Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1884-02-14 · Heft 7 (14.2.1884) · p. 104

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 7 (14.2.1884)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1884-02-14
Page
104 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2932754-2933049-2933057-2955954--14841-2956005
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

104 brto unschätzbare Glück, Herrn Hofrath NM diese Zeit zu Hause zu treffe»V" ״Ich möchte M doch nicht geradezu einen freundlichen Zufall nennen," cntgcgnele Ärmstem lächelnd, ,.obgleich es durchaus nicht bedenklich ist —״ ״Herr Hofrath fühlen sich hoffentlich nicht nnwohl?" ״Ach, unwohl kann man das eigentlich nicht nennen. Heute Morgen beim Erwachen empfand ich eine leichte Indisposition im Halse, da hat mein kleiner Hanstyrann. die Elemens, mich nicht fort lassen wollen, und weil ich ihr nicht pariren wollte, da hat sie Knall und Fall unsern .Kollegen Willmnth rufen lassen und der redet der kleinen Hexe nach dem Munde, ihr zu Liebe hat er mir das AnSgchcn strengstens untersagt. Aber ich sollte Ihnen das eigentlich nicht erzählen," fügte er, schalkhaft lachend, hinzu. ״Sie könnten's ausplaudern, und bamt bliebe mir die Elemens auf dem Halse." ״Das fürchten Sic doch nicht, Herr Hofrath," erwiderte der junge Manu ebenfalls lachend. ״Aber da wundert es mich in der Thal, daß Fräulein Armstein sich zum AnSgchen hat überreden lassen." ,,Hat auch Mühe genug gekostet." schmunzelte der Hofrath, indem er mit seiner schmalen weißen Hand über Stirn und Augen sich fuhr und in ganz eigenthümlicher Weife zu dem. Andern hinübcrblinzclte. -- ״hat Mühe genug gekostet — aber die alte Exzellenz, Gräfin Hartig. hat sie zu sich bitten lassen — Sie wissen das vielleicht, die Gräfin war die Pathc meiner seligen Frau und ha! sich von jeher für Elemcntinc intcressirt. Darum hätte ich eS nie gebilligt, sie zu brüskiren, augenblicklich jedoch hatte ich noch einen ganz besonderen Grund, daß Elementine sich ihr nicht ungcsällig erweise. — Sie sind ein Freund meines Hauses," fuhr der Hosrarh in plötzlich verändertem Tone fort, ״Ihnen gegenüber kann ich mich über die Angelegenheit äußern, obgleich sie noch nicht abgeschlossen ist." Er hielt einen Augenblick mm, als erwarte rr eine Antwort: der junge Mann aber halte die Lippen je st aufeinander geprcßt und schweigend, doch mit dem Ausdruck höchster Spannung, hastete sein Blick an dem Hofrath; nach kurzer Pause fuhr dieser fort. ״Wie gesagt, ich hatte immer gehofft, Elementine ciumal als die Gattin eines tüchtigen ArzteS zu sehen. -- Wenn ich sage, eines tüchtigen ArzteS, so meine ich damit nicht einen solchen, der bereits einer eiuträglichen Praxis sich erfreut, dcuu dann hätte ich von vornherein nur aus einen verhältuißlnäßig älteren rcstektiren können — mir aber wäre ein junger Arzt, den ich als tüchtig gekannt hätte, willkommen gewesen, als mein Schwiegersohn hätte derselbe sicher rasch Karriere gemacht." Er hielt abermals inue, und dieses Mal länger als vorhin. Der junge Mann athmetc hastig, seine Lippen bebten. Einen Moment schien es, als wollte er reden, doch er verharrte in seinem Schweigen. Ein Schatten des Unrnnthes glitt über des Hofraths Stirn; er glaubte, weit genug entgcgengekoinmcu zu sein, diese Zurückhaltung überstieg selbst das Maß der Bescheiden heit. ״Doch wer A gesagt hat, nruß auch B sagen," murmelte Armstein in sich hinein, laut aber fuhr er fort: ״Freiherr von Wildenfels, der Nesse der Gräfin Harlig, hat um Elcmcntine angchaltcn —" ״Aber Sie werden sic ihm nicht geben," rief der junge Mann aufspringend, iiibcnt dunkele Glnth sein Antlitz überzog, ״um des Himmclswillen, Herr Hofrath! Sic können doch daran nicht denken, Ihre jngendlich schöne, liebreizende Tochter und jener verkrüppelte alte —״ ״Freiherr von Wildcnsels," fiel der Hofrath ein, ״nun, srcilich, ich glaube, Sie kennen mich; Zwang werde ich meiner Tochter nie anferlcgen und wenn Elementine mir gesagt hätte, der Freiherr ist mir zu alt oder zu häßlich, so wäre die Sache bereits uck ueckn gelegt — Der junge Manu athmetc erleichtert aus. ״Das hat Elcmcntiue aber mit Nichten geautwortet," fuhr der Hofrath fort, ״im Gegcutheil, sie hat auodrücklich crtlärt, weder das Alter noch der allerdingS nicht ganz normale Wuchs des Freiherrn flöße ihr irgend welchen Abscheu ein, sein edler, großmüthiger Karaltcr, sowie seine zärtliche, ich möchte fast sagen, väterliche Liebe für sie habe sie feine körperlichen Gebrechen stets übersehen lassen. — Aber —" ״Aber?" stammelte der junge Mann. Der Hofrath schüttelte den Kopf. ״Lieber, junger Freund!" ries er endlich, indem er aufstand und seine beiden Hände ans die Schultern des jungen Mannes legte und sich mit einem liebevollen, fast zärtlichen Ausdruck zu ihm niedcrbcngte, ״können Sic denn in Wirklichkeil nicht crrathen, was Elementinc mir geantwortet Doch er wartete vergebens ans eine Antwort; wohl bestätigte der unablässige Farbeuwechsel in dem ansdruckovollcn Angesicht des jungen Mannes Armstcm'S Bermnthnng, daß er allerdings crrathen, was Elcmentinc ihn, erklärt, doch kein Wort, kein Laut drängte sich über die bebenden Lippen. Der Hofrath stand noch immer vor ihm. die Arme über der Brust ineinander verschränkt und schaute mit einer Art mißbilligendem Kopsschnttelu zu ihm nieder. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.