Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1884)
- Article
- David Haller
- Date
- 1884-03-06
- Page
- 158 (sequence 2)
- Language
- German
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158 .,Gewiß," cntgcquctc diese, ״und ich werde von meinem Rechte als ältere Schwester ernstlich Gebrauch machen und hiermit den Befehl er: heilen, das; Du des Abends ein Stündchen in unserer Mitte verbleibst und Dich nicht immer sofort nach Lein Mahle aus Dein Zimtncr zurückzichst." ״Aber ich habe so Biele? lernen." erwiderte David, ״wenn ich auch jetzt vielleicht nicht mehr so anhaltend und säst ausschließlich mich היו! den Gymnasialgegenständen zu beschäftigen habe, so gebrauche ich die Zeit, um da? in den letzten Jahren etwa? vermachlässigte talmudische Studium eifriger zu betreiben. Ich habe mit Onkel Grodnauer deswegen schon verabredet, daß wir fortan anstatt einer täglich zwei bi? drei Stunden lernen wollen." ״Daraus wird nichts," fiel Feder ein. ״Ich vorkenne keineswegs die Wichtigkeit der talmudischen Wissenschaft für Deinen zukünftigen Beruf; aber in dem Maße, wie ehedem, haben unsere Geistlichen den Talmud nicht mehr uöthig. Sic müssen die Welt und die Zeit verstehen, um ihres Amtes in wahrhaft ersprießlicher und segensreicher W«nse walten zu können, und das lernen sie aus dem Leben und Verkehr." ״David hat auch mir gegenüber ohcimlichc Pflichten zu erfüllen," nahm Clara lächelnd das Wort, ״welche er bis jetzt in unverantwortlicher Vernachlässigung außer Acht gelassen hat. Cr hat sich mir noch gar nicht als liebenswürdiger, aufmerksamer Onkel gezeigt. Außer bei Tische haben wir uns fast niemals gesehen. Ich glaube, er furchtet sich vor der Unterhaltung der Menschen, die mit ihm nicht ein trockenes Wissenschaftlichcs Gespräch führen mögen." David erkannte, daß Clara recht hatte; er fühlte sich in der That in der Gesellschaft nicht heimisch, weil ihm die Hebung und Gewandtheit fehlte, sich in derselben zu bewegen. Da er aber dieses nicht zngeslehcn wollte, so entschloß er sich, das Gegentheil zu erweisen, und gab den Vorstellungen seiner Verwandten nach. Die Unterhaltung wurde durch die Ankunft des Di׳. Vurgwald unterbrochen, welcher nach der ersten Begrüßung sich an David mit den Worten wendete: ״Das ist aber wirklich ein stannenswerthes Wunder, Sie hier einmal zu treffen. Ich beglückwünsche Sic zu dem Erfolg Ihres emsigen Studiums. Sie werden in meinem Adolf einen Kollege« haben und hofsentlich gute Kameradschaft mit ihm halten. Ich rechne daraus, daß Sic dadurch veranlaßt werden, mein Haus häufig zu frequentircn; gemeinsames Streben führt schnell zur Anknüpfung inniger Freundschaftsbande, namentlich bei jugendlichen Herzen. Mein Adolf wird, gleich Ihnen, sich dem theologischen Studium widmen; er fühlt dafür einen mächtigen inneren Trieb und eine wahrhaft heilige Begeisterung." ״Das Beispiel des Vaters leuchtet ihm in Hellem Glanze voran," meinte Feder; ״es ist kein Wunder, wenn cs ihn zur Nacheiferung cinladet. Du kannst in der That im Umgang mit dem jungen Vurgwald nur gewinnen," fuhr er zu David gewendet fort. ״Sie unterrichten Ihren Sohn doch unzweifelhaft selbst zur Vorbereitung für seinen zukünftigen Beruf, würden Sie nicht gestatten, daß David an den! Unterrichte thcilnimmt? Ich jürchtc, er wird bei meinem verehrten Oheim ziemlich einseitig." ״Mit vielem Vergnügen," entgegnete Bnrgwald. ״Ich nehme Sic gern znm Schüler an, junger Freund. Mein Adolf hat freilich noch nicht so viel im Talmud gelernt, wie Sie, der Sie ja trotz Ihrer jungen Jahre eine ziemlich große Belesenheit besitzen sollen. Aber ich glaube, Ihrem Schwager beipflichtenzu müssen. Der vortreffliche Herr Grodnauer, den ich wegen seiner bedeutenden talmudischen Gelehrsamkeit hochschütze, ist für einen strebsamen, klassisch gebildeten Jüngling zu einscitig und vermag ihm nicht die richtige Anleitung für das Nabbiucramt zu gewähren. Cs fehlt ihn: die methodische Durchbildung der Materie, der kritische Blick, die historische Anschauung. Cr gehört noch ganz der alten Schule au, die ja für ihre Zeit Anerkennenswcrthes geleistet, ans welches wir in dankbarer Pietät hinzuschauen verpflichtet sind. Das Talinudstudinm verlangt aber für die Gegenwart eine total verschiedene Behandlung; es muß in echt wissenschaftlicher Methode betrieben werden. Oer hellere Geist unfcvcr Zeit paart sich nicht mit jener rührenden Naivität der Alten, welche in gläubigem Sinne an den Talmud hinantraten. Wir gehen in streng wissenschaftlicher Weise, wie in anderen Disziplinen, so' auch in diesem Gebiete vor. Ohne Voreingenommenheit und vorgefaßtes Urthcil fordern wir das ehrwürdige Schriftthum unserer Alten vor den Nichtcrstnhl unseres kritischen Verstandes und von linguistischen und historischen Forschungen unterstützt suchen wir die Urkunden zu sichten und ans ihren wahren Werth zu prüfen. So wird cs denn unserer Zeit beschieden sein, endlich eine ernste Wissenschaft des Judenthnms zu erzeugen und einen neuen Geist dem welk gewordenen Körper cinzuhauchcn nach dein Vorbilde der alten Tanaitcn. die für ihre Zeit das Gleiche gewirkt, als die Nachfolger der Männer dcö großen Synhedrion rcsormircnd, ohne zu zerstören. Neues schassend, ohne das Band zu zerreißen, welches uns mit der Vergangenheit verknüpft, konservirend, was der Erhaltung wcrth ist, aber auch mit kräftiger Hand den Schutt der Jahrhunderte hiuwcgräumend, welcher den Eingang zum Heiligthume versperrt, aber auch den energischen Schnitt nicht scheuend zur Entfernung der Wnchcrpstanzcn, welche den Stamm, ihm seine besten Kräfte entziehend, umranken. Die Schöpfung eines