Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1884)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1884-02-21
- Page
- 120 (sequence 2)
- Language
- German
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Crr nahm bei diesen ©orten [einen Platz im! Fantenil wieder ein und fovbcvlc durch eine Hand de- | wegnng auch den Andern ans, sich ihm gegenüber zu setzen. 3atob Ehrmann, der srenildliche ^eser hat ihn vermnthlich bereits erkannt, enlspraä! dieser Anssorde׳ rnng und ohne weitere Einleitung Hub er an. ״Ich bin, wie bereit« erwähnt, als Jude geboren und bis in mein neuntes Jahr auch als solcher erzogen. Meine Mutter war eine sauste, strengreligiöse Fran, mein Batet hingegen roh nnb luralter!os. Dennoch liebte er meine Mutter leidenschastlich, und ist eS mir daher noch heute unerklärlich, daß nicht die Vicbe zu meiner Mutter ihn znrückgehalten hat non dem, was, wie er wissen mußte, der ohnehin stets Leidenden den Todesstreich versetzen könne, und er hat ihn ihr vcrsetzt, sie ist daran gestorben. — Während meine Mutter krank das Bett hüten mußte, hatte mein Vater sich und seine Kinder, meinen Bruder und mich, taufen lassen und uns .Kindern dann strengstens verboten, zu der Mutter davon zu reden. Unseres Schweigens hielt er sich sicher, denn wir fürchteten ihn. Doch eines SabbathS entdeckte meine Multer frische Tinte an meiner Hand — und diese Tinte ward zum Berräther. Unfähig, das Zürnen der Mutter zu ertragen, achteten wir nicht des Verbotes deS Vaters und!heilten ihr Alles mit. — Die Verzweiflung der Kranken zu schildern, wäre uninöglich, wenige Minuten daraus lag sie in den heftigsten Konvulsionen. Mein Bruder eilte hinans, Hülse herbeiznrnsen; ich aber, von Neue und Schmer; übermannt, bedeckte die Hand meiner Mutter mit meinen Küssen und meinen Thrünen und betheuerte, daß ich nimmer, in keinem Verhältnisse und unter keinem wie immer gearteten Zwang, mich verleiten lassen würde, je wieder am Sabbath zu schreiben — ״Sv unglaublich eS klingt,׳" siel der Hosrath ein, ״so möchte ich doch beinahe vernmthen, daß Sie Ihr Gelöbniß gehalten. Ich erinnere mich, im vergangenen Sommer, als wir uns in M.... befanden, habe ich mich in einer dringenden Angelegenheit an Sie gewendet und Sie um umgehende Auskunft ersucht. Ich wußte, Sie würden mein Schreiben am Sonnabend erhalten und erwartete daher mit Bestimmtheit, daß Sie am selben Tag antworten würden, trotzdem —" ״Ich habe mein Gelöbnis; gehalten," sprach Ehrmann, ״seit jenem Tage habe ich am Sabbath keine Feder wieder berührt." ״Das ist viel," sagte der Baron staunend, ״das hätte ich uinnner für möglich gehalten. Und wie Sie cs in Ihrem künftigen Berufe damit halten werden —" Ehrmann zuckte die Achseln. ״Ich werde nie, selbst nicht um den höchsten Gewinn, mein Gelöbniß brechen." ״DaS ist sehr schön, lieber Freund, dürfte Ihnen jedoch voraussichtlich gar manche Schwierigkeit bereiten. Trotzdem — ich sage nicht, daß eS unmöglich ist. Im klebrigen ist dieses jedoch einzig und allein Ihre Privatangelegenheir und begreife ich nicht, daß Sie ans diesem Grunde —" ״Ich bi!! noch nicht zu Ende, nur noch wenige Worte. — Am folgenden Tage standen wir cm dem Sterbebette unserer Mutter. — Damals ahnten wir freilich nicht, daß ihr Ende so nahe. — Mit nnsäglirijer Anstrengung, mit matter, kaum vernehmlicher Stimme ermahnte, beschwor sie unS, der Religion, in der wir geboren und die kein Priester und kein Taufwasser unS rauben könne, treu zu bleiben bis zu unserm letzten Athcmzngc — und wir haben es geschworen." Es trat eine längere Panse ein, der Hofrath rieb sich die Stirn. ״Hin, nun ja, in gewisser Beziehung ist mir Ihr Verhalten jetzt erklärlich — wenn ich auch freilich nicht zngeben möchte — allerdings, ein Gelöbniß in die Hand der sterbenden Mutter wird als heilig, als bindend betrachtet — vorausgesetzt, daß die Sterbende sich Mögliches hat geloben lassen — betrifft es jedoch Unmögliches, so verliert daS Gelöbniß eben dadurch seine Kraft — ״Aber unser Gelöbniß enthält mit Nichten Unmögliches. Im Gegemheil, je mehr ich darüber gcdacht, desto wahrscheinlicher erscheint es mir, daß ich selbst ohne dieses Gelöbniß mich stets als Angehöriger jener Konfession betrachtet hätte, in der ich geboren. Denn ich erkenne keinem Barer und keinem Priesllr weder das Recht noch die Macht zu, ein unmündiges Kind der Religion, in der cS geboren ist, zu entziehen." Der Hosrath zuckte die Achseln. ״Und wenn Sie auch Ihrem Vater Macht und Recht hierzu absprechen, der Staat, in dem Sie leben, und dessen Gesetze auch Ihnen Gesetze, erkennt sie ihm zu." ״Ich aber anerkenne kein Gesetz, daS mich widerrechtlich meines heiligsten Rechtes beraubt," rief Ehrmann erglühend. Armstein lächelte. ״Sie sind ein Schwärmer. Zwar in der Theorie, da haben Sie recht, da stimme ich Ihnen bei. Theorie und Praxis aber sind meistentheils von einander unterschieden wie der Tag von der Nacht; und wenn es auch heißt: grau ist alle Theorie — so will ich Ihnen trotzdem zugestehen, das; in den!!leisten Fällen und auch in dem Ihren, die Theorie uns hell erscheint, wie der Tag, trotzdem müssen wir uns an der Praxis halten. — Diese aber zeigt unS nur allzu deutlich, daß Sie Unmögliches gelobt. Mögen Sie sich betrachten, als was Sie wollen, thatsächlich sind Sie Ehrist."!Fortsetzung folgt.)