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Jeschurun · 1883-12-27 · Heft 52 (27.12.1883) · p. 907

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 52 (27.12.1883)
Article
Deutschland : vom Niederrhein [Nachricht]
Date
1883-12-27
Page
907 (sequence 2)
Language
German
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schmettern. So erging eS auch einen wackern Herrn, welcher nach seiner Versicherung ״in einer Gegend des westlichcn Deutschland wohnt"; schade, daß er seine genaue Adresse unter dem Titel ״Eingesandt"in der Krcuzzeitung versteckt hält und sich dadurch der verdienten Anerkennung bescheiden entzieht. An dem Stammtische eines kleinen Kreises, in dessen Gesellschaft auch ich hin und wieder mein Glas Bier zu trinken pflege, wurde dieses ״Eingesandt" der Krcuzzeitung dieser Tage eingehend erörtert. Ich bemerke, daß dieser kleine Kreis meistens ans nichtjüdischen Bürgern und Beamten besteht. ״Habt Ihr schon jemals solchen Blödsinn gehört?" wandte fid) der Herr Apotheker ., welcher den Artikel vorgelesen hatte, an die Uebrigen. ״Es wohnen doch auch bei uns viele Israeliten in der ganzen Gegend und treiben lauter-, Frucht- und Niehhandel — daß sie aber den Bauern Unheil bringen, das sind doch, wie mein norddeutscher LandSmann Onkel Bräsig sagen würde, ,ansgestunkene Lügen״ — ".׳Ich kann dem nur bcipsiichten," erwiderte der Gendarmerie-Wachtmeister, ״ich habe doch gewiß Gelegenheit, die bäuerlichen Verhaltnisse kennen zu lernen, aber ich wüßte wahrlich nicht einen einzigen Fall, wo durch die Juden in der Weise, wie dieser Artikel schildert, die Trunksucht der Bauern gefördert und ausgcbcutet wird." Es liegt nicht in meiner Absicht, die ^cfcr des Ieschnrun von der ganzen Konversation, die an dem Wirthshauslisch meines HcimathstädchcnS über diesen Gegenstand geführt wurde, in Kenntniß zu setzen. Es genügt mir, zu konstatiren, daß der Erguß eines antiscnütijchen Herzens auch von vernünftigen und billigdenkcnden Christen nach Gebühr gewürdigt wird. Ich habe vorhin den Haß dumm genannt, und in der That dürste cs eine Dummheit sein, wenn inan den Inden in Westdeutschland den Branntwcinhandel zur Last legen will. Der krcuzzeitunglichc Einsender hat wahrscheinlich gedacht, daß der Branntwein, welcher in Rußland den! Antisemitistnus so herrliche Dienste geleistet, sich auch in Deutschland für den gleichen Zweck gut verwerthen ließe. Gedacht, gcthan, er setzt sich hin und schreibt eine Epistel an die geehrte Redaktion der Krcuzzeitung, in welcher er die amüsante Geschichte zum Besten giebt, wie bu Juden mit kleinen Branntweinfässcrn von Dorf zu Dorf fahren und den Bauern den Fnsel ausschwatzen; wie sie, zehmnal ,,gccisenacht", wie Herr von Ludwig sagen würde, immer wieder kämen und häufig, wenn Alles nichts nützt, und der biedere Landmann standhaft den Verlockungen wiedersteht, das Vranntweinsaß auf die Scheuneudicle niederlegeu, als stetes Lockmittel für die Bewohner dcS Hofes. ״Die Beträge für den Fistel und andern Waaren werden so lange kreditirt, bis sich eine bünstige Gelegenheit bietet, die Schlinge znzuziehen." So sind denn die bösen Handclsjuden und der Branntwein j die Krebsschäden unseres Volkes! — Mau beachte die j Feinheit — erst ist cS der Branntwein der Juden,! durch welchen ״auch wohlhabende und ordentliche Bauern! nach und nach in ihre Schlingen und zu Fall" ge-- ׳ bracht werden — hernach werden ״noch andere Waaren" mit eingeschmuggelt. Nun kann cS ja möglich sein, daß einmal in irgend einem Dorfe Deutschlands ein leichtfertiger Bauer sich auf so plumpe Weise von einem Handelsmann, der Jude ist, hat übertölpeln lassen. Daraus werden dann die Juden int Allgemeinen, und die Leser in den Städten gewinnen durch den Einsender der Krenzzeitung den Glauben, als ob die Juden schaarcmveise mit Dranntweinsässern die Landstraßen bedecken und kein Bauernhof von ihren VerlockungSfünften mit Fusel sicher wären. Wenn ich mich nicht irre, sind die Branntweinbrenner in ihrer weitaus größten Anzahl Bekenner des ChristenthumS, und ebenso glaube ich mich nicht zu täuschen, daß unter den Brennern vorzugsweise auch hochangesehcne und hocharistokratische Namen zu finden sind. Statt sich also gegen die armen Handelsleute zu wenden, wäre es von dein Einsender sehr viel praktischer, gegen die Erzeuger des so verderblichen Feuerwassers loszudonneru. Ferner habe ich auch wohl gehört, daß in den Städten der Branntwein ebenfalls und nicht in geringerem Maaße geliebt wird, wie auf dem platten Lande, und ich müßte mich sehr irren, wenn die SchnappSbutikcn daselbst nicht meistenthests von Schenkwirthen christlichen Bekenntnisses gehalten werden. Wenn dem Herrn Einsender also das Wohl der Menschheit so sehr am Herzen liegt, so müßte er gegen diese ebenfalls seine Stimme erheben. Ich bin näinlich der unmaßgeblichen Meinung, daß der von Juden verkaufte Schnaps nicht mehr berauscht, als der von christlichen Händen kredenzte. Das aber liegt ihm gar nicht am Herzen; er will nur dem Inden eins nach russischen Epempel versetzen, und da kommen die christlichen Brenner und Schenkivirthe nicht in Betracht. Man erdichtet deshalb in Ermangelnng von Thatsachen eine schöne Fabel und tischt sie in eineneinflnß reichen großen hauplstädtischen Organ auf — das Uebrige findet sich. So macht man antisemitische Propaganda. :\: Wiirzburg, 23. Dez. Das hiesige ״Fr.VolkSblatt" bringt folgende Notiz, die vom allgemeinen Interesse ist und daher Ihren geehrten Lesern nicht vorcuthaltcn werden darf. ״Im Einlauf der Kammer ist auch eine Petition des früheren jüdischen Rabbiners Jakob Rosen- Haupt zu Aschasfcnbnrg gelangt, der ein Gesetz will, nach welchem die von den Ncu-Jsraeliten getrennten Alt-Inden, welche nur dem mosaischen und nicht dem neuen talmudischen Gesetze huldigen, selbstständige Gemeiudcu bilden dürfen und KorporalivnSrechtc erlangen können." Sollte die hohe Kammer ans die Eingabe

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