Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1884)
- Article
- Federzeichnungen
- Date
- 1884-01-10
- Page
- 21 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933052-2955526--14532-2955579- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nicht gedacht." — Vris Miloh? halt, das ging ja! mich an ... ich ergreife die Thürklinkc, will in'S Zimmer ... doch halt! ... Da wäre ich schön angekommen ... also, ich horche weiter ... ich bin nnbcwußt in'S Horchen gekonimen — so will ich denn tapfer wcitcrsündigcn ... ah, Frau Judith spricht:; .,Liebes berzchcn, ich dächte, er müßte nach meinem ‘ im vergangenen Jahre verstorbenen Großvater, Gott : hat? ihn selig. Awrohom — Abraham heißen." ״Du wirst ' erlauben, liebes Kind, und bedenken" — 0 weh, da - drinnen gicbl's etwas zu bedenken — ״und bedenken,! daß meiner Mutter Bruder Moses, olow hascholanm, schon vor l '/2 Jahren gestorben ist. und daß in unserer Familie noch keiner nach ihm benannt ist, und daher, liebe Frau —— ״Lieber Mann, da sehe ich nicht ein, warum unser Junge nach ihm heißen soll, unser jüngster Neffe trägt den Namen Moses nach demselben, nach welchem dein verstorbener Onkel so hieß, daher—." — ״Aber, Frau, das ist doch kein Grund, weshalb unser Kind nicht nach ineiner Mutter Bruder heißen sollte." — ״Und ich sage Dir, Herz, ich will, daß er nach meinem Großvater selig heißt." — Nun, da drinnen wird'ö ja lebhaft .... die Titnlationcn werden auch immer schwächer, erst: liebe Judith — liebes Herzchen ... dann liebe Judith, liebe Frau — lieber Mann ... dann hört die ״Liebe" auf, und cs heißt: Frau — Herz mit dem entsprechenden Nigun natürlich — erst ״erlaubte sic sich zu bemerken" und er ״einznwcndcn" — dann begriff er ihre — ״Dummheit" sagte er nicht, cs lag aber wieder im'Nigun -- und sic? sic wollte — und wenn ן ic will, muß er — 01tfl) wollen — doch unser Her; hatte eine ״eiserne" Stirn — sic droht mit Ungnade — er wird — grob — er schilt, sic weint, das Kind schreit — ... na, das war mir denn zu arg — heftig klopfte ich an die Thür . .. ich erschrak vor mir selbst, gern hätte ich das Klopfen wieder ״ungcklopft" gemacht, doch cs war zu spät ... cs ward drinnen still, selbst der unschuldige Gegenstand des Streites schwieg .... da kommt Herr Levy ... mit acröthctem Gesichte ... ״ah, lieber Freund, — hcreinführcu kann ich Sie nicht — das Kind" — da schwieg er ... Frau Indith's Stimme ertönte von drinnen: ״Herr H." — das war ich — ״soll entscheiden." — ״Ja, er soll entscheiden," rief auch Levh und wollte mich über Alles anfklürcu, — doch sic rief dazwischen — er schrie dagegen ... der Kleine begann wieder zu ״singen." Da beichtete ich denn, um Alles in Frieden zu erhalten, mein Horchen — großmüthig ward verziehen! — und mm begann ich denn weit airsznholcn, und meine Rede, nur dann und wann von dem ״Schluckscn" des Neugeborenen unterbrochen, hätte wahrlich keinem Demosthenes oder Cicero Schande gemacht — wenn ich nämlich nach dem Erfolg unheilc mein Vorschlag wird angenommcn. ... Er soll nach Beiden heißen: Abraham Moses ... also, der Streit wäre geschlichtet ... doch hau! . - . Frau Judith Levh, gcb. Cohn, bemerkt: Abraham Moses Levh klänge doch gar zu jüdisch — Herr Herz Lcvy stimmt ihr bei, er könnte später auf der Schule Unannehmlichkeiten davon haben, und die Eltern wollten ihn nicht dazu bringen, daß er sich später einmals eines eigenen Namens schämen müsse . Ich versuchte zu widersprechen — vergeblich — das Ehepaar stand mit vereinter Znngcngelänfigkeit mir entgegen — obendrein begann der ״später sich seines Namens schämen müssende" Kleine zu trillern, als stimme er gegen mich, — und Frau Levh, die vielleicht in der schon jetzt gewaltigen Kehle ihres SprößlingS einen künftigen Opernsänger zu entdecken glaubte, bcstimmte für Abraham — Arthur, Herr Levy für Moses — Moritz. — Frau Judith hätte vielleicht lieber Mangold oder dergleichen gewählt — aber es blieb dabei, er sollte heißen: Arthur Moritz Levh, das klang nicht jüdisch.(?) Ich fragte, woran sic denn ״Arthur" oder ״Moritz" erinnere, — daß dagegen die NameuAbraham, Moses von den beiden größtcnMännern unserer Nation geführt seien — alles vergeblich. — ״Man muß der modernen Zeit doch auch einen kleinen Gefallen thnn!" -- Einen kleinen Gefallen sagten die guten Leute — sie bedachten aber nicht, daß, während sic dem Jahrhundert einen kleinen Gefallen thaten, ihr Sohn später auch größere Gefallen thun würde, j Der Vater hieß Her;, wenn auch nicht ein echt * jüdischer, so doch ein gut jüdischer Name, die Mutter Judith — und er selbst heißt eigentlich Abraham Moses — in Wirklichkeit Arthur Moritz — 1111b warum? — weil sich seine Eltern seines jüdischen Namens schämten, oder damit er sich dessen einst nicht zu schämen j habe. — Nun, er schämt sich bald auch der jüdischen Gesetze und Gebräuche — bald seines Zunamens Levy — er ändert ihn und mit ihm seine Religion. — Man wird mir vielleicht sagen, ich sähe zu schwarz. Doch j die Erfahrung lehrt cs — und wenn nicht er selbst cs; thnt, so thnt's sein Enkel, sein Urenkel. — Ist der ' Name Abraham eine Schande? — Jeder muß dies; verneinen. — Und, wenn der Jude sich seines jüdischeu Namens schämt, gicbt er damit nicht dem Nichtjndcn das Recht, sich seines jüdischen Mitbürgers zu schämen? — Doch, ich will nicht predigen — das ist nicht meine Sache - ich muß nicdcrschrcibcn, was ich gehört, gesprochen und gedacht. — Adieu, meine Damen, die Tie mir, wenn auch nur in Gedanken, in Herrn Lcvy's Wohnung folgten. Ans Wiedersehen bald an einem andern Orte!