Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1884)
- Article
- David Haller
- Date
- 1884-01-10
- Page
- 30 (sequence 1)
- Language
- German
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30 David Kaller. Von Aastali 2imon. Ällc fHocbtc rorbc:־oltcn. Einige Meilen von der ehernen Verkehrsstrgße, welche bac Vanb vom worden gen 2üben dnrchschneidet, cntjcrtit, liegt die alte, gute Stabt Hochielsburg. Am äußersten 2aum des gewaltigen Gebirgszuges, welcher hier fast jäh abfällt, erbaut, schaut sic van ihrer einsamen Höhe aus die anmuthigen, gesegneten Fluren des sich weithin erstreckenden Tieflands hinab. Ein filberUarer Fluß bricht zu ihren Füßen aus dem ge׳ hemmißvollen Dnukel der von mächtigen Kieftrwalduugcn gekrönten Felsgründe hervor und bettet seine fischreichen Gewässer zwischen schwellende Kornfelder und grünende Auen. So weit das Auge reicht, steigen nirgends rauchende Schlote, die Wahrzeichen der modernen Jndnstric, empor. Liebliche Dörfer und Flecken lagern an den Usern des Flusses. Einfache Menschen entlocken durch ihre emsige Thätig'teit dem ergiebigen Boden die Kraft zur Erzeugnng der herrlichsten Früchte, zur Ge׳ Währung der saftigsten Leide, aus weicher das Rind markig gedeiht. Von dichten Wäldern im Rücken umschlossen, reihen sich die Käufer Kochselsbnrgs um das ans großen Felsblocken in grauer Vorzeit errichtete Vergschloß zn nnregclmäßigen Straßen. Int gegenwärtigen Jahrhundert wieder in bewohnbaren Zustand versetzt, dient das Schloß znm Sitze der höchsten Regierungsbehörden des Kreises: des Bezirksgerichts und des Landrathamts. Borntals Eigenthum und Stammburg des ansgestordencn (Geschlechts der Grasen von H ochse ls. welche die viele Meilen im Umkreise zählende Grafschaft schon seit den Zeiten der Karolinger zu Lehen trugen, ge׳ währte Hocbsclsvnrg schon frühe, dank des ntenschcnfreundlichen Sinnes seiner Herren, den verfolgten und wie ein scheues Wild gehetzten Juden des Mittelalters Schirm und Schlitz in einer nach den dantaligen Begriffen umfassenden Weise. Alis einer noch vorhandenen Urkunde vom Jahre 1337 erhellt, daß der damals regierende Graf Hartwich von Hochfels ..׳einer getreuen und gehorsamen Jndcnschaft" die von ehedem bewilligten Freiheiten bestätigt und verspricht, sie zn beschirnten und zu schützen ״nach hergebrachter gnädiger Art, so daß sie keinerlei Unbillen und Kränklingen ausgesetzt sein sollen, wie damit männiglich bekannt gegeben wird." Namentlich sei es ihnen gestattet, in der Stadt ״zwei oder drei Fleischbänke, so inan Jndenbänkc nennt, zu halten, allivo das Vieh nach ihren Gewohnheiten geschlachtet und ansgeschroltct werden darf, auch dürfen sie eine oder zwei Betschnlen haben, einen Rabbi und mehrere ReligionSweiscr nach ihrem Bedürsniß anstellen, sowie von ihren Meistern und Richtern sich Recht sprechen lassen." Dafür hatte die Judcnschaft ״alljährlich zweihllndcrt Pfund Heller zu entrichten" und außerdem ein ״jeder Jude und eine jede Jndcnwittwe, die dreizehn Fahre alt sind und zwanzig Gulden Werth besitzen, einen halben Gulden zn Zins von ihrem Leib." So gedieh die jüdische Gemeinde zu Hochfelsbnrg unter einer verhältnißmäßig milden Regierung und nahm eine geachtete Stellung unter den Schwestergemeinden Deutschlands ein. Gottessttrcln und Sitte herrschte in den Inden- Häusern. Die Männer gingen des Tages ihren Gcschäften nach und pflegten des Abends das Studium der Gotteslehre. Die Frauen erzogen ihre Kinder zur Frömmigkeit und Tugend. Der Segen ruhte ans der Gemeinde, welche zur 'Wohlhabenheit gelangte und in Freundschaft und Frieden mit ihren christlichen Nachbarcn lebte, so daß sie im Laufe der Jahrhunderte keine einzige ,,Judenschlacht" anfznwciscn Hut. Also ist es geblieben bis in die Gegenwart hinein. Bon den Strömungen derselben wenig berührt, ist es in Hochfelsbnrg so ziemlich ״beim Alten" erhalten worden. Freilich hat die Bevölkernngszahl der jüdischen Gemeinde nicht nur keine Progression attszuweisen, sondern ist im Gegeruheil. fortwährend im Abnehmen begriffen. Die jüngeren Kräfte haben sich meistenthcils au anderen betriebsameren Orten ein ergiebigeres Feld für ihre Entfaltung gesucht, und die älteren Geineinde- Mitglieder nähern sich mit jedem Tage mehr dem Ende ihrer irdischen Laufbahn, so daß in nicht allzu ferner Zeit die ehedem ungesehene. zahlreiche Gemeinde nur noch in der geschichtlichen Erinnerung fortlcben wird. Vor dreißig tmd einigen Jahren aber, als in dem Hause des ersten Gemeindevorstehers die Zurüstungen zn der Bar-Mizwah-Feier des eiitzigen Sohnes getroffen wurden, herrschte noch ein reges Leben im Kreise der jüdischen Gemeinde. Ein Rabbiner und tnehrere Talinudgelehrtc pflegten das Gesetzesstudium, Vorsteher und Gcmeiudcälteste übten die noch umfangreiche Verwaltung ans, fromnie Vereine und Gesellschaften snnktionirtcn nach althergebrachter Sitte. Joseph Haller, welcher schon seit einer Reihe von Jahren das Amt eines ersten Vorstehers bekleidete, zählte begreiflicher Weise zu den angesehensten Bewohnern der Stadt. Sein Vater und sein (Großvater hatten den Rabbinatssitz Hochsclsbnrgs mit Ehren iitttc gehabt; er selbst war gleichfalls ursprünglich gewillt gewesen, sein Leben ausschließlich der Thorawissenschaft zn widmen, um dereinst ein Rabbinat zu übcrnchtrica.