Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1883)
- Article
- Deutschland : aus Westfalen [Nachricht]
- Date
- 1883-12-20
- Page
- 889 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M 51. Jeschnrun. 889 Korrespoildcilzcil mtb Nlichrichtcii. Deutschland. K. Westfalen, 14. Dezember. Go wird Ihnen, hochgeehrter Herr Redakteur, ba^• Unheil, welches in dem ״Iudeujpiegel"- Prozesse gefällt ist, sicherlich schon bekannt sein. Vielleicht sind Sic aber noch nicht über die Details unterrichtet. Hirt! auch da glaube ich, daß co nicht von bcsonftercm Interesse ist, was im Einzelnen von juftenseinftlichen Begutachtern ausgesagt ist. Wohl aber gilt es. die Aeurthcilnng ein wenig näher ins Auge zu fassen, welche sich der jüdische als Sachverständiger geladene Scminarlehrer Treu ans Munster gegen Talmud und Schulchau Aruch erlaubt hat. Wahrlich, wenn die Sache nicht gar zu ernst wäre, so müsste ein Lachen unseren Mund umspielen, wenn wir uns die Szene recht lebhaft vorstellen. Ein Erzieher und Bildner von Jünglingen, welche dereinst berufen sein sollen, das Gotleswort und GotteSgesctz zu lehren, zeugt wider dies Gesetz und erklärt cs für ein Nonsens! So scheint eS leider zu sein; die Thatsuche ist nicht wcgzulcuguen, cs müßte denn der ״Wests. Merkur", welcher eine genaue Schilderung des Prozesses enthält, geradezu gelogen haben. — Gesetzt nun, Herr Treu halte für sich den Schulchau \Hn1d1 für kein Gesetzbuch, kann es aber einen größeren הלול השש geben, als dies össentlich in einer Gerichtsverhandlnug anSzusprechen, in welcher ein uichtjüdischer Staatsanwalt sich des Schnlchan Arnchs anuimmt gegenüber den Berlcumdnugeu und Beschimpfungen von Seiten uichtjüdischer Inocuhasjcr. — Was soll man dazu sagen, wenn nun ein jüdischer Seminarlehrcr erklärt: ״Kein Jude kann nud wird die Auslassungen im Schnlchan Aruch als Religionsnorm betrachten." - - und damit ist zugleich der Stab über den Talmud gebrochen, da Herr Treu von vornherein erklärt hat, ״daß er Talmud und Schnlchan Aruch zusammenfasse". Unb ferner, tauu ans schmählichere Weise Talmud und Schulchau Aruch in den Koth gezogen und dem Hohn und Sport Preis gegeben werden, als wenn ein Lehrer des Gesetzes, rcsp. ein Individium, welclieS ein solcher zu sein die Kuhnheit hat (denn nicht anders verdient Herr Treu geuanut zu werden), sich zu der Behauptung erkühnt: ״Talmud und Schulchau Aruch sind Sammelwerke, es sind Hunderte von Dingen darin besprochen, und eS giebt so viele Erklärungen dazu, d a ß c s nicht m ö g l i ch i st, d a u a ch; u h a übel u." Hat nun nicht der Berfasscr des ״Iudeuspiegels״ Recht? Denn als was für ein ungeheures, höchst zweifelhaftes und verdächtiges Ding stellt Herr Treu den Talmud dar? — Es ist wirklich noch zu verwundern, daß Herr Treu so freundlich war und dem armen Talmud wenigstens ״einige sehr schöne Stellen, herrliche Parabeln, ans denen z. B. Herder und Krummacher ihren Stofs geschöpft haben" zu lassen und gegen die Ungeheuerlichkeiten re. zu protestireu. Aber wir bedanken uns für solche Vertheidiger. Da hätte Herr Treu lieber ganz schweigen sollen, — denn das ist klar — sei! langci׳ erdenklicher Zeit weiß die jüdische Geschichte nichts Erbärmlicheres aufzuweisen, als dieses gerichtliche Gutachten eines jüdischen Lehrers über Talmud nud Schulchau Aruch. Das ist eine traurige Wahrheit, die nur dann zu Nichte gemacht wird, wenn Herr Treu das Referat des ״Wests. Merkur" von Anfang bis zu Ende für erlogen erklärt. — — Kanu es uns nun noch Wunder nehmen, daß die jüdischeu Zustände in Westfalen so desolat, so herzzerreißend sind? Denn sicherlich ist'S erlaubt a magislro ad discipnlos zu schließen! Münster, 14. Dezember. Der Redakteur des ..Westfälischen Merkur" wurde wegen der Anklage der Aufreizung durch Veröffentlichung von Auszügen aus dem ״Iudeuspiegcl" (siehe *Dir. M.) srcigcsprochen. DaS Gericht nahm den guten Glauben des Herrn Di׳. Hofsmann an. Die Depositiouen des Herrn Seminarlchrer Treu als Sachverständiger waren derartig, daß wir Gott bitten müssen, uns vor unseren Freunden zu schützen. Der Herr Seminarlchrer gab Mittheilungcn über das Iudenthuni, welche seiner Stellung als Lehrer einer jüdischen Lehrerbildungsanstalt wenig entsprechen dürften. * Frankfurt n. M., 4. Dezember. Nachdem wir vor einer Woche, schreibt die ״Franks. Ztg.", einen Brief des Lord ShafteSburh an einen Herrn in Frankfurt a. M. veröffentlicht hatten, in welchem der Lord das Auftreten des Herrn HospredigerS Stöcker in London verurthcilte, suchten die Berliner Organe des Letzteren Lord ShafteSburh dadurch zu verdächtigen, daß sie ein Dankschreiben des Luther-Komitees an Herrn Stöcker veröffentlichten und darauf aufmerksam machten, daß an der Spitze des Blattes Lord ShafteSburh als Präsident des Komitees verzeichnet sei. DaS ist richtig, aber wir sind nun 'in der Lage, diesen scheinbaren Widerspruch anfznklüren. Einer der Ehren-Sekretäre des Luther-Komitees, Herr W. Edwhn Shipton, hat nämlich an den Londoner Obcrrabbiner Ihr. Adler ein Schreiben gerichtet, in welchem es wörtlich heißt: ״Ich ergreife die erste Gelegenheit, um Ihnen zu sagen, daß, als unsere Freunde in Deutschland gebeten wurden, uns einen Delcgirten zu senden, welcher ihre Ansichten über Luther vertreten würde, wir deren Wahl nicht voraussehen konnten, noch wäre es unsererseits nicht passend gewesen, irgend einen Wunsch in Betreff der Person, welche dieselben ernennen möchten, anSzusprechen. Allein die Mitglieder dieses Komitees theilcn die wohlbekannten Ansichten ihres Präsidenten, des Earl os