Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1884)
- Article
- Der Antisemitismus der "Kreuzzeitung"
- Date
- 1884-02-07
- Page
- 82 (sequence 2)
- Language
- German
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gottlob nicht in Deutschland das Licht der Welt er- ] blickte, die furchtbare Beschuldigung des religiösen Blut-! dnrstes, welche mau anderswo gegen die Inden zu erheben! sich erfrechte, um die Bekenner des eimgcinzigen Gottes! des NechlS und der Liebe, zu Kannibalen gestempelt.! der Art eines zur wahnwitzigen Wnth augcfachten Pöbels preiszugebcn. Bor das Angesicht dieses allgerechten Gottes fordern wir die ״Krcuzzcitung", vor seinem Nichterstuhle möge sie den Erweis für ihre uns jüdische Preußen und Deutsche schändende Anklage erbringen. Aber auch vor das Forum dcS ,,christlichen Volkes״, vor das Tribunal unserer Mitbürger christlichen Be״ lenntuisscS laden wir sie, um uns Rede zu stehen für die Schmach, welche uuS diese ihre Behauptung andichtet. Wir haben weder das Unheil Gottes, noch dasjenige des gerechten und vorurthcilsfrcien Volksbcwußtseius des preußischen und deutschen Volks, dessen schlechtester Thcil wahrlich nicht ״die kleine andersgläubige Minorität" der Bekenner dcS alten Gottesbuu-es ist, zu scheuen. Wir wagen dieses stolz auSznsprechen. Wenn das ,.Knochengerüst dcS ökonomischen Lebens" des deutschen Volks erweicht, entzündet oder angcfrcssen sein sollte, so träfe nicht uns die Schuld, so wären wir als ein Thcil desselben ebenfalls von dieser Krankheit heimgesncht, welche in Folge einer etwa bewirkten Aushebung der inncrn Kohäsion oder einer durch irgendwelche Ursache veranlaßtcn Veränderung dcS KuochcngcwebeS etwa entstanden wäre. Wenn aber durch rastlosen Fleiß, rüstige Arbeit und unisichtige Benutzung der sich darbictcnden heilbringenden Mittel einerseits, durch eifriges Forschen nach den KrankheitS- Ursachen andererseits, verbunden mit einer weitherzigen, vor keinem Opfer zurückschreckendcn Wohlthätigkeit bem Hebel cmgeacngcarbcitet und Heilung angeslrebt werden kann, so stehen die deutschen Juden wahrlich hinter ihren Mitbürgcrn nicht zurück.' Sie nehmen vollen Autheii an der nationalen Arbeit, sie suchen den nationalcn Wohlstand zu vergrößern, sie si affen durch Hebung der Industrie und des Handels vermehrte Arbeit und Naiionalgütcr, sie tragen auf den Gebieten der Wissenschaft, der Gesetzgebung und der Verwaltung, so weit es an ihnen ist, zur besseren Erkenntniß und Heilung des Nebels bei und halten wahrlich nicht zurück, wo cS gilt, durch freiwillig geübte Werke der Menschenliebe das ökonomische Leid ihrer Mitbürgcr zu lindern. Wir kommen deshalb mit der ״Krcnzzeitung" zu der Ueberzcugung, daß. ״je mehr unser Volk ausängt. sich wieder auf seinen Beruf als ein christliches Volk zu besinnen, desto mehr wird und muß eS zu der Erkenntuiß kommen, daß eS so nicht fortgehen kann." Freilich trennt sich hier unsere Ueberzeugnng von der ״Kreuzzeitnng", welche anscheinend mit dieser ״Besinnung" eine frische, fröhliche Aera deS AnliscmitiSmnS anheben sieht, während wir das gerade Gegenthcil von einer solchen erhoffen. Wir sind nämlich der Ansicht, daß sich alsdann auch Diejenigen, welche sich jetzt von dem wüsten antisemitischen Lärm bethören und verfuhren lassen, der Worte, erinnern: ״Wenn ich mit Menschen- und mit E'.'.gelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz, oder eine klingende Schelle" (1. Eorinther 13,1) und zu jener Liebe sich bekennen werden, von der eS daselbst weiter V. 4-6 heißt: ״Die Liebe ist langmüthig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Muthwillen, sie blühet sich nicht; sie stellt sich nicht ungeberdig, sie suchet nicht das Ihre, sic laßt sich nicht erbittern, sie trachtet nicht nach Schaden; sic freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sie. freuet sich aber der Wahrheit." Das also von diesem Geiste christlicher Liebe erfüllte Volk wird nicht ferner Denjenigen Glauben schenken, welche diese Liebe mit dem Drachengiste deS MuthwillcnS, der Selbstsucht und der Ungerechtigkeit vertauschen und nach dem Schaden dcS Neben Menschen trachten. ES wird erkennen, daß diese christliche Liebe auch die jüdische Liebe ist, und wird sein Auge nicht blind machen gegen die Werke dieser van Christen und Juden bcthäiigten Liebe. ES wird den jüdischen Bruder mit gerechtem Maße richten und sich nicht weiden an dem Splitter, den eS vielleicht an einem seiner jüdischen Brüder zu entdecken vermag, es wird dcS Balkens eingedenk sein, an welchem and) mancher christlicher Bruder schwer zu tragen hat. Es wird sich auch der Wahrheit nicht verschließen, daß des Juden Bekenntniß ihn zu der Ausübung der höchsten Tugend befähigt und die deutschen Inden im Großen und Ganzen . nicht ganz ohne Erfolg in dem gottgefälligen Streben sich bewähren, hinter ihren christlichen Mitbürgern nicht zurückzustehcn an Sitte und Zucht, an Recht und Liebe. In dem Erwachen dieses christlichen Geistes auch in dem Gemüthe Derjenigen, welche jetzt das Evangclinm dcS Antisemitismus predigen, glauben wir das Ende deS Antisemitismus hoffnungssreudig begrüßen ZN können. (Schlich folgt ) Salomonifdjf Ajirillhivkishkit. Von Samson Raphael Hirsch. IX. Recht- und Liebespslicht-Leiftuttgen. (Fortsetzung aus Nr. 4.) Sei nicht unter Handschlaggebern, Nicht unter Schuldverbürgern!