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Jeschurun · 1884-03-13 · Heft 11 (13.3.1884) · p. 172

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 11 (13.3.1884)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1884-03-13
Page
172 (sequence 1)
Language
German
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KmchMdcilM 1111b Nachrichtcn. V zu lassen, dann;lande vielleicht nach mittelalterlichem Deutschland. Rechte das Gut und Blut des Inden den Herren -a- Berlin, 2. März. Schon eine ziemlich geramnc Zeit ist verstrichen, seit ich 31)11011, geehrter I -Herr Redakteur, meinen gewohnten Bericht über die Umtriebe der christlich-sozialen Partei zuletzt sandte. Ich wollte nämlich meine Glossen zu dem alten Liede der Judenhetzc, welches noch nicht ansgeklungen ist, obgleich die Variationen über dasselbe immer miserabler,! die Stimmen. von denen es gesungen wird, immer! heiserer werden (ob dieses vielleicht daher kommt, weil das Lied fast immer in Brauereien von Stöcker und ' Konsorten gesungen wird?) — zurück halten, um nicht; die geehrten Leser des ״Jeschurun" dadurch zu ermüden.! Heute aber drückt mir eine neue, bis jetzt noch nicht ' vorgetragcne Variation des LicdeS die Feder wiederum > in die Hand. Es galt nämlich am Freitag, den! 20. v. Mts., in der Viktoriabranerei das Thema: ׳ ״In den presse und die Armee", in welchem Herr! Stöcker so recht nach Herzenslust seiner Zunge freien ' Lauf lassen konnte — sogar zu freien. ״Die anti- : jüdische Bewegung hat sich mit Natu r ltoth tv endig-; feit überall hin verbreitet, wo cs Juden von der; heutigen Art gicbt," sagte er; ob er wohl wußte, was er sagte? Also, eine ״Naturnothwendigkeit" gicbt j dem Menschen die Waffen und die Mittel, um gegen j Mitmenschen, welche nicht gegen Moral und Menschen-; gcsctz verstoßen, in schadcnbringender Weise vorzngehen,! wie cs Stöcker und Kollegen thun. Das glaubten ja! diese selbst nicht! Und wenn alle Anderen cs glauben j — ein christlicher Prediger, ein Verkünder der chrifti lichcn Liebe Und Duldung darf cs nicht glauben. Doch er sagt ja, die Juden ״übten auf die Interessen, die Ehre und die Moral eines christlichen Volkes einen schlimmen Einfluß aus." Hat Herr Stöcker schon irgendwo einen ״schlimmen" Einfluß der Juden bcmerkt? Hat er ihn vielleicht bei sich selbst bcmcrft? Wenn er dieses letzteren sich bewußt ist, so ist cS sicher, daß das Schlimme, Gemeine, Niedrige, was er in Folge dessen in seinem Herzen etwa zu entdecken glaubt, nicht durch den Einfluß der Juden hcrvorgcrufen sein kann, sondern Ureigcuschaft seines Karakters sein muß. Und ferner, wenn Herr Stöcker gegen die Juden! ״der heutigen Art" vorgeht, dokumentirt er damit nicht,! daß er wünscht, die Juden sollten wieder so werden,! daß sic in die Nacht des Mittelalters znrücks.äuken, mit! dem Hausirbündcl ans dem Rücken schachernd, und, wie von jener Seite behauptet wird, daS Volk mit Bändern und Tüchern, den Adel mit Geld gegen gigantische Zinsen beglückend? Dann hätte ja Herr Stöcker freie Erlaubnis, die Juden zu drücken, dann! Geistlichen wieder zur Verfügung, damit zu schalten und zu walten nach Belieben. — Was Herr Stöcker nun über die ״Judenpresse" verkündet, ist zu ״abgedroschen", um darüber noch ein Wort zu verlieren. Aber eine Bemerkung des Hofprcdigers verdient der Wahrheit gemäß beleuchtet zu werden. ״Juden dürfen keine Offiziere werden", meint Herr Stöcker, ״denn die Juden würden sich schwerlich in Respekt setzen, den gemeinen Soldaten gegenüber. Ich wünschte deshalb, die Juden würden vom Kriegsdienst ganz befreit. Löwen find sic ja doch nicht." Ich will hier keine Lanze dafür brechen, daß den Juden die Offizier- Karriere eröffnet wird, aber die Tapferkeit der jüdischon Soldaten in Abrede zu stellen, daS wird jeder Manu, der z. B. 1870 und 71 mitgekämpft hat, für eine Lüge erklären müssen. Der jüdische Soldat folgte ebenso gern und freudig dem Rufe des Vaterlandes, focht mit gleicher Begeisterung und Tapferkeit für das Heil desselben, wie der christliche. Unzählige Fälle, wo jüdische Soldaten sich besonders ausgezeichnet haben, sind dem Gedüchtuiß überliefert. Und noch jetzt, wenn das Vaterland ruft, wenn es zur Pflicht mahnt, wird der Jude neben dem Christen cintreteu für die heilige Sache, nur mit den Worten Ihres Jcschnrun-Dichtcrs, Jedidjah, zu reden: Zeigt ihm. daß in euch wohnt ein Herz der Treue, Ein Herz, das schlägt jür'S theure Vaterland — Ihr seid jetzt Brüder, stolze, freie! Ench schirmt der Boden, der einst schwankend stand. Wenn auch zur Zeit ein Feind hcranstürmt, uns die Sicherheit zu rauben durch Unwahrheit und Verleunidung, laßt uns bedenken, daß nicht der Staat uns bedrängt, obwohl er das Treiben der Stöcker und Konsorten duldet, — bedenken, daß, wenn das Vaterland in Gefahr ist Dann ruft die Pflicht der Dankbarkeit und Ehre, Folgt ihr mit Freude, ihrer stets gedenkt! Es gab durch's Vaterland dir Fried' und Wehre Der höchste Gott, der stets dich, Jndah, lenkt! v 21110 bem Nelg.-Bez. Kassel. Politischen Blättern entnehmen wir die Nachricht eines entsetzlichen Mordes, verübt in der Nacht vom Sonntag auf Montag {2.!3. März) an dem hochbctagten, kränklichen Salomon Wolf' scheu Ehepaare in Nordeck bei Marburg. Muthmaßlich ist Raubsucht das Motiv zu dieser unseligen That gewesen, da :e. Wolf als wohlhabend bekannt war. — Möge die cingeleitcte Untersuchung zur Er- Mittelung des Mörders erfolgreich sein.

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