Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1884)
- Article
- Deutschland : Berlin, 9. Februar [Nachricht]
- Date
- 1884-02-14
- Page
- 106 (sequence 2)
- Language
- German
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106 Vereins von geschehtrener Seile entgegeugebracht werden können. Zur Konslitnirung eines solchen Vereins zur Förderung der jüdischen Geschichte und. Literatur, hat sich oder eine (Gesellschaft von Männern an! jüngsten מוצא' *בת vereinigt, 11m Borträge ju veranstalten, Schriften zu prodnzircn und zu verbreiten, die aus den heterogensten Elementen anscheinend sich znsammcnsctzt. Wie Vertreter des sogenannten orthodoxen Judcnthnms mit Vertretern der sogenannten äußersten 'Reform für diesen Zweck Zusammenwirken können und wollen, ist uns völlig unverständlich. Für gemeinsam humane Zwecke ist ein Zusammenwirken möglich, für religiöse kaum, snr die vorliegenden Zwecke aber aus keinen Fall. Hier wird jeder seine Anschauung zur Geltung bringen müssen, er kann sich und seine Uebcrzcngnng nicht vcrleugnen. (5s fehlt der gemeinsame Boden des religiösen Bekenntnisses, ans welchem die geistigen Produkte erblühen sollen. Den Herren scheint die Möglichkeit einer Scheidung des wissenschaftlichen Gebiets des Indenthums von dem religiösen praktischen vorgeschwebt zu haben, uns erscheint eine solche unmöglich. Wir bcgreifen nicht, ivic Dozenten des orthodoxen Rabbinerseminars, die Herren D1\ H o f f m a n n und Barth z. B.. mit den Herren Dr. Steint hat, Lazarus, Ritter u. s. w. für dieses Ziel gemeinschastlich arbeiten wollen. -]־ Stargardt (Preußen), 6. Februar. Die furchtbare Mordgcschichte in Skurcz hält noch immer die ganze Bevölkerung iu Aufregung. Leider haben wir Ursache, nicht nur wegen des allgemein menschlichen Gefühls, welches sich in tiesster Empörung bei der gräßlichen That in Mitleidenschaft gezogen weiß, sondern auch in unserer besonderen Eigenschaft als Inden im hohen Grade erregt zu sein. So sehr sich auch Vcrnunft und Bildung dagegen sträuben, so läßt sich doch nicht in Abrede nehmen, daß in manchen Kreisen den Inden die schreckliche Blutschuld an die Rockschöße gehängt werden soll. Der Gemcindeschächtcr des Orts, Herr Blumen heim, ist einem Verhöre unterworfen worden, bei welchem er die Schächtincsscr prodnzircn mußte. Glücklicher Weise hat er sein Aiibi sofort nach׳ gewiesen. Aber man hat einen jüdischen Handelsmann Namens Josefs ohu verhaftet, von dem behauptet U'ird, daß er einen schweren Sack am Tage bezw. Abend des Verbrechens in der Rahe des Thatorls getragen haben soll. (5r soll auch nicht im Stande sein, sein Alibi zu erweisen, außerdem soll er eine kleine frische Wunde an einem der Daumen haben, welche möglicher Weise von einem Biß hcrrührl; sodann soll ein Gefängnißgc.'.osse, welcher jetzt entlassen worden ist, vor Gericht deponirt haben, Ioscfsohn habe ihn beauftragt, zu seinen Leuten zu gehen und sie zu veranlassen, wie sie seinen Aufenthalt an dem betreffenden Abende nachweisen könnten u. s. w., kurz, cS durchschwirren schlimme Gerüchte die Lust, und wir athmcu in einer gewitterschwangeren Atmosphäre. Möge Gott das Dunkel er- Hellen! — Ich will nicht weiter klagen und nicht Wahrnehmungcn anführen, welche geeignet sein könnten, uns mit ernsten Befürchtungen zu erfüllen. Es ist jetzt die folgende amtliche Bekanntmachung erschienen: .Am 2k. Januar ist der k 5jährige Sohn des Schneiders Zibnlla zu Skurcz verschwunden. Am folgenden Tage wurde seine entsetzlich verstümmelte Leiche in der zu Skurcz gehörigen Feldmark des Gutes Nüschos unter einer Brücke aufgefundcn. Die Leiche hat mehrere Wunden am Kopfe, der Hals ist durchschnitten, der Bauch ausgeschnitten und sämmtliche inneren Theile herausgenommcn. Die Oberschenkel beider Beine sind anscheinend mit einem scharfen Instrument abgcschuittcn und bei der Leiche nicht vorgcfundcn. Die Motive des Mordes sind durchaus unbekannt. Der Ermordete! war ein harmloser Knabe und nicht im Besitze von Geldmitteln: seine Eltern sind ruhige, friedliebende Leute. Wer den Mörder in der Weise zur Anzeige bringt, daß seine Festnahme und Bestrafung erfolgen kann, erhält eine Belohnung von 100^6" — Die vorläufige Führung der Sache zur Feststellung des Thatbestandcs ist dem Kriminalkommissär Herrn Richard in Danzig übertragen. Es wird jedoch von zuverlässiger Seite versichert, daß an allen über Josefsohn in Umlauf gebrachten Gerüchten kein wahres Wort fei, mit Ausnahme seiner Verhaftung. & Stettin, 7. Februar. Die Neustcttiner Afsairc gelangt gegen Ende des MonatS znr Entscheidung. Ich möchte uns deren Ausgang nicht allznsicher hosfmmgs-- reich bauen. Es wird gewiß von mancher Seite alles Mögliche aufgebotcn, den Konitzer Schwurgcrichtshos zu einer Bestätigung des Kösliner Spruchs zu vcranlassen. . Die Zahl der Belastungszeugen soll noch; 11m einige zwanzig sich vermehrt haben; und wenn auch ' die Verthcidignng in dem,Justizrath Makower eine bewährte Kraft mehr zur Verfügung hat, jo wird sie sicherlich einen schwierigen Stand haben, zumal die; unselige gräßliche Mordthat in Skurcz bei Czerwinsk; die Gemnther auch nach einer gewissen Richtung hin; in Bewegung gebracht hat. Der ältere Leßheinl ist : bereits nach Könitz tränsportirt. — Man wirst uns ' vor, daß wir uns mit den ״Neustcttiner Vrandstistcru" ' idcntifizirteu. Aber abgesehen davon, daß man der; gcsammtcn Judcnheit die Verantwortlichkeit dafür zu- 1 schieben möchte, hat ja auch die Staatsanwaltschaft! als Motiv der That in Köslin den ideellen und mate-! ricllcn Nutzen betont, welcher der Gemeinde zu Neuz stcttin aus dem Brande erwachsen konnte; und die; Hetzschrift des Dr. Ernst Hcnrici, welche diesen Prozeß! zum Anlaß nahm, um das deutsche Volk aufzureizen,