Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1884)
- Article
- David Haller
- Date
- 1884-01-31
- Page
- 78 (sequence 2)
- Language
- German
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78 heute Var-Mizwah, Sohn der Pflicht, genannt. Die ' Pflichl, welche Dir Gott auscrlcgt. soll fortan Dein Pater sein, — ihr hast Du;11 gehorchen. Die Hochachmng und Vicbcr welche Du Deinen Eltern zollst, ׳ soll in noch erhöhtcrem Maste Dich für das Gottes-! gcsctz, für Deine Pflicht erfüllen. Bewahre dem Gesetze imverbrinhliche Treue. Es sei die einzige Nichtschnür für Dein ganzes Leben: bleibe ein Bar-Mizwah bis sich Deine Augen zmn lösten Schlummer schließen. Diese Mahnung ergeht an jeden Jüngling, den eine jüdische Mutter geboren: Dir aber ist ein noch Höheres bcfchicden. Dank der Fürsorge meines verewigten Schwiegervaters und Dank des Segens, welchen der Herr mir bcschcert hat, ist Dir die Möglichkeit geboten, Dich ganz der GotteSlchrc zu weihen. Du kannst j buchstäblich dem Rufe Folge leisten: cs weiche nimmer das Buch der Gotteslehrc von Deinem Munde; sinne in ihm Tags und Nachts, auf daß Du sorgfältig handelst nach allem, was darin ausgezeichnet ist; dann wirst Du glücklich sein auf Deinem Lebenswege, dann wirst Du stets verständig handeln. Dann wird cs Dir vergönnt sein, in die Tiefe des Gesetzes cinzndringen, und Dein Geist wird sich au dem Geiste der Thora erheben; Du aber wirst des heiligen Berufes warteu können, lehrend und unterweisend in der Mitte der GottcSgemciude zu stehen und Gottesfurcht und Gcsctzcsknndc zu verbreiten." ״Amen!" ertönte es von der Mutter Lippen, welche ihren Sohn in mächtiger Bewegung an ihr Herz schloß. ״Gott stärke Dich in der Ausführung der herrlichen Erwartungen, welche Dein Pater ansgesprachen! Unter allen Frauen wird alsdann Deine Mutter die glücklichste, beneidcnswcrthestc sein!" Dir Altersgenossen harrten seiner, um ihn zur Synagoge zu geleiten. In Hochfclsbnrg war cs von jeher Sitte, daß die Knaben erst vom Bar-Mizwah-Tage an sich mit einem Talith bekleiden dursten. Als David das Seinigc ans den: gestickten sanimtncn Beutel, einem Geschenke seiner Schwester Mirjani, hervornahm und sich darin cinhüllte, da nbcrmannte ihn die Rührung, und Thrancn entströmten seinen Augen. Seinem Herzen aber ent-״ rang sich das Gelöbniß, alle die Wünsche und Hoffnungen seiner Eltern zu erfüllen, und eine heilige Begeisterung erfaßte ihn für das erhabene Ziel, das ihn! in der Ferne leuchtete. Er nahm sich vor, unausgesetzt zu ״lernen", um dereinst zu ,.lehren"; er flehte heiß und inbrünstig, ״daß Gott seine Augen erleuchten wolle für die Lehre, daß er in sein Her; unerschütterliche Treue pflanzen möge." In einer Andacht, die ihm in solcher Mächtigkeit bis zur Stunde fremd gewesen, verrichtete er das Gebet. Er schaute nicht die ihn umgebende Menge, deren Blicke aus ihn gerichtet war. Seine Seele schwang sich zu ihrem Schöpfer empor tmd legte vor den Himmelsthron den Dank und den Jubel und den Eid des Gehorsams nieder. Der Vorsänger hatte mit dem ״Kaddisch" das Morgengebet beschlossen. Er stieg die Estrade zur heiligcn Lade hinan, um die Thorarolle zur Vorlesung des Wochcnabschnitts dem Schreine zu entnehmen. David begab sich ans den ,,Almemor"; ihm lag heute die Aufgabe ob, die ״Sidra" vorzutragcn. Sein- Stimme schallte hell und klar durch dm weiten Raum, als er die der Vorlesung vorangehenden Verse sang. Ein beifälliges Geuturmel lief während dieses Vorträges durch die Versammlung, so überzeugend und innig traf sie die Verkündigung: ״Die Lehre Gottes ist vollkommen, erlabet die Seele; das Gotteszeugniß ist bewährt, verleiht Weisheit dem Unerfahrenen; die göttlichen Satzungen sind gerade, erfreuen das Herz!" Rahel schaute von der Franengallcrie strahlenden Angesichts herab; ihr Sohn erschien ihr wie ein Cherub in himmlischer Schönheit und Heiligkeit. Und als dieser mm die Thora entrollte und in tadelloser Korrektheit, deutlich und laut das Wort Gottes vortrng, und freudige Bewunderung sich in allen Mienen ansprägte, da hätte sic hinimtcrcilrn mögen, um ihrem herrlichen Knaben in liebender Verehrung die Hand zu küssen; sie hätte es nicht gewagt die Lippen zn berühren, welche durch die Thoraworte geheiligt waren. Fünf Abschnitte waren bereits vollendet;' zum sechsten sollte der Bar-Mizwah ״anfgcruscn" werden, den Scgcnssprnch zu wiederholen. Da wandte sich plötzlich der Rabbiner um und winkte den Vorsänger zu sich. Erstaunen drückte sich in dessen Angesicht aus, als er die leise ziigeflnstcrtc Weisung des Rabbiners cntgegcnnahm. Eilenden Schrittes kehrte er zum Aliucmor zurück und init gcivaltigcr Stinunc ließ er bcu Ruf ertönen: ..cs trete hierher der ״C ha wer" Herr David, Sohu des ״Morcnn" Herrn Joseph — — Bar-Mizwah!" Wenn die Heiligkeit dcS OrteS nicht hcmniend gewirkt hätte, so würde ein lauter AuSblmch der Uebcrraschung und Verwunderung sich kundgegcbcn haben. Die Anwesenden trauten kaum ihrem Gehöre. Einem dreizehnjährigen Knaben war der Ehawertitcl verliehen worden! Seit Mcnschcugedcnkcn war solches nicht geschchen. Ja, man wußte, daß der Rabbiner in der Ertheilung von Würden überaus vorsichtig 1»11b schwierig war; nur besonders ausgezeichnete Gemeindcmitglieder wurden mit solchen bedacht. Dennoch gab eS Keinen, welcher nicht ans ganzem Herzen David diese seltene Ehre gönnte; Alle hatten , die!Überzeugung, daß er derselben würdig sei, und