Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1883)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1883-12-27
- Page
- 906 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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906 der ihrige (der Antisemiten) geworden, als er eS bisher! schon war — wobei wir nur dcS Herrn HosprcdigerS! Kurzsichtigkeit bedauern müssen; denn wir haben schon! längst cingesehen, was für eine Pflanze Herr Wagner j durch antisemitischen Dünger geworden ist und einmal! werden würde; — doch, das ist Geschmacksache — wohl aber berührt »ns die Phrase Drückers: ״Unser ösfentlichcs Leben wird unter der Fremdherrschaft der Juden verfälscht." Was denken Sie sich, verehrter Herr Stöcker, darunter? — Ich glaube, nicht viel. Ein ״abgedroschencS" Wort, das Sic schon X-mal in Ihrer ״christlich-sozialen Pflanzschtlle" gebraucht haben. Gott ja! klingt recht schön, ״Fremdherrschaft der Juden." Sehen Sic, Herr Hofpredigcr, ich für meinen Thcil bin mir nicht bewußt, irgend einmal eine Herrschaft ausgeübt zu haben, und bin doch Jude, Und, um ״Deutsch" mit Ihnen zu sprechen, wenn Sie mir beweisen, daß Ihre Familie länger in Deutschland ansassig ist, als die meinige, wenn Sie mir beweisen, daß die heutigen deutschen Christen früher in Deutschtaud waren, als die deutschen Juden, dann — ja daun — wollen wir Semiten unsere Koffer packen und direkt aus Deutschland abreisen. Das können Sie aber nicht, und doch wollen Sie eine — mit demselben Rechte, wie Sie, darf ich cS sagen — Fremd- Herrschaft aus das deutsche Volk ausüben! Sie wollen cs beeinflussen, 11)111 Ihre verkehrten — um einen milden Ausdruck zu gebrauchen — Ansichten aufoktrohireu. Ich kann Ihnen nur rathcn: betrachte dich selbst, bevor du Andere betrachtest! — Sie nennen ferner den Kampf gegen die Juden einen Kampf ״gegen diesen Abgrund der mit Gift arbeitenden schleichenden Gewalten, die unser öffentliches Leben verderben. Dieser unser Kampf muß zum Siege führen. DaS Gute muß über das Schlechte siegen." Sagen Sie einmal, wie machen die Inden das, wenn sie mit Gift arbeiten, schleichen, Gewalt üben? Was wollen die Juden? Nicht wahr, sie sangen das Volk anö, wuchern? Oft widerlegte Dinge. Ohm also, sic werden Richter, Aerzte, Lehrer! — Ist das vielleicht ein Privilegium der ״Andern?" Sie beherrschen die Presse! Erstlich ist das nicht wahr, und zweitens, dürfen Juden keine Journalisten sein? Wenn Sic ״Oictn!״ antworten, werde ich Ihnen wieder die Frage vorlegcn betreffs der Fremdherrschaft. Darauf läuft alles bei Ihnen hinaus, das beweisen Sie, bitte, erst! Sie haben eS noch nicht gcthan. Reden Sie nur von bewiesenen Thatsachcu, dann können Sie auch mit gutem Gewissen reden; denn die ״Wichtigkeit des Gewissens״ stellen Sie ja selbst in Ihrem Vortrage am höchsten. Und Sie haben eS nöthig, sich einmal nach Ihrem Gewissen umzuschauen. Vielleicht finden Sie eS noch! — Mit gutem Gewissen dürfen Sie nicht, wie Sie acht Tage nach obigem Bortrage thaten, äußern, daß man den Juden möglichst großen Schaden znfügen müsse. Sic zeihen die Juden der Verläumdung und vcrläumden dieselben selbst in — unschönster Weise. DaS Volk weiß, wenn Sie ihm nicht stets falsche Meinungen anfdringen, nichts von ״der brutalen Gewalt, dem schlimmen TerroriSmuS", den die Juden auSüben — unb wenn cS auch Ihr Freund ״im Bunde der Dritte" jagt, Herr Abgeordneter Cr cm er. -6- Erfurt, 91. Dezember. Mit der Aufklärung und Bildung, deren sich Viele rühmen, ist oft auch ein gehöriges Maß von Rohheit vereinbar. Roh nennen wir aber jeden Mißbrauch der Gewalt, jede Rücksichtslosigkeit, jedes Pochen auf den Geldbeutel. Eine Erfahrung in dieser Richtung sollte auch unserem seit Kurzem in unserer Gemeinde sungirendeu Rabbiner Herrn Dr. K r o n e r nicht vorenthalteu bleiben. Derselbe erklärte die Einführung einer Orgel in die Synagoge als gegen das ReligionSgesctz verstoßend. Da nun daS Amt eines Rabbiners nach allgemeinem schlichten Verstände darin besteht, das israelitische Gesetz zu lehren und auf dessen Beachtung in der Gemeinde zu halten, so sollte mau glauben, hätte die Gemeindeverwaltung die Pflicht, sich dem Aussprache deS Rabbiners in religiösen Fragen zu fügen. DaS ist aber eine sehr veraltete, ungebildete, unaufgeklärte Meinung. Die Herren am grünen Tische wissen das besser. Sie wollen trotzdem eine Orgel einführen und nöthigten den Rabbiner, welcher an dem so modernisirten Gottesdienste nicht theilnehmen wollte, zur Predigt zu kommen. — Ferner hat unser Herr Rabbiner sich daS Mißfallen der Hochmögenden dadurch zugezogen, daß er — horribile diotu — sich dafür verwandt hat, die Schüler von der Nöthigung, am Sonnabend zu schreiben, zu befreien! — So begegnen gebildete Männer einem Rabbiner, der sich der Interessen deS Jndcnthumö annimmt und pochen darauf, daß er ja ihr Beamter, der von ihnen Besoldete ist. Giebt cs — um nichts anderes zu sagen — eine größere Rücksichtslosigkeit? Da ist die Unbildung unserer Voreltern denn doch vorzuziehen; diese hatten Achtung vor der Thora und deren Vertretet*; ihre Enkel aber kehren beiden den Rücken. L. Vom Niederrheür, Dezember. Es giebt eigentlich nichts Dümmeres als den Haß. Begierig hascht er nach jeder Gelegenheit, um sich Luft zu machen und greift Alles auf, was ihm in dem ersten Momente brauchbar erscheint, lim dem unglücklichen Gegenstände seiner Abneigung einen Schlag zu versetzen. Er prüft nicht lauge und ist nicht wählerisch in seinen Mitteln: Ob cS ein Stein, eine Hand voll Straßenkoth, ein Schneeball oder ein Strohhalm ist, er wirst es dem Gehaßten an den Kopf, um seinen Ingrimm zu bezeigen, und meint, den Getroffenen damit zu Bdden zu