Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1884)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1884-03-20
- Page
- 184 (sequence 2)
- Language
- German
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184 (Mott, heute hält' ich an'S Essen nimmer gedacht. — Ader Du wirst Dünger Huden," wandte sie sich au Ehrmann, als das Mädchen, nachdem sic die Schüssel auf den Tisch gestellt, das Zimmcr wieder verlassen hatte, ״schau, wie dumm man wird, wenn man all wird; wenn der brave Rachbar die Rostbratel nicht; geschickt hätte, hättest heute hungrig zu Bett gehen; müssen." 30״ arg wäre cd nun doch wohl nicht geworden," versetzte er lächelnd, ״meinst Du, ich hätte mich genirl, Dich um ein Stückchen Brod zu bitten?" ״'n Stück Brod — das wäre was rechtes gewesen," sagte die Alte wegwerfend, indem sie ein weißes Tuch Lider den Tisch breitete und Teller und Bestecke daraus ordnete. Glicht hatte sic schon zuvor angezündet und Ehrmann hatte das Fenster geschlossen und den Vorhang niedergleiten lassen, da einige theilnehmende Gassenbuben ihre Blicke von dem Fenster der alten Leah nicht trennen konnten. ״Recht hast Du, daß Du zumachst; eS schmeckt nicht, wenn die Buden einem so in'S Maul schauen. Aber die Rostdratel sind gut, wirst'S sehen, der Nachbar hat 'ne Garküchen, da wird gut gekocht. Aber nun komm, Köln, mein Kind, wir wollen uns waschen." Ehrmann folgte der Aufforderung und Beide traten zu einein nieder» Tischchen in der Ecke des Zimmers, aus dem ein Lavoir und ein irdener Krug mit Wasser sich befanden. ״Wasch' Dich, Kind," sagte die Alte, indem sie aus einem Schubkasten ein frisches Handtuch nahm. Eine leise Nöthe färbte die Wangen des jungen Mannes; seit seinen Kindcrjahrcn hatte er deS WaschcnS vor dem Essen nicht gedacht; aber jetzt, als die Alte ihn daran erinnerte, entsanu er sich sofort darauf; dennoch vergaß er, den Kopf zu bedecken. Leah reichte ihm seinen Hut, aber cS lag ein mißbilligender AnSdruck in ihren treuen, ehrlichen Zügen. Als sie aber am Tische saßen und Ehrmann sich das würzig duftende Rindfleisch trefflich munden ließ ttnb dabei erwähnte, daß dieses die erste Fleischspeise sei, die er genieße, seit Lcah sein väterliches Hans verlassen, da ließ die wackere Alte Messer und Gabel sinken, und Helle Thräncn glitten über ihre gelben faltigen Wangen. ״Herr Gott — wer hätte das für möglich gehalten! — Aber Kobi, mein Kind, das ist ja nicht gesund. — Za, wenn das so ist, wenn Du kein Fleisch issest, als bei der alten Lcah. dann freilich zieh' ich zu Dir nach W.. . . oder wohin Du willst. — Und brauchst Dich nicht zu fürchten, Kind, daß ich über den Lärm in der großen Stadt Dir, Gott behüte! trank werden möchte. — Ich bin ja noch nicht gar so alt, achtundsechSzig zu Gutem — und ich wcrd' mich schon bald gewöhnen — und Du mußt auch wieder alle Tage Fleisch essen — gut wär'S, sogar zwei Mal — Du siehst noch immer so blaß ans — wenn Du'S be׳ streiken kannst, heißt das —" ־״)lim, ich Hesse, ich werde cö bestreiten können, daß wir zwei Mal täglich Fleisch essen," erwiderte Ehrmann lächelnd, ,.und ich bin Dir aufrichtig dankbar, Leah, daß Du meine Bille erfüllen willst. — Du wirst sehen. eS wird schon alles gut gehen, und wir werden recht gentüthlich zusammen leben." ״Willen'S Gott!" erwiderte Leah mit schlecht unterdrücktem Seufzer, sie hatte doch noch eine ge- Heime Augst vor der so furchtbar großen Stadt. ״Und brauchst Dich gar nicht zu sorgen, Kobileben, ich gewöhne mich schon an Alles — vielleicht könnt' ich Dir auch aushelfen im Geschäft — was für, eines hast Du denn'?" ״Zch habe kein Geschäft, ich bin Doktor." ״Doktor? ein wirklich gestudirter Doktor? Herrgott! wenn ich das gewußt hätte —" ,,Du hast Co gewußt, Leah, ich habe eS Dir schon in Woikersdorf gesagt, daß der Baron mich studiren lassen wird." ״Ja, ja, ganz recht, jetzt denk' ich'S schon — und wirklich hat er Wort gehalten?" ״Er hat Wort gehalten und hat in dieser ganzen Zeit für ntich gesorgt. — 311t vorigen Jahre ist er gestorben; aber ich hoffe, cS wird mir mit Gottes Hülfe auch weiter gut gehen; ich habe Aussicht, rascher als die Meisten in PrapiS zu kommen." Die Alte verstand nicht genau, was er sagte, aber sie blickte ihn noch immer kopfschüttelnd an. ״Also Doktor bist Dn geworden — gestudirter Doktor — und so fein siehst Dn ans — so nobel — und noch Doktor dazu — da schickt sich'S wirklich nicht mehr, daß ich Kobi zu Dir sage und Dn —" ״WaS fällt Dir ein!" lachte Ehrmann, ״da möchte ich mich doch lieber von keinem Menschen Doktor rufen lassen, als von Dir nicht, Kobi." ״Gutes Kind," sagte die Alte gerührt, ״so gern hast Du die alte Leah?" ״Und wen sollte ich gern haben, wenn nicht Dich? — Ach, Dn weißt es ja, wen habe ich sonst?" Leah wischte sich eine Thräne aus den Augen; sie öffnete den Mund, als wolle sic reden, dennoch schwieg sie. ״Aber weißt Du, Leah," begann Jakob nach kurzer Pause von Neuem, ״weißt Dn, was ich jetzt studiren werde?" ״Was? noch willst Du studiren? — ich Hab' gemeint, Du wärst schon fertig."?Forlscyung folgt.)