Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1884)
- Article
- Österreich-Ungarn : Preßburg, 26. Febr. [Nachricht]
- Date
- 1884-03-06
- Page
- 157 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933060--15075-2956299- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wählen, sondern auch eine in Dcrftävftcnt Grade sich knndgcdende ׳ Gchässigkeit gegen die Inden. Der Mi-- nisterpräsident, Herr non Ti^za, hat sich deshalb zn solgendcm Erlaß gcnöthigt ge sehn!, welcher das Datum des 24. d. M. trägt.- ״And verschiedenen T'veilen des Landes ist mir die Nachricht zngekommen, daß die Agitation zur Verbreitung 1um Gehässigkeit zwischen den Nassen und Konfessionen und zur Störung des friedlichen Bcisammenlcbcns derselben in neuerer Zeit wieder begonnen haben und tch'irs mit gewissenloser Bcwnßlheit, thcits mit sträflicher Unbesonnenheit detrieben werden. Dieser Umstand macht cs mir zur Pflicht, unter Bezugnahme ans meine Zirkular Vcrordnnngen vom 22. Oktober 882 ן und 28. August 1883 das Mnnizipinm hiermit anfznfordcrn, die gegen welche Konfession inuner. gegen welchen im Lande lebenden Stamm immer anftanchendcn Agitationen mit wachsamsten Auge zn verfolgen, dieselben im Keime zu ersticken, die Agitatoren selbst aber ohne Unterschied der Person mit der ganzen Strenge des Gesetzes zn strafen,, beziehungsweise die Versagung der kompetenten Behörde in jedem einzelnen Falle unverzüglich zu veranlassen, gegen solche Agitationen mit der größten Wachsamkeit und Energie vorzngchcn und Alles, was sie in dieser Richtung wahrnehmcn oder im eigenen Wirkungskreis verfugen, dem Manizipinm ohne Verzug anzumelden. Von dem Mnnizipinm aber erwarte ich, daß es von den in Folge dieser meiner Zirknlar-Vcrordnnng getroffenen Verfügungen möglichst bald, von seinen etwaigen Wahrnehmungen und den in Folge derselben getroffenen Maßnahmen von Fall zn Fall mir ausführlich Bericht erstatten werde." Nußla 11 d. E. R. Pvltawn, 23. Februar. Nicht Ruhe und nicht Rast zn finden während der langen Dauer des Exils, dieses furchtbare Geschick der בגי ישראל haben wir russischen Juden am meisten zu dulden. Kaum haben die Greuel der Jndenhctzen seitens des russischen Pöbels anfgehört, so tritt an deren Stelle die Negierung, deren Pflicht imb Aufgabe cs doch eigentlich wäre, ihre jüdischen Untcrthancn, welche doch durchaus nicht den schlechtesten Theil der Bevölkerung Rußlands bilden, zu schützen und nach Kräften zu fördern. Täglich zittern wir vor einem dräuenden Ukase, täglich schwebt über unserem Haupte die eiserne Hand der Negicrnngsbeamten, täglich erwarten wir den Schicksalssprnch, unser Heim verlassen zu müssen. Wann wird das enden? Wohl tritt von Zeit zu Zeit eine mildere Handhabung der uns bedrohenden Gesetze ein, aber was hilft das? Die Gesetze existircn, Gesetze, welche den jüdischen Russen gesetz- und rechtlos machen, welche ihn Herabdrücken zn einem Spielball für die Laune übermüthiger Beamten. Ucber uns Juden des Gouvernements Pol tawa ist heute der Stab gebrachen. Säinnulichc jüdische Einwohner der Dörfer und Städte von Poltawa sind ausgcwicscn, soweit sie nicht den Nachweis des (Grundbesitzes in ihrem bisherigen Aufenthaltsorte führen können. So sind wir, über H0(m> Juden, fast sümmtlich heimathlos geworden, hinansgctriebcn in die weiten Steppen der Ukraine, jetzt, im Winter, wo die Straßen ungangbar sind. Wohin sollen wir? Eine Fläche von über 800 O.nadralmcilen haben wir zu durchwandern, bevor wir in Sicherheit sind. Und dann? Sind wir auch dann noch sicher? Wird nicht bald auch von dort nns ein Negiernngsedikt verweisen? Wir haben die Hcimath, den Herd verloren, wir sind nackt, zn Vagabondcn herabgedrückt. Und warum? Weit wir Juden sind! Rechtlicher. arbeitsamer, nüchterner Einwohner beraubt die Negierung einen blühenden Distrikt. Wartim lachen Sie da nicht? Ja, es wäre zum Lachen, wenn — nns damit geholfen wäre. Was hilft cs, daß man der russischen Negierung das Thörichtc eines solchen Beginnens beweist, daß eine Jndendepntation an den Gouverneur sich mit der Bitte wandte, das AnSwcisnngscdikt vorläufig aiiszuhcbcn? Sic erhielt eine abschlägige Antwort. Man sendete ein Telegramm an den Minister des Innern, Grafen Tolstoi, er möge ein solches Elend nicht dulden, er niöge dem schon bcgonncncn Werke Einhalt thnn, er möge Verfügungen treffen, damit nicht zahllose friedfertige, treue Staatsbürger ohne Grund dem Untergang, der Verzweiflung in die Arme getrieben würden. Bis jetzt hat die Deputation noch keine Antwort erhalten. — So scheinen wir denn verloren zu sein. Der Staat, unser Schutz, — entreißt nns den Schutz, unsere Mitbürger verfolgen und mißhandeln 1,11$; wir würden verzweifeln, hofften nur nicht ans Gott, auf seinen Schutz, auf seine Hülfe, auf Den, der über den weltlich Großen in Allmacht thront. David Kaller. Bon Niiftali §imon. Alle :Hechte vorbelialtcu. (rZoNlctzNN^.Z ״Du mußt aber jetzt endlich eine Veränderung in Deinem Leben eintretcn lassen," sagte Feder, als David die Aufnahmeprüfung glücklich bestanden. ״Du hast bis jetzt angestrengt gearbeitet; wir haben Dich gewähren lassen, weil wir Dich nicht stören wollten. Ein junger Mensch von fast achtzehn Jahren muß aber auch die schöne Jugendzeit genießen; er darf nicht zum Einsiedle!׳ werden; er muß sich in der Gesellschaft bewegen lernen. Habe ich nicht recht, Mirjam?"