Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1883)
- Article
- Türkei : Konstantinopel [Nachricht]
- Date
- 1883-12-13
- Page
- 878 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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878 Anzahl cingcäschcrt, und Tausende von Menschen sind obdachlos geworden. Rußland. ...x. Petersburg, 3. Dezember. Die ״Juden- Kommission" wird jetzt endlich ihre Arbeiten beginnen; wie verlautet, soll am 5. d. Mts. die erste Sitzung stattsindcn. Möge der Geist der Gerechtigkeit, Milde und Weisheit in ihren Bcrathnngen zur Herrschaft gelangen. — Als ein günstiges Omen wird cs betrachtet, daß der Answcisnnezsbcschlnß gegen die jüdischen Apothekcr in Folge Beschwerde jetzt nach zwei Jahren von dem Senate wieder ausgchoben werden soll. 11. Warschau, 9. Dezember. (Sin cigcnthnmlicher Erlaß ist von der Schnlanssichtsbchörde kürzlich ausgegangen. In demselben wird den jüdischen Schulen ansgegcben, den Religionsunterricht in dem sogenannten jüdisch-polnisch-dcntschen Jargon zu crtheilen. Eine Erklärung hierfür ist nur in dein Umstande zn finden, daß gesetzlich die Sprache der Mehrzahl der Schüler bei dem Religionsunterrichte zur Anwendung gebracht werden soll. Aerzenczer Au fvu h r - Prozeß. S. Kapvsvar, 7. Dezember. Am Dezember fand die Verhandlung wider die Berzcnczer Aufrührer stark. Natürlich waren alle Angeklagten, ihren eigenen Aussagen nach, nnschnldig wie die Ungel z ja, sie behaupteten sogar, die Inden gegen die Misihandlilngen ״unbekannter" Tumultuanten geschuht zu haben. Das wäre nun recht schön geu'csen, wenn nicht die ״nnangcnehme Line" bei den Gerichtshöfen bestände, auch andere teilte, die Zeugen, über den Sachverhalt anszn^ fragen. Bei unserer Berhandlnng nun Passirte der für die Angeklagten gewiß nicht erfreuliche Fall, daß die Jen gen, wie jene cS wohl gewünscht hüllen, nicht erklärten, TrcS Kind, kein Ungel ist so rein, Laßt eurer Huld empfohlen sein. Das Hauptkind rnar ein Tischlermeister Wilhelm Tibold, der für einige Ieil fein Handwerk, das vielleicht keinen goldenen Boderl gehabt, liegen gelassen hatte, 11111 am 2<>. Anglist d. I. ans ivcnigcr anstrengende und anci, lohnendere Weife sich ״lvinigeS";11 verschaffen, was die reichen Inden besaßen ״Tu sollst deine Habe mehren", sprach er. und da ging er und ״haute den Inden". So sagen die Zeugen. Ter Angeklagte behauptete, er habe den Inden Alexander Junker gerettet und;war ans den Händen mehrerer Fremden, denn ״tödtcn dürfe man am (5ndc nicht, wenn cs sich auch um einen Inden handele". (51׳, sowie alle anderen Angeklagten, verwickeln sich aber in Widersprüche und wird durch die Zeugenaussagen sengestelll, daß sie besonders den Inden Alexander Junker mißhandelt und anSgeplündert, den Inden Samuel Aausinann beraubt und seinen Besitz zerstört hätten, ivobei ״Herr" Tibold den Löwcnantheil erhielt, obgleich sämmtlichc Angeklagte ihre Theilnahmc leugnen, sonne Niemanden erkannt haben!vollen. 91111t ist Bcrzcnrze kein Pest und kein Wien, jeder Einwohner kennt den andern, nur nalürlich dann nicht, wenn es ihm selbst an den Kragen gehen soll. Am Dezember um 12 Uhr Mittags erklärt der Präsident das Bcweisvcrfahrcn für geschlossen und ertheillc dem öffentlichen Ankläger das Wort. Staatsanwalt Fanstin Hcilin beginnt sein Plaidoyer mit der Bemerkung, daß die Angelegenheit, über welche der Gerichts- Hof das Urthcil fällen soll, einen Rückblick ans eine lange Neihe von Bcrbrechen gestatte, welche die Gesellschaft in Schrecken versetzte. (5s ist, als ob die civig begraben geglaubten Geister des finsteren Mittelalters wieder anscrstanden und die erhabenen Ideen des nciinzchnten Jahrhunderts ins Grab gestiegen wären. Kinder einer Mittler, eines V.uerlandcS erheben sich gegen einander, überfallen die Wohnungen, zerstören den Besitz, greifen die Person an, und warum? Veit deren Gott heißt, weil nicht das -Urenz ihre Bcthänser ziert. Dies thnn die Anhänger jenes Kreuzes, ans welchem der für die Menschheit gelitten, der lehrte und verkündete: Gott u't die Uicbe, wer in Rebe wohnt, wohnt in Gott, Gott in ihm. Tic Duldsamkeit und Freiheilsliebc der ungarischeu Nasse sind bekannt 1111b werden von der Geschichte doknmentirt. Sic wäre lies gesunken, wäre nicht bekannt, daß gewissenlose Hetzer, jener geistige und moralische Allsivurs es ivar, der ans egoistischem Interesse den hiezu geeigneten Theil der Nation irrcgeführl und so nicht nur die Gerechtigkeit mib Ordnung, sondern auch dic Ghrc der Nation mit Füßen trat. In der Regel sind wir zn einer milderen Anssassung geneigt, wenn Diejenigen, über welche wir das Unheil sprechen sollen, als Bcrsührte und Alisgehetzte erscheinen, als Opfer der Nichtswürdigkeit nugnalisizirbarcr Polls- Verführer, die mittelbar und unmittelbar ans dem Wege der Presse, wie außerhalb derselben Unheil säen und sich dann, wenn die ansgcslrentc Saat die vergiftete Frucht trägt, in ein Inkognito feige v e r k r i c ch e n, das zn lüsten leider noch nicht gelungen ist, um sie ans ihrem Verstecke ans die Anklagebank zn setzen, wohin sie in erster Reihe gehören. Gerade darum müssen wir sehr behutsam sem, denn eine milde Anssassung kann leicht ein gefährlicher Abhang für die Gerechtigkeit werden, eine Klippe, woran die gesellschaftliche Ordnung Schissbrnch erleiden kann. 'Nicht blutdürstiger Rigorismus ist eS, der die Strafe als Rache bclrachter ohne Ziel und Maß, der rächen, nicht strafen will. (5s ist ein berechtigter Standpunkt, das Interesse der Gesellschaft. Hier nicinc Gründe: Uebcrall, wo Tumukle stattfanden, haben Agitatoren bei ihren gegen die gesellschaftliche Ordnung, die (5hrc der Nation gerichteten Ranbzügen das Volk damit irregeleitet, daß sie erklärten, der Staat und die Be- Hörden würden die verbrecherischen Attentate nicht ungern sehen, daß die gegen .Nmsinann gerichtete!: Angriffe im Ge- Heimen unterstütz: werden. Den Staat gegen solche tollkühne, nichtsivürdige Berleirmdititg zn rechtfertigen, ist nicht nothwendig. Die Nation, deren Legislative erst jetzt fast einstimmig ein Gesetz schuf, daß zwischen längst gleichberechtigten Bürgern auch die letzte Scheidewand falle, diese 'Nation kann kein Schalten eines solchen Verdachtes treffen. Jedoch nicht um diesen Theil der Nation handelt es sich, sondern um Jene, die den Worten der falschen Propheten Glauben geschenkt haben. Diesen muß ans das Verständlichste bewiesen werden, daß ihre Propheten lügen, daß dort, wo es sich um die gesellschaftliche Ordnung und die (ihre der 'Nation handelt, der Staat keinen Spaß kennt. (5s muß vergcbengt werden der falschen Ansicht, daß der Staat nur scheinbar rügt, eigentlich aber lobt, Beifall klatscht, wo er scheinbar verdammt, schmeichelt, wo er scheinbar ahndet. (5s muß bewiesen werden, daß die Fahne der ungarischeu Nation die heilige Dreifaltigkeit ״Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" schmückt, daß das Gesetz denjenigen unerbittlich!risst, der die Fahne, Gott lästernd, zn beschmutzen sich erkühnt. Nachdem ich ans tiefster Ucbcrzengnng offen und bestimmt den Standpunkt der den ungarischen Slaalsgedankcn vertretenden Staatsanwaltschaft diesen und ähnlichen Fällen gegenüber kennj zeichnete, gehe ich ans das Merilorische der Angelegenheit über. | Ter Staats a 11 w a l t weist dann nach, daß die Kriterien E -es Aufruhrs, der Aufreizung gegen die Konfession und ein bcj wassnetcr Angriff vorhanden seien, verweist ferner ans die wähj rend der׳ Berhandlnng aiisgelanchlcn belastenden Momente und j *j Der vierbnchstalüge Gottesnamc.