Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1884)
- Article
- Deutschland : Hannover [Nachricht]
- Date
- 1884-01-10
- Page
- 25 (sequence 1)
- Language
- German
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M S. Heschnrmi. Korrespoildcilzcil ltub Nachrikhtcil Dentschla u d. * Hannover, 6. Januar, Heute trifft die Nachricht van dein plötzlichen Hinschciden Eduard Lasters ein. Derselbe ist unerwartet in Ncw-Aork gestern verstorben. Die Thätigkeit dieses bedeutenden AkanneS lag den speziell jüdischen Interessen fern, doch dürfen auch wir wohl, ohne in das politische Gebiet hinüber zu greifen, hervorheben, das: sein selbstloses Wirken, sein .makelloser Karaktcr, sein ideales Streben, seine geistige Hoheit von Allen ausnahmslos gewürdigt wurde und ihm. Niemand den Zoll der Hochachtung versagte. Die preußischen Juden verdanken ihm das Gesetz über den Austritt aus der Neligionsgemeinde vom Jahre ]876. L־r. Berlin, 3. Januar. ״Mit Kleinem fängt man an und mit Großem hört man aus," heißt, es gewöhnlich. Herrn I)r. Bernhard Förster aber, den! großen ״Kantoowitzer" antisemitischen Helden auf der Pferdebahn (Sie verstehen mich!) ist es anders ergangen. Er fing mit Großem an und hörte mit ganz, ganz Kleinem auf, oder jagen wir besser, er sing großsprecherisch an und — und sic! furchtbar hinein. Wie Ihre geehrten Leser durch Ihr geschätztes Blatt schon erfahren haben, hat Herr Di׳. Förster den ״großartigen" Plan gehabt, in Südamerika ein ״Neu-Germanien" zu gründen. Gesagt, gethan! Er und sein Freund, Herr Bankier Ouistorp, gingen hin und gründeten eine deutsche Kolonie in Paraguay, die aber jümmcrlich endete. Herr Ouistorp hat durch eine Almosensammlung die Mittel erlangt, nach Europa zurückzukehren, Förster fristet sein Leben jetzt mit Mühe und Noth als Tagelöhner auf einer paragnayschen Thee- Plantage und wartet auf die Mittel, nach Europa zurückkehrcn zu können. — Wir sind weit entfernt davon, uns über sein Unglück zu freuen, wir wünschten vielmehr, cs wäre ihm so vorzüglich gegangen, daß er gar nicht mehr nöthig hätte, nach Europa zur Erlangnng frischer Mittel zurückzugchen. §§ Frankfurt am Main, 6. Januar. Es ist doch schön, daß cs noch edle Männer giebt, die nicht nur innerhalb des Weichbilds ihres Wohnorts das Licht ihres Geistes leuchten lassen, sondern nicht die Kosten und Anstrengung achten, um auch in weiteren Kreisen des heiligen Amts der Lehre zu walten. Und welcher Lehre? Giebt es etwas Erhebenderes und Menschcnbcglückenderes als das neue — nein, nicht neue, sondern sehr alte und nur in neuer Schönheit und Herrlichkeit wiederum erstandene — Evangelium der Judcnhatz? Der würdigsten und begeistertsten Apostel derselben Einer, der hochgelehrte und wohlweise 25 i Professor Dr. Adolph Wagner, von dein hiesigen! konservativen Verein cingcladcn, hielt am 2. d. M. im! Saalbau einen Bortrag über Sozialismus n. s. w. und; trug dabei natürlich auch die Lehre des Antisemitismus! vor. Sic kennen ja die Manier: ״Ich weiß, daß cs! and) anständige Juden giebt — ich weiß auch, daß j die Nichtjuden keine Engel sind, aber-" Nun dieses ״Aber" eröffnet denn eine sehr artige Perspektive, und der langen Rede kurzer Sinn ist: die Inden taugen nichts, sie sind an allem sozialen Elend schuld. Hier nur eilte kleine Variation, 'öerr Wagner gesteht zu, daß die Juden die Nothlage nicht gerade schassen, aber sie ausbenten und zwar wegen ihrer Findigkeit, jeden Bortheil im wirthschaftlichen Leben aus.zubeuten. Ein Professor sollte doch, dergleichen Gemeinplätze lieber den weniger gebildeten und vornehmen Kollegen überlassen und sich scheuen, ohne wirkliche Begründuttg den Satz auszusprechen, daß durch diese Findigkeit die Juden auf einen unrccUcn Weg vielfach geführt werden. Das ist eine Vcrdüchtigllng übelster Art, für den großen Haufen berechnet. Herr Wagner weiß sehr wohl, daß die Juden nicht das größte .Kontingent zlt den Dieben, Räubern, Betrügern und Wucherern stellen. Und wenn er es nicht wissen sollte, so wissen cs unsere christlichen Mitbürger und lassen sich durch leere Phrasen nicht irre führen, selbst wenn solche atls dem Munde eines Professors kommen. Herr Wagner hätte lieber in Berlin bleiben sollen bei seinem Freunde Stöcker; hier predigt er tauben Ohren. Er muß sich auch nicht ganz sicher gefühlt haben, denn eine schriftliche Anfrage, ob er sich auf eine Diskussion cinlassen wolle, hat er wohlweislich unerwidert gelassen. Das Publikum bcstand zum großen Theil ans ׳.Neugierigen, die sich den Professor, welcher wahrlich nicht zu seinem Ruhme das Gebiet der strengen Wissenschaft und den Hörsaal der Universität verlassen hat, um sich mit dem bekannten Hofprediger zu assozircn, einmal in der Nähe anschauen wollten. nn. "cipzig, 5. Januar. Der zweite Strafsenat des Reichsgerichts hat gestern das Urthcil des Schwurgcrichts zu Köslin in Sachen des Neu stettiner Shtlagogcn brandes von! 22. Oktober v. I. in Folge eingelegter Revision aufgehoben und die Sache zur neuen Verhandlung an das Schwurgericht zu Könitz verwiesen. Rechtsanwalt Sello aus Berlin und Reichsgerichtsanwalt Jnstizrath Lüntzel von hier plaidirteu für die Vcrurthcilten und begründeten die geltend gemachten zwölf Revisionspunkte. Dieselben gehen dain: l) Baninspektnr Kleefeld! hat als Sachverständiger unter Berufung auf seinen generellen Eid ausgesagt, ohne daß angegeben worden, ob, wann und ן wo derselbe einen solchen geleistet; 2) derselbe hat ׳ außerdem auch als Zeuge Depositionen gemacht, ohne