Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1883)
- Article
- Was nicht alles unter der Sonne geschieht!
- Date
- 1883-12-20
- Page
- 886 (sequence 2)
- Language
- German
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886 blitzblaue Gedanke ihr unendlich weises .,Hirn": diese fette Gelegenheit darf nicht ohne Nutzen für unsern liebwerthen Lcseverein Vorbeigehen. Der -Herr Baptisten- Missionar muß uns zu einem Vortrage herhalten und — und — oh, wer beschreib! die Entzückung dieser -Herren, als sie ansingcn, sich die ruhmreichen Folgen dieser herrlichen Thal auszninalcn! Die Entzückung war so groß, daß eS wahrlich kein Wunder gewesen wäre, wenn der Verstand dieser um die lesevereinliche Ausklärung unserer jüdischen Jugend so verdienten -Herren sich ein wenig vom Platzeweggerückt hätte! — O, Herr der Hecrschaareu! Es ist klar wie das Sonnenlicht, daß dieser Baptistcn-Bekchrungsprcdigt eine Lichtfülle entstrahlcn und unserem liebwerthen Lesevercin mit einem, für die Ewigkeit berechneten Glorienschein nmslnthen wird! — Also, kurz und gut — ein Vaptistenmissiouär wurde von ״Juden" aujgcsordert, einen Vortrag über die Bibel zu halten, vor einer Zuhörerschaft, deren jüdische Mitglieder sich zu den christlichen etwa so verhalten wie 100 :צ! Nnu, -Herr König, was geriehen Sie dazu zu jagen? — Ist eine solche Absurdität noch je dagewcscn? Doch Ihre Miene enthebt Sic jeder Antwort — also: — entweder Sie geruhen, öffentlich zu erklären, daß Ihre Sentenz für die Acra des Rentracr jüdischen Lescvcrcines nicht exislirt, oder ich schicke Ihnen, als eifriges Vercinsmitglied, meine Sekundanten ins -Haus! — Nachdem nun meineAfsairc mit König Salomon so gut wie bcigclcgt ist, will ich mich mit doppelter Aujmcrksamkeit an ein verehrtes Publikum wenden, um ihm meine Reflexionen über das in Rede stehende Geschehniß kund zu thun. — Ich habe gesagt, daß es eine beispiellose Absurdität ist, wenn Juden einem professionellen Scclenschachcrcr Gelegenheit bieten, an ihnen und au vielen anderen ahnungslosen jungen Leuten einen Bekchrnngsversnch machen zu können. Denn sehen Sie, meine -Herren lescvereinlichen Aufklärer: aut, aut. Entweder hegen Sic Ehrsurcht und -Hochachtung vor der Religion, in welcher geboren zu sein Sie nun einmal das Malheur haben — dann ist cs ja geradezu eine Ungeheuerlichkeit, eine Sclbstentwürdigung. die Sie mit der Zulassung des Missionärs zu einer Predigt begangen haben, und ein jeder vernünftig denkende Mensch, ob Jude oder Ehrist, muß mitleidig über Ihre bedaueruswerthc Simplizität die Achsel zucken. Doch nehnteu wir den andern Fall, den nämlich, daß Sie Ihrer angestammten Religion nunmehr nur dem ')tonten nach an gehören, — dann sollten Sie, meines Erachtens wenigstens, so viel Ernst besitzen, vielen vielleicht anders denkenden jungen Leuten nicht den eigenen irreligiösen Standpunkt aufnöthigcn zu wollen! — In jedem Falle aber haben Sie der Welt keine sehr rühmliche Perspektivc in Ihren Jdeenkrcis eröffnet; Sie haben gezeigt, daß sie einen so unbedeutenden, krähwinkeligen Stand- Punkt geistiger Jntellcktnalität einnehmen, von welchem aus Ihnen ein jeder hcrumvagirende Baptistenprediger eine geistige Eclcbrität zu sein scheint! — — Aber wie, wenn sich die -Herren nur eine ״Hetz" -hätten machen wollen, oder wenn sic blos beabsichtigt halten, das Wissen der -Herren Vcreinsmitglieder mit einigen, von dem Vorträge des Seelenschachcrers zu erwartenden Daten über die Sekte der Baptisten zu bereichern? A(1 1 bemerke ich, daß nur die iirigehcnerlichste Gedankenlosigkeit in unseren Tagen einen geeigneten Zeit- Punkt, sich eine, auch nur im Geringsten das Gebiet einer andern Konfession tangirende ״-Hetz" erlauben sollte; ad '1 aber meine ich, daß der Zweck der Wissensbcreichcrnng auf eine viel anständigere Art hätte erreicht werden können. Der Verein besitzt ja eine ganz respektable Zahl von Mitgliedern, die sich redlich bestreben, durch solenne Vorlesungen den welken Ruhm der Eiecro und Demosthenes wett zu machen. — Da hätte ja einer unter ihnen leicht über den Baptismus nachschlagen und das Gewonnene zum Stoffe einer Vorlesung benutzen können. Was ist die Lehre von dieser Fabel? Sie beweist deutlich, zu welchen Ueber- und Mißgriffen der fasche Liberalismus und die unechte Kultur, deren sich viele Glanbensverächter unter uns zum Deckmantel ihrer in Wirklichkeit von vcrständnißloser Glaubensverachtuug diktirten Handlungen führen, und sic ermahnt gleichzeitig die Ahnungslosen, sich nicht bedingungslos der Führung gewisser, sich als unfehlbare mtd alleinige Propheten aller Zivilisation und Bildung gerircnden Leithammel zu überlassen. — — Ich will nun noch ein Detail des Geschehenen nachtragen, welches hauptsächlich durch seine delikate Komik höchst interessant ist. Oer Herr Missionär lud sich nämlich zur Verschönerung und Bereicherung seines Auditoriums einige Dutzend Arbeiter einer hiesigen Fabrik ein. Es war ein unvergleichlich erhebender Anblick, als die biedern Gesellen in Hellen Haufen zur Vereinslokalitüt strömten. Das paßte denn doch auch den betreffenden Herren nicht in ihren Kram, denn sie pflegen ihren Verein mit Vorliebe einen Sammelpunkt der Intelligenz zu nennen. Es wurde daher den unschuldigen Arbeitern die Thüre knapp vor der Nase zugesperrt und diese waren so gutmüthig, abzuziehcn. — -Höchst karakteristisch ist es auch, daß ein hiesiges Wochenblatt Anlaß nimmt, den absurden Vorfall mit einigen satirischen Bemerkungen auf die — wie mau sagt — erbärmlich schlechte Leistung des Herrn Missionärs zu begleiten. Der Herr Seelcnschacherer hat sich auch erbötig gemacht, dem Vereine einige Bibeln und Baptistenbüchet zu übersenden. Die Herren Aufklärer werden diese Werke höchstwahrscheinlich ganz verklärt der Vereinsbibliothek einvcrlciben. Schande und Spott!!-