Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1884)
- Article
- Deutschland : Berlin, 23. Januar [Nachricht]
- Date
- 1884-01-31
- Page
- 73 (sequence 1)
- Language
- German
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j\i’ 5. Jeschnru». 73 Korrcspoiidcnzcil mid Nachrichtei!.! Deutschland. -n- Berlin, 23. 3mnuu\ Tic antisemitischen \ ״Heroen" bedecken sicli immer mehr mit ״Ehren".! So hat Herr (5 rcm er kürzlich im Landtage Austbuldi-! gungen siegen die Einschätznngskommission, non welcher die ״Krenzzeitnng" zu bemerken nicht für überflüssig fand, daß sic meistens ans Inden bestände, (h011־ibile dictu!) ausgesprochen. Er sagte, daß er viel Material hinter sich habe, aber jetzt mir einen Flamen nenne. Dach Herr Eremer hatte sich ״verrannt", denn er mnßtc zn Kreuze kriecheit und im Landtage öffentlich ein pat er peccavi erklären, daß nämlich seine Acnßecnngen irrig gewesen seien. Außerdem aber wurde er seitens des Finanzministcrs anfgefordert, mit dem in petto gehaltenen Materiale ״herausznrücken", damit die Sache untersucht werden könne. Dach man wartet noch immer ans das Material. Inzwischen ist Herr Eremer, wie seinerzeit vom Zentrum so auch jetzt von der konscrvativcn Partei, verleugnet worden.—Ein zweiter Fall ist noch ״glänzender". Herr von Treitschke nämlich, der gelehrteste Antisemit, ist mit seinen eigenen Anhängcrn in Konflikt gerathen In {einem Vorträge über die Geschichte der Resormationszeit hat er sich nämlich in empörendster Weise über Abraham ansgclassen. Die Frage über Lnther's Entscheidung für die Bigamie Philipp's von Hessen nämlich betreffend, sagt er, daß man damals glaubte, weil Gott den Erzvätern Polygamie gestattet habe, auch jener Fall zu entschuldigen sei. Nun meint er aber, sei z. B. Abraham, mit modernen Augen betrachtet, der schmutzigste alte Jude, der je gelebt. Er stellt cs als Feigheit hin, daß Abraham in Egypten ans purer Habsucht Sarah seine Schwester nannte. Auch die ״Krcnzzeitnng" kann nicht umhin, ihren gelehrten Liebling ״nicht zu begreifen". Doch hofft sie, daß das Referat falsch sei, und das Herr von Treitschke dasselbe wohl dementiren werde. Auch darauf wartet man noch vergebens. Interessant aber ist cs, die Bemerkungen des anlisemitischen ״Reichsboten" zu lesen, mit dem ich zum ersten Male theilweise übereinstintme. Ich führe ihn hier wörtlich an und brauche nichts weiter hinzuzufügen: ״Wir müssen gestehen, wir sind überrascht über diese Acußcrnngen aus dem Munde eines Professors der Gcschichte. Denn ein solcher muß cs doch wissen, daß, wenn irgend etwas auf die Verwirrung der Anschamnigen über die Ehe zur Zeit Lnther's Einfluß hatte, es vielmehr die humanistische Wissenschaft mit ihren das naturalistische Heidcnthum vergötternden Anschauungen war. Damals war den Menschen das Alte Testament noch viel unbekannter, als das Nene Testaments und wenn z. B. der Magistrat von Nürnberg, nachdem die Pest die Stadt entvölkert hatte, die Polygamie gestattete, so haben ihn dabei sicherlich andere als alttestamentlichc Anschamnigen geleitet. Es ist so nnhislorisch wie möglich, die Entwickelung unseres christlichen Ehebcgiisfes der von der Theologie emanzipirten Wissenschaft znzn schreiben: denn Jedermann weiß, daß nitscr christlicher Ehcbegrifs ein lediglich ans dem Neuen Testamente geschöpfter ist. Mag Herr v. Treitschke wohl zusehen, daß ihm diese emanzipirtc Wissenschaft, die den Menschen nur noch als eine Thiergattnng ansieht, nicht einen starken Possen spielt. Unser Ehc'bcgrisf ist nicht ein Produkt der Wissenschaft, .sondern der christlichen Entwickelung. Sehr betrübt hat uns die Art und Weise, wie Herr v. Treitschke als Professor der Geschichte über einen Mann, wie Abraham, insbesondere über seine Flucht nach Egypten und sein dortiges Vcrhalten urtheilt. Schon der Respekt vor den edlen, christlichen und pietätvollen Gefühlen seiner jugendlichen Schüler Hütte Herrn v. Treitschke abhalten sollen, sich in solcher geradezu rohen Weise über eine Person zu äußern, die uns Ehristen ehrwürdig ist, weil sie eine Stelle in der Entwickelung des Reiches Gottes einnimmt. Wenn Herr von Treitschke in dieser Weise Geschichte lehrt und geschichtliche Personen bcnrthcilt — wie muß er dann z. B. über die großen Männer des klassischen Alterthums in Nom und Griechenland urtheilcn? Ist ihm Abraham ein ״schmutziger Jude" — was ist ihm dann z. B. Sokrates oder Eieero oder Eato, der seine Sklaven wie das Bich behandelte — ganz zu schwuupn von so vielen von Herrn v. Treitschke als seine besonderen Lieblinge verherrlichten Heroen der neueren Geschichte? Wenn er diese vom modernen Standpunkt auf ״sexuelle Schmutzereien" ansehen sollte, so dürfte ihnen gegenüber Abraham geradezu als Engel erscheinen. Wenn Herr v. Treitschke in dieser Weise Geschichte lehrt, dann muß man in der That bedenk-!ich gegen die Zuverlässigkeit seiner Darstellung werden; denn das erste Erfordern iß für einen Lehrer der Geschichte ist doch das, daß er die historischen Persönlichfeiten nach ihrer Zeit benrthcilt und nicht von seinen modernen Anschauungen. Gegen diesen Mangel an Objektivität und diese Art subjektivster Willkür müssen wir im Interesse der geschichtlichen Wahrheit — von allen religiösen Gründen abgesehen protcsliren." 0. Berlin, 28. Januar. Unter zahlreicher Bethcilignng fand heute die Beerdigung Laskers statt. Mitglicdcr des Reichs- und Landtags, der hiesige Magistrat in corpore, die Minister a. D. Di*. Delbrück, von Eamp- Hansen und von Bcrnuth, die Geh. Räthe Dr. Bonitz vom Kult..sministeriam und Kcdel. vom Justizmiuisterinm, br. Wchrcnpsennig, Schulz, Dr. Beseler u. A., die Präsidenten des Reichstags, die Abgeordneten