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Jeschurun · 1884-03-13 · Heft 11 (13.3.1884) · p. 168

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 11 (13.3.1884)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1884-03-13
Page
168 (sequence 2)
Language
German
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168 pfoftc, zur Belustigung der freundlichen Gassenjngcnd.! Doch dafmitincrlc ihn nicht, er halte auch die offen-! stehende Zimmcnhür rasch gefunden und hatte die! Lchwelle deärmliche!! aber peinlich )anderen Slübchens! bereitüberschritten, bevor die alte real] sich von ihren!! Staunen erholt. — Doch wie hätte sic sich auch von ihren! Staunen bereiterholen sonnen? in! Gegentheil, sic staunte mehr und mehr, hatte sic doch noch innner seine Ahnung, wen sie vor sich sah. Unwillkürlich aber hatte sie ihren Sitz 6m Fenster verlassen imb war den! (iinirctcnbcit cntgegcngekommen und mm standen sie einander gegenüber, der hochgewachsenc, elegante junge Mann und die welke kleine Alte mit bau gelben fälligen Angesicht, in den! säubern, aber doch ärmlichen Gewände. 8n athernloser, fast peinlicher Spannung blickte sie zu ihm aus, er aber schaute zu ihr nieder mit über jtrömr!!bei! Augen. ״Leah!" sprach er endlich leise, ״meine liebe liebe Leah, hast Du den Kobi noch nicht vergessen?" ״Köln'" schrie die Alte ans mit dem Ausdruck freudigste!! Erstaunens. Er aber hatte Koffer und Ucbcrzieher rasch auf einen Sessel geworfen, hatte seinen Arm um die Schultern der Zitternden geschlungen und zog ihre runzelige Hand an seine Lippen. ״Meine liebe, gute, treue Alte —" ״Kobi!" schluchzte Leah, ״mein Kobi! — mein Kobklebclang!" und gleichzeitig jauchzend und weinend lehnte sie das Haupt an die Brus! dejungen Manne-. Sorgsam geleitete dieser die furchtbar erschütterte Greisin zu ihren! Armsessel und sprach in sanften, freundlichen Worten ihr zu, aber ewährte lange,, bevor sic ihre Erregung auch nur insofern zu demeistern vermochte, um seine liebevollen Fragen zu beantworten. Bon der Gasse her schweiften zahlreiche Blicke durch das ossene Fenster; die alte Leah hat einen Gast! einen vornehmen, noblen Gast! — wer!nachte das sein? — Wie ein Lauffeuer durcheilte diese seltsame, interessante ')Wenigkeit da- Jndenviatel, indem ein Jeder die alte Leah Neichmann kannte und schätzte. Und nun saßen sie einander gegenüber, die alte Leah hielt die Hände des jungen Mannes, streichelte und küßte sie und konnte nicht müde werden, ihn anzuschauen. ״Mein Kobi! mein Kobi! — ist'S denn möglich? — bist Dn'S wirklich?" ״Zweifelst Du?" fragte er lächelnd, ״muß ich Dich erst an alle die schönen und die traurigen Stunden erinnern, die wir zusammen verlebt? — Weißt Du noch, wie Du von uns fort bist und ich Dich zum Steüwaaen bcalcitet habe und;6 laut weinte, daß Du fürchtetest, der Vater könnte es erfahren und mir deshalb zürnen, und wie Du da von einer Obsthändterin für einige Kreuzer Aepfel gekauft und mir zum Andenken gegeben hast, aber nur unter der Bedingung, daß ich nicht länger weine?" ״Und Du weißt das alles noch? O, Du mein gebenschter Junge! mein goldiger Kobi! Gott soll Dich benschen! — Und immer und immer Hab' ich zun! lieben Gott gebeten, daß er mir das erweisen soll, daß ich meinen Kob! noch 'mal sehe. — Und nun hat Er mir die Chesed gcthan — meine alten Augen haben!nein Goldlind wiedcrgcschcn — und nun, mein ich immer, eS war' doch nicht wahr, weil's zu schön wäre." ״Und eS ist dennoch wahr, Leah, glaub' es nur, — und ich hoffe, eS wird noch schöner werden. Doch davon später. — Jetzt erzähle mir, wie Dir's ergangen ist in dieser ganzen langen Zeit, seit wir uns nicht gesehen. Die Erlebnisse der Alten waren bald berichtet. Als sie Ehrrnann'S HauS verlassen, war sie zu ihrem kurz zuvor verwittweteu Schwager gezogen und hatte diesem den Haushalt geführt. Die bereits erwachsenen Kinder dieses Schwagers hatten sich inzwischen nach auswärts vcrhcirathet; vor zwei Jahren war der Schwager gestorben, und zum Lohn für die langjährigen Dienste, die sie den! Berstorbenen geleistet, hatten dessen Kinder ihrer alten Tante das Wohnrecht in dem Häuschen ihres Vaters überlassen. Scitden! lebte nun Leah ganz allein, aber doch nicht verlassen, wie sie ihrem Kobi versicherte, denn in der ״Khille" gab es gar viele gute Menschen, und ein Jeder war freundlich gegen die freundliche Alte und selbst in den langen Winterabenden war sic selten allein. ״Aber zuweilen scheinst Du Dich doch recht einsam zu fühlen," meinte Ehrmann. ״Nun, bisweilen, das kann ja schon nicht anders sein — genau genommen bin ich ja doch hier fremb und geh' in der ganzen Khille Keinem nichts an — aber sie sind Alle brav und gut, ich darf nimmer klagen." ״Das freut mich. Aber weißt Du, was mich noch mehr freuen würde? — Mir geht eö so wie Dir, ich habe auch keinen Menschen, dem ich was angehe — j.unb da habe ich mir nun gedacht, wie schön das wäre, ' wenn wir Zwei immer zusammen sein könnten. — Und das könnte sein, Leah; wenn Du wolltest, könntest Du zu mir nach W.ziehen und mir die Wirthschüft führen. Willst Du?" Staunend schlug die Alte die Hände zusammen. ״Herr, du!nein Gott! was das Kind da redet! Dem Kobi sollt' ich die Wirthschafr führen! — dem Kobi! — Ader ist Dir denn das Dein Ernst?"!Forts, folgt.)

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