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Jeschurun · 1883-12-06 · Heft 49 (6.12.1883) · p. 863

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 49 (6.12.1883)
Article
Amerika : New York [Nachricht]
Date
1883-12-06
Page
863 (sequence 2)
Language
German
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863 steter Begleiter in Deutschland jetzt mehr als seit langen Jahren ist, habe ich hier bis jetzt keine Spur entdeckt. Die Inden nehmen sozial und kommerziell eine sehr geachtete, unbencidete Stellung ein. Auch unter dem Handwerkerstände findet man sehr tüchtige Vertreter des jüdischen Stammes. Ebenso trifft man deren als Eisenbahn- und Zollbeamte, Seeleute u. s. w., kurz der Jude bewährt sich hier als eines der vielseitigsten Elemente in dem amerikanischen Volke. Zu den äugesehensien Bankers, Brokers, Kommissiouers-Merchants der großen Handelsstadt stellen die Juden nicht das schlechteste Kontingent. — Und ferner zeichnen die hiesigen Inden sich durch eine beispiellose Wohlthätigkeit und Humanität aus und bctnndeu dadurch, daß sie echte ׳Nachkommen unseres Stammvaters Abraham sind. Darin aber erschöpft sich leider auch im Wesentlichen die Bethätigung des religiösen Bewußtseins. Man nennt hier Jemanden ״übertrieben orthodox", welcher sich bei uns zu den extremsten Neologen selbst rechnen würde. Die Entheiligung des Sabbaths und der Feiertage ist, so weit ich bis jetzt Gelegenheit hatte wahrzunehmen, die Regel; in dem großen New-Dork mir seiner bedeutenden jüdischen Bevölkerung soll es keine zehn am Sabbath geschlossene Geschäftsbureaux geben. In Betreff der Gestaltung des Gottesdienstes herrscht die größte Willkür; eine jede der vielen Synagogen entwirft sich ihr eigenes Ritual mir Hülfe der ״Rabbis" nach verschiedenartigem Geschmack und Witz. Das Ritual ist ein Konglomerat von Hebräisch, Englisch und Deutsch; nur einzelne Synagogen haben den alten ehrwürdigen Ritus beibehalten. In diesen ״Tempeln" befinden sich Männer und Frauen in buntem Ensemble. Die Orgel wird von einem gemischten Männer- und Frauenchor begleitet, der Vorderer und der Rabbi fuhren eigentlich allein das Programm des Gottesdienstes ans; sie sind die Akteurs und die ״andächtige" Gemeinde bildet das zum Schauen und Hören gekommene verehrungswürdige Publikum. Der Vorbeter steht auch diesem zugewendet wie auf der Bühne, umgeben von einigen Vorstehern und dem Rabbiner. Nachdem Orgel, Vorsänger und Ehor ihre Schuldigkeit gethan haben und zwischen diesen Anfsührungeu auch der Sermon des Predigers eine passende Stelle gesunden, wendet dieser sich zum Schlüsse gegen die Menge 1111 b spricht mit ausgcbreitctcn Händen den Kohcuüm-Segen. — Es versteht sich eigentlich von selbst, daß die althergebrachte Sitte des bedeckten Hauptes wahrend des Gebets bei dieser fashionablen Art des Gottesdienstes nicht paßt. Die meisten entblößen deshalb auch ihr Haupt und in dem allerfeinsten Tempel ״Emanuel" in der fünften Avenue ist es natürlich geradezu verboten, den Hut aus dem Kopfe zu behalten. — Wir leben hier in der Welt der Antipoden DnttschlmrLs. Es kann deshalb auch nicht auffallcu, daß die Vorsteher hier zu europäischcu Schammoschi'.u geworden sind. DaS höchste Ehrenamt ist es hier, zu dem ausgezeichneten Stabe der Platzanweiser an den hohen Feiertagen zn gehören. Ein Dutzend in lull dress, Frack, Lackstiefein und Handschuhen umhcrlaufcnde Herren sorgen für die richtige Platzanweisnng und Ausrcchthaltung des äußeren Anstandes. Man ist übrigens auch sehr genügsam; die meisten ״Tempel" sind nur am Sonnabend und an Feiertagen geöffnet, und von den letzteren hat man auch dem י׳ט שני meistens den Abschied gegeben, sogar am Rösch-Haschanah. — Der größte Feiertag, welcher sehr allgemein und gewissenhaft im Punkte des Essens und Trinkens gehalten wird, ist der Purim. Er ist aber leider zu einem Karneval hcrabgcsnnken, welcher nur dazu dient, den gewöhnlichsten Vergnügungen nachzngchen. — So erscheint mir das Getriebe auf dem Felde der Religion; Gleichgültigkeit, Unwissenheit und Thorhcit haben dasselbe fast ganz okknpirt; doch soll in diesen allgemeinen Rahmen nicht der kleine Kreis satten, welcher sich die Anhänglichkeit an das Judenthum und die treue Befolgung der religiösen Pflichten bewahrt hat. — Ebenso leben hier sehr viele kürzlich cingewandcrtc ׳Russen, meistens in einem Stadtviertel beisammen, nach der frommen Heimathsweise. — — Wenn Ihnen diese kleine Skizze nicht ganz unwittkommcn sein sollte, so werde ich mich gern von Zeit zu Zeit wieder bei den Lesern des ״Jeschnrun" cinstetlen. Für heute will ich mit der Bemerkung schließen, daß hier sicherlich sich Manches besser gestalten würde, wenn wir wirklich bedeutende und ansrichtig ihres heiligen Berufes waltende Rabbiner besäßen; aber wo sotten solche unter uns erstehen? Das von Europa herüber-' gekommene Kontingent der Nevercnds — nun, das brauche ich Ihnen nicht zu schildern — und der in Amerika ans der rabbinijchen Hochschule in Cincinnati heranblühende Stamm der zukünftigen amerikanischen - ״Ehrwürdcn" unter der Leitung des Reverend Wise, dem ultraresormistischen Redakteur des ״American ' Jsraelite?'?" — Gott bessere cs! Peru. In Lima (Peru) leben, wie dem ״Jewish World" gemeldet wird, an 150 jüdische Familien, welche eine eigene Synagoge besitzen. Sie stehen mit ihren Nach- baren in bestem Einvernehmen, besitzen vollständiger Gleichberechtigung und erfreuen sich des schönsten Glückes. ,׳ Und doch möchten wir ihr Glück noch vervollständigt wissen, wenn uns nämlich auch bekannt würde, daß bei ihnen יראת שמיש ובבור התורה eine sichere Wohnstätte haben.

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