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Jeschurun · 1883-12-06 · Heft 49 (6.12.1883) · p. 859

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 49 (6.12.1883)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1883-12-06
Page
859 (sequence 2)
Language
German
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Juden unter diesen Volksstämmen sich befinden, so lange ist etf eine Ungchörigkeit, von einem Gegensatz;wischen Deutschen und Juden zu sprechen. Und wenn es in dem Munde eines deutschen Abgeordneten, als welchen sich gerade an diesem Abend der Herr Hofprediger vorzngsweisc bezeichncte, mindestens eine dorrende Gedankenlosigkeit wäre, wollte er B. den Latz ausstellen: Deutsche und Preußen, Bayern oder Lachsen u. s. w. sind in ihrem Wesen nicht unerheblich verschieden, so ist der von Herrn Stöcker oben angeführte Satz ebenfalls das Produkt eines grenzenlosen Gedankenirrthnms. Und ferner, wenn die Pflege des christlichen Volksgeistes und des detnsch-christlichen Wesens in der Pflege der Gottesfurcht, der Menschenliebe, der Littlichkeit und des Rechts besteht, dann darf das deutsche jüdische Wesen und der deutsche jüdische Geist stolz den Ansprttch erheben, neben dem deutsch-christlichen Wesen und Geiste in vollster Ebenbürtigkeit;u stehen. Bor der christlichen i'icbc hat die jüdische ihr Haupt nicht zu verhüllen, die Litte der jüdischen Familie ist nicht unheiliger als die der christlichen, und das jüdische Rechtsbewußtsein ebenso lauter wie daS christliche. ZZ Berlin, Bi. November. Jit der Berliner Studentenschaft beginnt, so schreibt die ״Wescrzeitnng", eine erfreuliche Ein- und Umkehr sich vorzubcreilcn. Wie die Jugend für alle neuen mtd blendenden Ideen empfänglich ist, so war sie es auch für die Phrasen vom echten Dcutschthum, welches angeblich verloren gewesen und jetzt wiedcrgcwonncn werden müsse, und welches sich zunächst praktisch als der reine Antisemitismus darstelltc. Auf diese Weise konnte es kommen, daß nicht blos Männer wie Trcitschke und Wagner, die doch immer noch etwas sittd in der wissenschaftlichcn Welt, sondern daß sogar ein Ltöcker zum Führer und Helden der ״nationalen Studenten" wurde. Der Unfug hat, so schreibt man der ״Osnab. Ztg.", lange gedauert, viele Erbitterung verursacht und manche junge Kraft durch das Hineinziehen in die wüsteste und unfruchtbarste aller Tagessragcu vor der Zeit lahm gelegt. Jetzt aber kommt der Gestindheitsprozeß langsam, doch, wie es scheint, sicher. Anläßlich der bevorstehenden studentischen Ausschußwahlcu nämlich hat eine Reihe von wissenschaftlichen Vereinigungen und Lands- Mannschaften einen genteinsamen Ausruf erlassen, worin sic die vorgekommenen Zwistigkeiten auf's Tiefste bcdauern mtd mit dem offenen Eingeslündniß, daß die studircndc Jugend sich tun Politik nicht zu kümmern habe, die dringende Bitte verbinden, bei den Wahlert alle konfessionellen und politischen Rücksichten bei Seite treten zu lassen. Möglich, daß ein Erfolg für jetzt nicht zu erreichen ist, indessen ansbleiben wird und kann er auf die Dauer nicht, ivenu anders nicht das Vertrauen aus den verständigen und doch zugleich idealen Sinn nuferer Jugend verloren gehen soll. Für die symptomatische Bedeutung der beginnenden heilsamen Reaktion aber werden hojfeutlich auch die Matadore der autisemitischen Bewegung die erforderliche Begriffssähigkeit mitbriugen. b Aus Pommern, 29. November. Die schon sofort nach dein abgegebenen Wahrspruche des Kösliuer Lchwurgerichtshoses von der Vertyeidigung der wegen Brandstiftung aiigeklagten Leßheim und Genossen in Aussicht genommene Berufung ist dieser Tage eingcreicht worden. Oie Begründung soll sehr eingehend den Gegenstand behandeln rrnd wird von Rechtskundigen sehr gerühmt. Daß der Berusung stattgegeben wird, glaubt man nicht bezweifeln zu sollen. Ich möchte jedoch nicht mit allzu großer Sicherheit ans ein im Wesentlichen anders ausfallendes Verdikt bauen, wenn die Lache nochmals an das Kösliner Schwurgericht gelangt. Möge Gott der Wahrheit zum Liege ver- Helsen, das ist unsere Hoffnung. Vielleicht wird der eigentliche Brandstifter inzwischen entdeckt rrnd alsdann klar gestellt, daß die Angeklagten unmöglich ihm eine Beihülse bei dem Verbrechen geleistet haben können; vielleicht ergiebt cs sich auch, daß gar kein Verbrechen dem Brande zrr Grunde liegt. -m- ׳Altona, 2. Dezember. Der hiesige israclitische Krarrkcn Unterstützungs-Verein, der im Jahre תק^״ד (Februar 1784) gegründet worden ist, begeht demnächst sein hundertjähriges Jubiläum, zrr welchem schon jetzt die Vorbereitungen getroffen werden. Er blickt aus eine reiche Geschichte zurück und erweist sich noch heute so segensvoll, wie in vergangenen Tagen. — Einer seiner gegenwärtigen Vorstandsmitglieder, Herr Julius Hartog, fungirt schon länger als ein Vierteljahrhundert. Hl 8010in,;, 25. November. Das Landgericht hatte den Redakteur der sich besonders durch autisemitische Gesinnung auszcichneuden ״Wuchcrpille" von der Anklage wegen Aufreizung entbunden. Die gegen dieses freisprechende Erkenntniß Seitens der Staatsanwaltschaft erhobene Berufung hat dett Erfolg gehabt, daß das Reichsgericht das erste Unheil aufgehoben und die Sache zrrr nochmaligen Verhandlung an das Landgericht verwiesen hat. * Hofen (Bayern), 28. November. Seit der Austreibung der Juden int Jahre 12L1 arrs Jphoscn haben daselbst bis auf den heutigen Tag sich keine Inden niedergelassen. Erst jetzt machte wieder den Anfang der vorn hiesigen Magistrat an'S städtische Krankenhaus berufene Dr. med. Engen Lax aus Schöllkrippen. '? Halberstadt, 25. Noverrtber. Wie lautet doch das Stigma, rvclches denjenigen von gewisser Seite sofort angehcstct wird, welche sich erdreisten, einer gesetz-

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