Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1884)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1884-01-17
- Page
- 40 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933053-2955616--14600-2955662- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
40 ihn [einer Selbstbeherrschung vollständig zu berauben׳, j wer es irgend umgehen konnte, fam ihn! nicht nahe.; Trotzdem u.r strich selten ein Tag. an den! nicht eine! oder die andere Ausschreitung seinerseits vorgetommen; * mochte es ihn hinterdrein gereuen, osl gar bitter, das Geschehene lies; sich doch nicht immer ungeschehen machen. Hub wenn er dann der Worte des Rabbi gedachte, . inngi inmrig sich selbst verhöhnend, lachte er in siel) hinein. Das ist der Weg, das Seelenheil zu sichern'. Marie! Marie! Eines Tages, als er. um sich von dem Stande der Arbeit zu überzeugen, zwischen seinen Feldern umherschleuderte, trat ein Unterhändler des benachbarten (Gutsherrn an ihn heran. Der Park des Kavaliers zog sich bis gegen die Felder des FreihosS; es sollten dort Veränderungen, Erweiterungen vorgenommen werden; der Gutsherr wünschte sehulichst, wenigstens einen Theil der;11111 Seidlerhos gehörigen Felder känf-!ich an sich zu bringen, doch Zeidler, seiner ersten Eingebnng folgend,׳ hatte den Unterhändler schroff abgewiesen. Dergleichen Ventc sind jedoch nicht so rasch zu bannen; des andern TagS erschien er abermals und zwar in! Freihos selbst. Das Angebot des Kavaliers war heute schon verlockender, der Preis, den er für die Felder bot. war höher als ihr Werth, dennoch wies Seidler ihn zurück; doch diese abermalige Ab- Weisung war schon weit weniger schroff, weit weniger entschieden. Der üu<crf)änblcv hielt sich bereits überzeugt, daß der Gutsherr nur noch eine Hand voll Banknoten zu opfern brauchte, um den Bauer seinen! Wunsche geneigt zu machen. Und der Zeidler Toni begann in Wirtlichkeit die Sache von einem ganz anderen Gesichtspnntle ans zu betrachten. Wohl war das schöne, wohlgehaltene Anwesen ihm an's Her; gewachsen, aber glücklich — glücklief) konnte es ihn doch nicht machen. Bor nicht gar langer Zeit, dainals, als er entschlossen war, znm Fndenthnm überzurrelen, dainals hätte er doch freudig sein BesitzUmn! für einen Spottpreis verschleudert, Hane er nur die Aussicht gehabt. Marie dadurch zu erringen. Und wenn er nun zu diesem hohen Preis Hof und Feld zu Gelde machte und in's Ausland ginge und dort für gute Worte und vielleicht für Geld einen weniger religiöse!׳. .Rabbi fände, der ihn willig ansnehmen würde in den israelitischen Glanbensbnnd — und er dann als Glaubensgenosse hintreten würde vor die (geliebte — das Herz pochte ihm hörbar, wenn er dieser Möglichkeit gedachte. — Und diese Möglichkeit — es war ihm doch ein reicht es. sie zur Wahrscheinlichkeit zu mache:-. Jetzt wußte er doch, wie die Skrupel selbst der ächten Rabbinei! zu bannen, es kostete ihm mir eine rüge — sollte diese rüge dm Weg znm Glück ihm bahnen? — Freilich, Kohn hatte behauptet, Marie werde schon 11m dieser einen Luge willen ihn sicher zurückweisen — aber — aber — er hatte in jüngster Zeit gar viel über all dieses gedacht — damals beim Rabbi war er nicht im Stande gewesen, diesen zu widerlegen, heute glaubte er es zu können: er war entschlossen, den Rabbi noch'.nals ansznsnchen. Als der Unterhändler znm drillen Male in! Freihos erschien, fand er eine vollständig veränderte Aufnahme. Der Bauer stellte seinen bestimmten Preis für sein vollständiges Anwesen, Hof und Felder, das er eutschlossen war, nicht zu zerslücken, behielt sich jedoch acht Tage Bedenkzeit, nach welcher Frist ihm der Unter- Händler auch die Antwort des Gutsherrn mittheilen sollte. Diese unterlag jedoch keinem Zweifel, der Guts׳ Herr war sicher zu der zwar hohen, aber doch nicht geradezu übermäßigen Forderung bereit. Es war am darauffolgenden Sonntag, alSScidler'S Geführt vor einem Winhshanse in MirjanrS HeimathSsladt hielt; er war, wie daS vorige Mal, in seinen schmucken Sonntagskleidern und doch war sein heutiges Aussehen ein ganz anderes als damals, heute hatte er nicht die Absicht, Mirjam anfzusuchcn. Aber sehen, sehen, wenn er sie nur ans einen Augenblick hätte sehen können. — Doch er wußte bcreits, Kohn werde ihn nicht zu ihr lassen. Dennoch nahm er seinen Weg anr K ohmschen Hanse vorüber und blickte sehnsuchtsvoll hinauf zu den Fenstern, hinter lvelchen er die Geliebte vermnthetez doch er ward sic nicht gewahr. Seufzend wandte er sich und schritt der NabbinatSwohnnng zu. Es war um dieselbe Stunde, zu der ihn Kohn dorthin geführt, er glaubte daher, hoffen zu dürfen, auch heule den Rabbiner allein zu treffen; er halte sich nicht getäuscht. Ohne fragen zu müssen, fand er das Hehrzimmer und klopfte an die Thür, auf ein einladendes ״Herein!" trat er ein. Ucberrascht blickte der Rabbi aus den jungen Mann, dessen AcußereS in diesen wenigen Monden sich sichtlich verändert hatte. Er war bleicher und schmaler geworden, seine Angen schienen größer, aber nicht mehr so funkelnd wie ehedem, er hatte äugenscheinlieh ernst gelitten. Bol! Thcilnahme ruhte der Blick des Rabbi ans ihm, er hieß ihn freundlich willkommen und forderte ihn ans, sich in einen Sessel in seiner Rahe nicdcrzulassen. Richr ohne Besangen heit entsprach Seidler der Einladung. ״Hvchwnrdiger Herr werden schon vcrzeihen," begann er endlich schüchtern, ״aber i möcht' halt noch 'n!al mit Ahne reden — von wegen dem — Hochwürden werden 'S schon wissen —" FonseUling folgt.! ד