Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1884)
- Article
- David Haller
- Date
- 1884-02-28
- Page
- 142 (sequence 2)
- Language
- German
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142 tiefem Verstand!1 iß urbar gemacht und die daraus entsprießende herrliche Frucht ist das geläuterte Judenthnm, wie es die Besten nuferer Zeit im Geiste vorahnend schauen." Grodnaner;nette die Achsel und enuiberte: ״Du weißt, lieber ‘.Ucfje, daß ich einem Disput gern ans dem Wege gehe. Ich gehöre einer andern Zeit an und verstehe nichts von dem, was ihr geläutertes Juden׳- thnm nennt. Dem von Dir so sehr verehrten Doktor Bnrgwald traue ich übrigens nicht. Wenn Dn Manches thnst, was Du besser unterließest, so bist Dn eben kein Rabbiner und kein Gelehrter. Er aber ist Beides; warntn setzt er sich über einige Gebote hinweg? Ein echter Talmnd-Ehachant soll nicht für sieh Erleichterungen in der religiösen Uebnng suchen." ״Was wissen Die Unrechtes von unserem Rabbiner!" rief Feder heftig. ״Ist er nicht ein durchaus wahrhaft frommer und gewissenhafter?Rann? Achtet er nicht strenge ans die vollkommen gesetzmäßige Instandhaltung aller Gemeinde-Institutionen?" ״Kann sein, kann sein," entgegnete Jener; ״ich will es also annehmen. Aber warum verletzt er das Verbot der Hozaah beschabbat, warn nt' duldet er, daß seine Frau unbedeckten Haares einhergeht, warum —? doch ich will nicht mit Dir streiten." ״Das ist ja eben das Große an diesem bedeutenden Manne," erwiderte Feder; ״das ist das große Prinzip des gemäßigten vernünftigen Fortschritts. Wir wollen das Wahre, das Echte konserviren, wollen aber nmgestallen, weise und bedächtig, was der Umgestaltung bedürftig ist, ohne mit der??ergangenheit zu brechen. Das Iudenthnnt soll aber nicht zu einer?Rnmie werden, soll nicht verknöchern." Der greise Gelehrte seufzte tief auf, ohne etwas zu entgegnen. Er wendete sich an den Jüngling, welcher staunend der ihm kaum verständlichen Diskussion gefolgt war und sprach: ״Es ist so. wie ich Dir gejagt habe. Du hast einen schwereren Weg zu beschreiten, als ich zu durch vandeln hatte. Ich kann Dir leider nicht der rechte Führer sein, weil ich des ׳Weges nnkundig bin. Gott stehe Dir bei. — Ich will mit Dir ״lernen", so oft Dn zn mir kommst. — Dn lebst in einer dem Indenthume ungünstigen Zeit. Der fromme sinn Deines Vaterhauses herrscht in der großen Welt nicht anehr. Dn hättest auch nicht immer in Hochfelsbürg bleiben können; und früher oder später wärst Dn der Zeitströmnng ansgesetzt worden. Vielleicht ist es gut, daß es jetzt geschieht, — vielleicht auch nicht; ich weiß es nicht. Nimm einen Nath von mir an: welche Zweifel auch in Dir anfsteigen, bleibe in Deinem Handeln dem Beispiele Deines ehrwürdigen Vaters treu. Was Dn auch siehst, was Dich auch lockt, Deiner Eltern Bild sei Dir stets gegenwärtig und halte Dich vor jedem Fehltritt zurück. Das gelobe Dir mit aller Kraft Deiner Seele. Ich bin ein schwacher alter?Rann und will Dir geben, was ich habe.?Rein Weib ist tobt, und Kinder habe ich nicht; vielleicht ist es gut, daß ich keinen Sohn habe, ich hätte ihn wahrscheinlich nicht vor dem Fallen bewahren können in dem Kampfe der Gegenwart." Grodnaner hatte die letzten Worte mit leiserer Stimme gesprochen; sie waren nicht für die beiden ׳Anwesenden bestimmt. Er hatte sie an sich gerichtet, als das Ansklingcn eines Gedankens, der seine ganze Seele erfüllte. Der alte Mann fühlte sich einsam in׳ mitten der ihn umgebenden geräuschvollen ׳Welt. Nach dem Tode seiner Gattin empfand er die ihm beschiedene Versagung des thenersten Wunsches in doppelter Schwere, bis er endlich in der Erwägung Trost gefunden, daß ״auch dieses znnt Guten sei." Schmerzlicher als die Entbehrung eines Kindes wäre eS für ihn gewesen, einen Sohn zn besitzen, von welchem ihn vielleicht die Verschiedenheit der religiösen ׳Anschauung trennen kömtte. Einige Augenblicke verharrte er in seinem Sinnen, dann fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und sprach wiederum zn David: ״Du kannst dies nicht verstehen, mein Sohn; — später wirst Dn es begreifen,?llso, es bleibt dabei, ich nehme Dich als meinen Schüler an. WaS der alte Grodnaner weiß, will er gern den! wißbegierigen Jüngling mittheilen. Dn bist mir theuer, mein Sohn; Dn entstammst einem edlen Geschlecht; die Haller waren von jeher im ganzen?!eiche berühmt und verehrt als Gelehrte und Tngendreiche. Und Dn hast Dich eines großen Lehrers zn rühmen. — wer gleicht?!abbi Mordche Klein, dessen Finger kraftvoller ist als die Lenden aller heutigen Rabbiner? Gott sei mit Dir, David, er hilft Denen, die ganz zn ihm stehen. Unser Vater Jakob war zwanzig Jahre lang im Hanse Labans und hat die Lehren Isaaks und AbrahantS, Schein und Ebers nicht vergessen, und hat sich nicht verleiten lassen von den! Aramcier. Israel ist nimmer verwaist, attch in der Gegenwart nicht. Der Geist Gottes waltet stets in seinem Volke, und er erweckt zn jeder Zeit?Ränner, welche die zu Boden gesunkene Krone der Thora wieder ansnehnten und damit Israels Haupt auf's Rene schmücken. Vielleicht bist Dn einer dieser Auserkorenen." Mit dem ganzen Feuer der Jugend gab sich David seinen Studien hin; von einer glücklichen Fassnngsgäbe und einem vorzüglichen Gedächtnis; unterstützt, erreichte er das sich gesteckte Ziel, nach Verlauf von zwei Jahren konnte er in die Prima des Gymnasiums eintreten. Die Wahrnehmung des Gegensatzes, zwischen dein, was er in Thalborn sah und hörte, und der in seiner früheren Umgebung herrschenden Anschauung hatte ihn