdischem Gesinde bewirthschaftet, und seine Forderungen gelten nur daun, wenn die Baarzahlung vor Gericht geleistet wurde. Das sei eine prompte Justiz. — In diese in Falle sei es ebenso schlimm, die Uuparicilichkcit der Vcrwalnmgsbcaniten zu verdächtigen, wie der Richter. — Er klagt in seiner bekannten Weise über die jüdische Presse, welche fortwährend die Ehrisrcn reize. — M unkel weist die Unterstellung de? Borreducr? hinsichtlich de? provokatorischen Karakler? der Iutervellarii-n;uriuf. Das Aufireieu desselben lvnudert ihn nicht — Stöcker vcrthcidigt seine eigenen Werke. Die Borgänge in Ncustcttin sind aus dessen Autorität;nrück;usührcu. Er liebt den Frieden und manchmal auch die Juden, aber man merkt es nur nicht Henriei war nicht sein Apostel, aber sein Gesin11ung?genosse: wa? er mit Worten macht, machen Andere mit Schlägen. Tic antisemitische Presse übcrbielc an Schamlosigkeit und ähnlichen gntcn Eigenschäften weitaus Alles, was man von der Gegenseite au? der sogenannten jüdischen Presse au führe. Redner sahn fort: Was liegt denn der ganzen Sache zu Grunde? Es hat ein Prozeß vor dein Schivnrgericht stattgesnndcn, und e? ist entschieden worden, wie nach der Meinung jede? Unbefangenen en!schieden werden mnstlc. Für uns gilt jetzt — und ich deine, den Respekt vor dem Gesetz und dem Reet r haben Sic rech!? doch noch, wir wünschen wenigstens, dast 21c ihn haben — für 1111? sielst fest ־. diese sreigesprochenen Leute sind nicht schuldig, sic haben zun! Theil schuldlos in Untersuchung zugebrachl ׳. ob es Juden sind oder nicht, da? gilt zunächst gleich. Dieses freisprechende Urtheil findet eine Mißbilligung in Neustenin in den Arcifcn derjenigen Leute, die man;um Theil schon vorher im Prozesse als Zeugen aufkreten sah und an deren Erziehung Dr Henriei eben mitgcwirkt hat. — Was Halen denn die von der Anklage der Brandslislnng Feigeiprochencn gethan? Sie haben nicht gewuchert und nicht mit Steinen geworfen. Aber das ist ja eben der Vorzug der antisemitischen Lehre, dast, wenn einer etwa? gethan hat, der zufällig Jude ist, was man mißbilligen innst, dann nach dieser Lehre christlicher Liebe die ganze Iudenschast büßt! Das hat ja auch Herr Stöcker jetzt wieder versucht uns;11 sagen, er har cs schon vor zwei Jahren au?führlichcr und hübscher erzählt, als heute׳, weil damals ein Mann mehr als OVO pCt. genommen hat, deshalb werden jetzt die sreigesprochenen Juden in Neuste!!!!! gehauen. Nun, m. H., will ich aber doch sagen: gan; so harmlos, ivic die Vorgänge vorläufig von dem Herrn Minister des Innern geschildert : worden sind — scheinen sic doch nicht gewesen;u sein. Dast Stockschläge auogetheil! worden sind, steht fest, ob mehr oder rvcniger, rst gleichgültig, dast Fensterscheiben;erschlagen und Wohnungen demolirt sind, steht scsi׳, Leute sind verletzt worden. Familien haben die Flucht ergriffen, in Folge des Vorgehens eine? feigen Pöbels, gegen den die Behörden nicht im Stande waren, den an?rcichendcn Schutz vorläufig;n verleihen. Aber, m. H., auf die Ursache, an? der da? Alle? hervorgegangen ist, komm: c? an, und da bin ich;n meinen tiefen Bedauern nicht in der Lage, die königlichen Behörden gan; und gar von jcglichcr VE!schuld frciznsprcchen. Mau must da;n auf den Prozeß und die Bcihciliguug eben jener Behörden an dem Prozeß in Neustem!!;urückgehen-, dergleichen wäre nicht vorgekommcn, wenn die Leute nicht immer noch glaubten, dast sic eigentlich mit dem A111iscmili?mn? und dessen Thaicn nicht blost ein dem Herrn Abgeordneten 3 töcTcr, sondern auch ein der Regierung ivohlgcsälligr? Werk thätcn. Die Meinung ist verbreitet, und wenn Oie e? lesen wollen, so lesen Sic gefälligst nach, welche lebhafte Miiwirknng der Herr Landrach des Neustettincr Kreises sich im Pro;est — Gott sei Dank vergeblich — gestattet hat. Ich habe darüber Nachrichten, die ich für anlhentisch halte, weil sic mir von guter Seite kommen, und sic werden ja hoffentlich auch Gegenstand von Erbebungcn sein. Dast der Herr Landrath neben dem Herrn Staat?an>valr Untersuchungen geführt hat, weiß ja die Welt: er hat dem Herrn Staatsanwalt sein Amt erleichtert, ungebeten. (Schluß folgt.) X. Dortmund, l l. Mär;. Die Hcilessaat des Anti״ semitismn?, tvelchcr in frommen Kouventikein und an den Biergnellen der deutschen Reich?hanptstadt so üppig in Blüthe steht, auch in den schweren rothcn und schwarzen Boden Westfalens;1! strcncil, hatte der tapfersten Ritter einer, Herr Lieber׳ m a u n v 0 n S o n n e n b c r g unsere gute Stadt mit seinem Be׳ suche beehrt, nachdem bereit? Bochum diese? Glücke? theilhastig geworden war. Ter moderne Don Onixotte kam leider mit heiserer Kehle hier an, der Wackere hatte in Bochum seiner Stimme zu viel zngcinuthct. Die Turnhalle war;11m Schau׳ platze seiner Thängteit auserkoren. Zahlreiche Neugierige und ,Freunde der ..guten Sache" hatten sich daselbst cingefnuden, um der Lirbcrmanu'ichcn Offenbarung zu lauschen, welche nach Verficherung de? geehrten Gaste? mit einer .,konfessionellen Hetze" nicht? gemein habe. So ist aber die böse Welt, sic liebt, das :Reinste zu schwärzen — man hatte in der?hat geglaubt, daß die Bestrebilugen des Herrn Licbcrmann eine solche zum Ziele habe. Wie man sich doch täuschen kann! Nein — kein Engel ist so rein,!ein Mensch so edel, kein Deutscher so patriotisch, kein Christ io fromm, wie Herr Licbcrmann von Sonncnbcrg» dessen einzige? Ziel lediglich ״der Schutz der Deutschen und Christen" bildet. So sagte er, und, gewiß, er ist ein ehren׳ iverthcr Mann, wer möchte sein Wort in )Zweifel ziehen? Der Schiiierzcneschrei der armen Christen und Deutschen traf sein ekle? Her; — freilich hat bei 1tn? Niemand gcschrien, da? thnt aber nicht?, er ist doch zur Hülfe und Rettung expreß hierher gekommen. Ist das nicht wahrhaft groß? Leider sind aber in Dortmund sehr verstockte Menschen, sie blieben dabei, nicht! gcschrien zu haben und waren noch so verblendet, in der Ver׳!!ammliing zu rufen, das; die Juden mit den Christen in Deutsch-! laud gleichgestellt, und Deutsche waren, welche ihrem .Kaiser? dienen. Ter hohe Gast richtete an diese bösen Schreier die ge׳! wist berechtigte und höchst angemessene Mahnung: die;um ' Lärmniachen erhaltenen Nickel lieber später in Ruhe zu ver-! trinken, ai? jetzt die Kreise de? Weisen;11 stören. Da erhob; sich denn Einer und fragte naseweis, wer denn Herrn Lieber׳ j mann bezahlte? ״Inden 'ran?," war die wohlverdiente Ant-