Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1884)
- Article
- Deutschland : Hannover [Nachricht]
- Date
- 1884-03-20
- Page
- 188 (sequence 1)
- Language
- German
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188' Korrchoildciizcii imd Nachrlshtcil. Deutschland. * Hannover, 14. Nkärz. Tie Polizei-Berwal!nng hoi sich' am 11. d. ilJi. veranlaßt gesehen, amtliche Darstellung des in Nciistellin nach der Konitzer Freisprechung Geschehenen zu geben. Nach diesem steh! folgendes l hat sächlich fest: Am Abend des 8. März fanden keine ükuhcstörnngen statt. Dagegen begannen Tumulte am Abend des folgenden Tages, und;war, wie der Bericht sagt, unmittelbar nachdem ״and der von einer indischen Familie bewohnten zweiten Etage eines Danses in der Prcnsiiichen Straße Steine unter das Publikum geworfen". Die Juden haben also angefangen, must man ans dieser Darstclliing entnehmen. Wir glauben doch, daß diese Thatfache, wenn sie auch ״durch übereinstimmende Bckiindnngcu glaubwürdiger Bürger und die Wahrnehmungen überwachender Polizeibcamlcu״ scstgcstellt ist — noch einer genaueren Ansklärung bedarf. Denn ״>venn man bedenkt — schreibt die ״Kölnische .׳Leitung" — daß die in Kouitz freigesprochenen Juden 21 Stunden ihre Rückreise anfschoben, weil sie sich vor einem üblen Empfang in Ncnstetlin fürchteten, und sich dann in möglichster Stille Abends in ihre Häuser einzuschlcichen suchten, so leidet die Beschuldigung, sie hätten;ncrst mit Steinen geworfcn und dadurch mnthwillig den Tumult hcrvorgcrufen und das Seichen zum Einwcrfen ihrer Fenster und zum Eindringen in ihre Häuser gegeben, doch an der größten Unwahrscheiulichkcir." — Doch verfolgen wir den polizeilichen Bericht weiter. Eine ״große aufgeregte Menschenmenge" versammelt sich — Drohungen werden gegen die Inden laut — 12 Fensterscheiben eingcschlagen, der jüdische Kaufmann Moses Freundlich, welcher am Fenster feiner Wohnung steht, wird durch einen Sleinmurf au der Stirn verletzt — der gegen 10 Uhr mit den beiden Heidemanns, Vorsteher Löwe und einigen anderen Personen anlangende Omnibus ivird von der Menge zum Hoicl und von da zum Heide,iiann'schen Hause verfolgt. — Trotz der Bedeckung von einem Gendarmen, einem Polizcifcrgeantcn und einem der Bürgerivache angehörenden Bürger werden Scheiben des Dmnibus eingeworfen, der Senge Merner mit Stockschlägen traktirt. — Am 10. März Abends werden zwei Läden jüdischer Kaufleute erbrochen, der Inhalt der Kasse zum Theil umhergestreut, zum Theil gestohlen, Waaren cntivendel. — In 8 jüdischen Häusern Fensterscheiben eingeworfen. — In das Haus des Vorstehers Löwe dringt ein Trupp Tumultuanten ein, zertrümmert Gegenstände in der Speisekammer.-Das sind die nackten Thaisachen, die sich aus diesem Berichte ergeben. Es bedarf wahrlich keiner Uebertreibnng. das hier Festgestellte ist mehr denn traurig — wenn man nicht etiva den Herren Ncusteltiuer Tnmultnanlen beivcglcn Herzens dafür danken muß, das;, wie cs in dem bewußten Berichte heißt : ״Niemand in den Omnibus cingedrungen", der Senge Merner ״nur einige Stockschläge erhallen", ״aber nicht verletzt״ ivordeu. ״Heidmiaun nicht halb todt geschlagen", ״das Heidemann'fche Haus nicht dcmolirl", die Ladcukassc in einem jüdischen Laden ״nur zum Theil entwendet", ״Waaren in beiden Läden nur in geringer Onantität gestohlen", ״nur Weniges in der Speisekammer des Herrn Löive;ertrümmert" — um 12 Uhr Abends des 10. März — also nach über 24slündigem Toben — Alles wieder ruhig geworden! * Berlin, 14. März. Verhandlung des Abgeordneten- Hauses über die Interpellation des Abgeordneten Seile: ״Ist die Staatsregierung in der Lage, über die tnmnllnarischen Vor« gängc in Neuftetlin am 8. und 0. d. M. authentische Ansknnst zn crtheilcn L" — Minister vou P uttl a m e r ist bereit, sofort zu antworten. — Zelle begründet die Interpellation mit dem Hinwei'e auf die Erklärung des Ministers am 25». Februar 1882 in Bezug ans die danialigen Ansschreitnngcn gegen die Inden in einzelnen Orten Pommerns und West- Preußens, welche damit schloß: ich glaube, ich kann auch sagen, es ist das lebte Mal, daß solche Unruhen sich ereignen. Diese Hosfnnng habe sich nicht erfüllt. In Nenslrltin sei die Ordnung gestört. Die Funken in Neusteltin stiegen und cs brennt, hieß es vor zwei Jahren ׳, dies scheine sich auch jevl zu bewahrheiten, rvie die Nachrichten ans Bochum und Dortmund bestätigen, daß auch dort ähnliche Ausschreitungen zu befürchten sind. Seit sei es für die Staatsregiernng, die Funken zu löschen, ehe der Brand ansbreche. — Muusnr von P nttkamcr bemerkt, daß die Ansknnst, welche er geben könne, ans den Bericht der Verwaltnngsbehörde, nicht aber auf beeidigte Sengcnanssagen sich stütze. Das freisprcchendc Erkenntnis; des Schivurgerichrs in Kouitz sei am 7. d. M. in NeusteNin bekannt geworden, ohne daß man eine Erregung daselbst bemcilt hätte. Als am 8. d. M. Abends die Freigesprachcnen mit dem letzten Zuge aulangkcn und in einem Hotelomnibns zur Stad! fuhren, habe zu gleicher Seit ein Maskenball im Martini'schen Lokale staltgesnnden. Unmittelbar bevor der Omnibus hier vorbcisnhr, seien aus dem gegenüberliegenden Hanse, ans der Wohnung des jüdischen Kaufmanns Flatow, Steine in die Menge geworfen worden. Iedcnsatts glaubte die Menge, daß die Steinwürfe ans diesem Hanse herrührlen. Daraus entstand eine Aufregung. Der Wagen wurde angehalten; cs gelang aber dem Bürgermeister und den Polizisten, die andrängende Menge von dem Wagen sernzuhalten und unter persönlichem Schutz die Insassen in ihre Wohnung zu geleiten. Nur die Wagenfcnster wurden zeruninmert. ,Der Minister fügte später noch ergänzend hinzu, daß auch der Zeuge Klempner Merner einige L-tockschläge er- Hallen habe, jedoch ohne ernstliche Verletzung.) Die erregte Menge lerstrente sich und trieb lhcilwcise einigen Unfug. Bei einigen Einwohnern jüdischer Konfession fii.b die Fenster eingcivorien, und dem Kaufmann Freundlich ist durch einen Steinwnrs eine unerhebliche Verletzung zngcfngr lvorden. Der in der Stadl wohnende Landrath des Kreises richtete am!>. d. M. an den Regierungspräsidenten eine Depesche, in der er anzeigte, daß ein nicht unerheblicher Slraßenkrawall stailgefnndcn und daß er Die nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen habe. Diese bestanden in dem Susainmcnziehcn der sämmllichen 0 Gendarmen des Kreises, von welchen 5> beritten, 3 Polizeiscrgcantcn, 1 Hnlfsdiener und :1 Nachtwächtern, letztere allerdings nur mangelhaft bewaffnet. Der Landralh hatte also gemeint, daß diese Polizeimach: genügen würde, etwaigen späteren Exzessen wirksam vorznbengen. Am S). d. M. sind alle Schcnkwirlhschastcn vor 0 Uhr Abends geschlossen worden. Allerdings gesellte sich der unangenehme Umstand hinzu, daß Plötzlich Schlagsrost eintrat, so daß die Berittenen ihren Dienst zu Pferde mit stnmpsen Hnfcn nicht ansübcn konnten und mit den schweren Säbeln an der Seite nicht wirksam cinzngrciseu im Stande waren. Bei Beginn der Dunkelheit rottete sich die Menge wieder zusammen und schritt zu Exzessen. Trotz des Einschreitens der Beamten, konnte cs nicht gehindert ivcrdcn, daß in einigen Häusern Fenster cingeivorscn, einige Fensterläden demolirt und die Thüren des .üansmanns Freundlich und dcö Synagogenvorstands Löwe gewaltsam cingebrochcn wurden. Bei ersterem drang man in den Laden und zerstreute die Ladcnkasse. nahm auch zwei kleine Gebinde Brannnvcin weg; bei letzterem ist man in die Speisekammer cingcdrnngcn. An beiden Orten sind die Exzedentcn bei dieser Plünderung betroffen und thcils zerstreut, theils verhastet• worden. Später hat die Bedrohlichkeit des KarakterS dieser Exzesse allerdings dazu geführt, daß die Polizeiorgane mit aller Energie einschritlen und von der blanken Waffe Gebrauch machten. 8 bis 10 Verhastungen sind vorgcnommcn worden, und der Minister glaubt, daß die Verhasteten deö qualifizirlen Land-