Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1884)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1884-01-10
- Page
- 24 (sequence 2)
- Language
- German
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24 .,Aber was ist es denn?" fragte er c^cprcfu, ..ich! glaubte, 3ic wollten mir cs fagen —‘ \ ״r־a* will ich auch. — Sie sollen Alles wissen j — um von meiner unbegrenzten Hochachtung überzeugt! zu sein — und selbst nrt heilen zu können."; 3״ic l)iclt einen Augenblick innc, er atljmctc rasch j und nicht 01)ne Anstrengung.. j ״Sie haben meine Mutter gekannt — vermnth-!ich auch — meinen Vater —״ Sie hatte die beiden Worte rasch gesprochen, mehr hervorgestoßeiu er fuhr sich mit der Hand nach dem Herzen, als empfinde er dort einen plötzlichen Schmerz. ..Ihren Vater? — freilich — allerdings — Herr ®ott! das wär's?! — man sprach davon — Mirjam — Sie waren — Sic sind. — Ah, verzeihen Sie: — ich rede Wahnsinn!" — und wie von einem Schwindel ersaht, preßte er die Hand an die Stirn. ״Mirjam! — Mirjam! — Sie wollten mir Alles sagen — Sie bückte ihn staunend an, jetzt war sie es, die ichn nicht verstand; doch sic richtete keine weitere Frage an ihn, und ohne weitere Einleitung gab sie ihm eine getreue, möglichst gedrängte Schilderung ihrer Erlebnisse während der verflossenen drittehalb Jahre, die dem freund!ichett Leser dieser Blätter bereits bekannt sind. Mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschte Frank ihren Mitlbeilnngen; nur der wechselnde Ausdruck seiner mächtig erregten Zuge verriethen sein Interesse. Und selbst, als sie geendet, saß er noch eine Zeit lang schweigend ihr gegenüber — ihre Worte tönten nach in seinem Herzen. Endlich erhob er sich. ..Mirjam." sprach er, und bemühte sich umsonst, seiner Stimme Festigkeit zu verleihen. ..ich sehe es ein — ich bin zu gering für Sie — solche Größe — solche — " ״O nicht doch," nn!erbrach sie ihn hastig, ״es ist nur, daß ich Ihnen zu Geringes bieten könnte — Ihre hochherzige Neigung verdiente die Erwiderung eines vollen nngethciltcn Herzens." ״Ich würde mich bescheiden," sprach er leise, ״nie würde ich Sie durch Eifersucht — durch Mißtrauen kränken." ״Das weiß ich," entgegnetc sie in demselben Tone, ״dennoch, meint Sie auch großmüthig für so viel sich mit so Wenigem begnügen wollten — dennoch würde ich es für Unrecht halten -- ich könnte es mir nimmer verzeihen, wenn sich zwischen mir und meinem Gatten das Bild eines Fremden drängen würde — Gewissensbisse würden mich unglücklich machen — und wenn ich unglücklich wäre, könnte ich nimmer beglücken." Frank hatte sich von ihr gewandt; sie sollte das schmerzliche Zucken seines Angesichts nicht gewahren. ״Möglich, daß Sie recht haben," murmelte er, ״möglich — ich weiß eS nicht — ich weiß nur, daß ich unglücklich bin — o, so unglücklich. — Mirjam! Mirjam!" schrie er laut aus und wandte sich plötzlich wieder zu ihr, nnd voll Schrecken gewahrte sie die geisterhafte Blässe seines männlich schönen Angesichts. — Ein Zweifel überkam sic; hatte sie recht gehandelt, solch' innige Zuneigung zurückzuweisen? ..Herr Frank —stammelte sie. Er mißverstand die Bitte, die in ihrem Tone lag. .,Verzeihung, Fräulein, daß ich mir erlaubt habe. Sie bei Ihrem Vornamen zu nennen — aber —" ״O bitte — daran ist ja nichts gelegen — ״Nichts? — nun, um so besser. — Aber Sie haben mir noch nicht alle Hoffnung genommen. Fräulein. — Sie haben mich noch nicht abgewiejen. — In einiger Zeit wird ja doch das Bild jenes Andern erblassen, und dann —" ״Dann werde ich freudigen Herzens Ihren Antrag annehmen." ״Sie geben mir Ihr Wort?" ..Ich gebe Ihnen mein Wort. — Das heißt, wenn Sic zu jener Zeit sich noch nicht mit einer Andern verbunden haben." ״Ich sollte mich mit einer Andern vermählen, so lange die Hoffnung ans die Herrlichste nicht ganz mir entschwunden?" ,,Wer weiß? — die Zeit sott eine mächtige Trösterin sein." ״Das ist sie, nnd darum hoffe ich auch mit Zuversicht, daß —" Er hielt Plötzlich innc, denn er erinnerte sich des jungen Mannes, den er vorhin bei seinem Onkel getroffen. — Der war kein Jude, das hatte er ans den ersten Blick erkannt — und — nnd — des Onkels Erregtheit — seine seltsame Zerstreutheit, in der er Mirjam'S Thür verschlossen. — Frank preßte die Hand an die Stirn. — 5tein Zweifel, jener junge Mann war Seidler, jener Seidler, wegen dessen Mirjam seinen Antrag nicht annehmen zu dürfen glaubte. -- Und sein Onkel hatte den Nichtjnden zum Rabbi geführt — warum? — warum? Mit furchtbarer Raschheit wechselte die Farbe in dem Angesicht des Erregten, seine Augen rollten wild, seine Brust hob sich keuchend. ״Was ist Ihnen, Herr Frank?" rief Mirjam beunruhigt. Er wollte sich mit Gewalt bezwingen. ״Ein plötzlicher, vehemenler Kopfschmerz — Verzeihung,! Fräulein! — aber ich muß sofort in's Freie —" und ohne Gruß verließ er eilends das Zimmer. (Fortsetzung folgt.)