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Jeschurun · 1884-02-07 · Heft 6 (7.2.1884) · p. 94

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 6 (7.2.1884)
Article
David Haller
Date
1884-02-07
Page
94 (sequence 2)
Language
German
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94 An den Portrag, welchen David über ein schwieriges rcligiouswisscuschasilichcS Thema hielt, tnüpstc sich eine lange, mit vieler Lebendigkeit geführte Debatte, an der sich alle talmndknndigen Anwesenden eifrig betheiligtcu. David zeigte seine «Gewandtheit auf dem weiten Gebiete des ralm'.'.difcheu Wissens in einem;1V_ seine Jugend seltenen Maße. ,.Dn hast nicht umsonst einen solchen ausgezeichneten Lehrer, mein Sohn," sagte der Rabbiner, ״fahre jo fort zur Freude Deiner Eltern und zur Hoffnung der Gemeinde Israels, welche in Dir einen .kundigen und Lehrer dereinst sicherlich vcrehren wird. Das Studium der Lehre," wandte er sich an die klebrigen, ״wird immer mehr vernachlässigt. Der Jünglinge werden iinmer weniger, welche wie ehedem in dem Forschen in dent Gesetze ihre Befriedigung finden. Akau verläßt die Thora mit der fremden Wissenschaften willen. Wie lange noch, so gehen die Allen den Weg alles Fleisches. Dann ruht die Thora vergessen im Winkel, Niemand kennt sie. Niemand pflegt sic, 11 nb sic wird klagen ob der Entfremdung ihrer Kinder. Wo sollen die Lehrer und Führer der Gemcinde erstehen, um dem Bolle die Wege deS Gesetzes zu weisen? Darum sei gesegnet das Hans unseres würdigen Vorstehers und gesegnet der Sohn. Der Pater geleitet ihn n׳ie Abraham zur Höhe des Gottesbcrgcs und der Sohn folgt willig und sreudig, sic gehen Beide den gleichen Weg." Tiefe Stille folgte der Rede deS greisen 'Rabbiners. Die Klage über den Verfall der Zeiten tönte in Aller Herzen' nach. Endlich unterbrach Rabbi Mordche das Schweigen. ״Ich will nicht aus DaS znrücklommen, was Rabbi Joseph vorhin zu meinem Lobe gesagt Hab zu einem Lobe, das ich nicht verdiene. Ich widerspreche der Ansicht, daß Fremde besser des Menschen Werth zu erkennen wissen, als er selbst. Nur in Betress des Lobes unserer Person, mahnt der Weise, dieses Anderen zu überlassen, nicht aber wegen der Erkenntniß seines Selbst. Jedoch Ihr, Rabbi Joseph, habt mir Schweigen anferlegt, so will ich denn Euch gehorchen. Die Worte aus dem Munde unseres Rabbi aber haben Gedanken und Empfindungen in mir wachgernsen. welche schon oft meinen Geist und mein Her; bewegt. Auch in meine Klause sind die Stimmen der Zeit, der neuen aufgeklärten Zeit, wie die Leute sie nennen, gedrungen, so daß ich, trotzdem mein Leben friedlich zwischen den Reihen der heiligen Gcräthc der Gotteslehre sich vollzieht und ich freudigen Herzens die Bürde deS GesetzesstndinmS trage bei Tage und bei 'Rächt, wohl eine Vorstellung habe von dem, was draußen die Gcmüthcr beherrscht. Unsere Tage sind nicht mehr wie die vergangenen: die Menschen sind andere und schauen mit anderen Augen die Welt an. Sic kennen eine andere Freude und eine andere Sorge als ihre Heimgegangenen Pater; was diesen heilig und wcrth war. ist jenen gleichgültig und eitel; wofür der Bäter Her; hoch schlug, das läßt sic kalt; sic haben sich eine neue Weisheit erkoren, welche die alte, bewährte Thorbeit schilt. Und in diese neue Welt sollen unsere Jungen cintrcten, sic haben in ihr zu leben und' mit ihr zu leben, sie hören die moderne trügerische Predigt, sie schauen den Abfall, cS lockt sic der Wahn der sich klug dünkenden Thoren, die sich Kränze um* das trunkene Haupt winden und zu ihrem Taumel die Laute schlagen, gleich dem von Wein berauschten Ephraim, jubelnd: laßt uuS das Leben genießen, denn rasch flicht cS dahin. Wenn ich mir also das Treiben der Gegenwart vor die Seele führte und die verzweiflungSvollc Frage in meinem Innern ansstieg: soll denn in solcher Erbärmlichkeit das ganze Geschlecht untergchen, haben darum die Vorfahren dieser Vethörtcn geduldet und geblut et, daß ihre Enkel hohnlacheud hinabschaucn ans daS heilige Erbe, verächtlich wegwerscn die am Sinai empfangene Krone, dann tröstete mich das GottcSwort, das vcrheißen: Mein Geist und Mein Wort wird doch nimmer weichen von Dir, Israel. — Aber wiederum tauchte in meiner Seele die Frage ans: haben wir das Unsrigc gethan, um unser Volk, um d'ie Jugend vor dem Verfall zu retten: rüsten wir sie mit den Waffen der Perthcidigung, mit dem Panzer deS Schutzes ans, daß sic den Kampf mit der Lüge zu bestehen vermag und vor dem Angriff geborgen ist? Ist unsere Unterweisung die richtige, reicht sie aus für den Kampf und die Verlockung? — Ich wußte keine Antwort, aber banger Zweifel kam über mich. — Und daun gedachte ich der Mahnung deS Nadbi Elcasar: sei eifrig und nnermüdlich in dem Studium der Lehre; erkenne aber auch, was du dem Leugner der göttlichen Wahrheit zu erwidern habest. Da wurde mir wehe zu Sinne, denn es wollte mich bcdünken, als ob dieses Wort ans die Gegenwart passe, die ja der Thora den Rücken wendet. Also wäre cs doppelte Pflicht Derjenigen, die daS Gesetz lernen, daß sie auch der falschen Lehre und Anschauung deS Tages entgegenzntreten vermögen. Aber können sie solches? Ich fürchte, daß nicht nur mir allein die Fähigkeit dazu fehlt. Die Weisen unserer Zeit sind auch nicht wie der großen Vorzeit große Männer, deren Antlitz leuchtete wie der Strahl der Sonne, der lstncindringt in den dunkelsten Winkel und überall hin Licht tmd Wärme trägt. Wir gleichen mit unserem Wissen dem bleichen Monde, der nur im Dienste der Rächt steht. Mit dent matten Scheine unserer Gelehrsamkeit vermochten wir wohl in den Tagen deS Düsters und deS Nebels die Hütten Israels zu erhellen; das Düster ist gewichen, der Nebel der Nacht beginnt zu schwinden, die Pforten der Judcugasscn

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