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Jeschurun · 1884-03-20 · Heft 12 (20.3.1884) · p. 181

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 12 (20.3.1884)
Article
Der Neustettiner Synagogenbrand
Date
1884-03-20
Page
181 (sequence 2)
Language
German
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181 Theil eine Folge des ']icuftetuncr?fffairc, der Köslin er Verurtheilung, während das gerade (üegenU)eil der Wirtlichkeit entspricht. Der Antisemit ismtts hat sich des unglückseligen Eieignince׳ für seine Zwecke bedienen wollen, wie er jeden anderen Anlaß ebenfalls nicht ungenützt lassen würde. Mit Argnsaugen späht er überall ans, wo er eine Handhabe für sein trauriges Geschäft finden könnte; er kennt kein Erbarmen und Mitleid, er verleugnet jedes Rcchtsgejühl und spricht allem Hohn, was sonst im Kreise der Gesitteten ans Rücksicht Anspruch hat: nur kühn geschmäht und frech vcrlennidet, etwas nützt es immer, das ist seine Marime. Angenommen, die angeklagten Neustettiner Juden wären in der That Verbrecher, als welche sie während der Zeit von dem Kösliner Spruch bis zur Konitzcr Entscheidnng fälschlich galten, -- wo könnte matt es bann vor Gott und der Gerechtigkeit rechtfertigen, die Schuld der Einzelnen der Gejcmimtheit anszubürden? Und in welchem Maße und in welch widriger heuchlerischer Weise ist dieses geschehen! Nicht der Abscheu und die sittliche Entrüstung über das vermeintlich begangene Verbrechen, die Helle Schadenfreude that sich kund — es tonnte ja nichts Herrlicheres geben, als jüdische Brandslisler eines jüdischen Tempels! D, es hat gewirkt, prächtige Erfolge erzielt, das Gift der.Verleumdung׳, arme, bethöne Massen sind davon insizirt, — die non der Anklage los und ledig Gesprochenen werden von ihren Mitbürgern mit .Knütteln intd Insulten begrüßt, nnd der erstaunten Welt zeigt sich die Bestialität in erschreckendster Nacktheit, nicht im Hottentoiwulaud, sondern in dem ersten Kulturstaat des Erdtheils der Kultur. Es ist ein niederschlagendes trübes Bild, welches sich unserem Blicke entrollt, — wie weit ist es gekommen, daß in einer preußischen Stadt also dem Wahrsprnch eines preußischeu Gerichts Trotz geboten wird! Da könnten wir jubeln, da wäre Anlaß zu einem trinmphireuden Jauchzen? Die Synagoge in Neustettin geht in Flammen auf, man fahndet vergebens nach dem Brandstifter. Aber über vier unbescholtene Männer zieht sich ein klngcwiltcr zusammen. Man munkelt allerlei; man faselt das Widersinnigste, Unvernüufligste und Unfaßbarste; Weibergeschwätz und Kinder- Phantastereien überbieten sich im Ungeheuerlichsten. Was undenkbar schien, wird Wirklichkeit. Die Anklage wird erhoben; das Licht der Wahrheit vermag den dichten Nebel des Wahns nicht zu dnrchdringen; die Unschuldigen werden verdammt. Rettungslos wären sie verloren, wenn es nicht gelingen sollte, einen Formfehler in der gerichtlichen Prozedur zu entdecken. Diese Entdeckung wird gemacht, und nunmehr ist die Wahrheit mächtiger, lie erringt den Sieg. — Wenn aber jener Fehler nicht begangen wäre?'? An einem solchen Ungefähr hing ' die Freiheit und Ehre unschuldiger Menschen, mit deren Ebre der Haß die Ehre einer Gesammtheit identifizirte.! — Da sollten mir jetzt laut jauchzen und trinmphiren?; Wer bürgt uns dafür, daß nicht morgen sich Achuliches! wiederholt, und wer vermag dafür einzustehen, daß alsdann wiederum ein solches Ungefähr der RcttnngSankcr ist? Nein, nicht eine Zeit des Jubels und des Triumphes ist es, in welcher wir leben. Dem Antisemitismus sind einige Opfer entrissen worden, das wird er uns nicht verzeihen. Er wird um so eifriger nach neuen ausschauen. — — Unsere Hülfe ruht in Gott. Ihm sei Preis und Dank für den Schlitz und die unwandelbare Fügung in dem eben beendeten Prozeß, der aber nur ein Glied in der langen Kette bildet, welche von der grauen Vergangenheit bis in die Gcgenw wt reicht und den Leidensgang abmißt, den der abrahamirische Stamm durch die Geschichte wandelt. Die Möglichkeit der erhobenen Anklage und der erstmaligen Verurtheilung ist für uns so bcdcutnngSvoll und traurig, daß der Jubel verstummt. Die Aufnähme des Konitzcr Wahrspruchs seitens der Mitbürger der für schuldlos Erkannten erfüllt uns mit so tiefem Weh, daß keine Freude in uns aufstcigt. Der Tag ist noch nicht gekommen, den der Koraiden Lied singt, da: חסד ואמת נפגשו צדק רגל ו ם נש^ו ״Liebe und Wahrheit sich begegnen und Recht nnd Friede sich küssen." Aber er zieht herauf, dieser Tag. trotz der antisemitischen Künste, trotz des Hasses und Borurtheils — und auch der Konitzcr Wahrsprnch deutet auf dessen Morgengrauen hin. Kvlltktw- Berichtc ans Ungarn. XXXI.;Dorlsctzung.) Durch Zwangsmaßregelu wird also die Jeschiba- Frage gewaltsam ihrer Lösung zneilen. — Die Zeit, wo durch eine freiwillige Gewährung und zeitgemäße Reorganisation ans eigener Initiative ganz unzweifelhaft die Ortl)oboric intensiv und ortensiv gekräftigt und in den Augen der Welt an Ansehen gehoben worden wäre, diese günstige, aber leider unbenutzte Zeit ist mm unwiederbringlich dahin. — — Doch genug, was nützt ein צועק לשעבד! Unserem Vorsatze gemäß haben wir noch über die Bedeutung nnd Tragweite des erwähnten Erlasses unsere Ansicht zu äußern. — Tie jüngsten Ereignisse nehmen Fragen in Anspruch, welche vor ganz kurzer Zeit für gänzlich midiskutirbar gehalten wurden, und welche Niemand in Anregung zu bringen gewagt haben würde,

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