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Jeschurun · 1883-12-06 · Heft 49 (6.12.1883) · p. 852

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 49 (6.12.1883)
Article
Ungarisches Jeschiba- und Rabbinerwesen
Date
1883-12-06
Page
852 (sequence 2)
Language
German
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852 Beschäftigung auf, welcher es, in so weit cs sein Unterhalt erfordert und nur weil cs dieser erfordert, obzuliegen hat. Es lernt, um die Freitische zu behalten, denn cs weiß, daß man ihm zu essen giebt, weil man von ihm voraussctzt, daß cs lernt. Wir treffen hier demnach ein Motiv an, welches dem erhabenen Zwecke des Thorastudiums im schroffsten Gegensätze zuwider-׳ läuft. In Folge dieses Untsiandes werden wir bei den ungarischen Bachurim nicht viele Idealisten autrcsfen, und doch ist jedem Menschen eine proportionirte Bei׳ menguug von Idealismus nothwendig, wenn nicht sein Gcmüth verknöchert und er selbst zu einer über die niedere Sphäre der Scholle nicht hiuausragende Ersten; dcgradirt werden soll! Zur richtigen, der ethischen und geistigen Stellung des Menschen, die er im Kreise der leblosen Natur einnimmt, würdigen Auffassung der Welt und des Lebens gehört zweifellos auch das lebhafte Bewußtsein der Zusammengehörigkeit aller Menschen und jener gegenseitigen Beziehungen und Verhältnisse, unter denen die einzelnen Mitglieder der gesummten Menschenfamilie, oder in engerem Sinne der Gesellschaft sowohl zu einander als auch zum großen Ganzen stehen. Ter Keilt: zum Bewußtsein dieser Zusammengehörigkeit wird in das Kindcrher; durch das schöne Beispiel eines einträchtigen Familienlebens gelegt und durch die nur im Genüsse eines solchen Familienlebens reifenden Gefühle verwandtschaftlicher Liebe und Hinneigung. Ein glück׳ lichcs Familienleben kennt der früh dein Elternhause Entfremdete kaum und kann sich für die sittliche Bedentung desselben nicht begeistern. Derjenige Bachur. welcher, wie wir gesehen, in früher Jugend das Elternhaus verlassen, steht mit demselben nur in äußerst losem Kontakte und zwar ledig׳ lich durch einen sehr spärlich gepflogenen Briefwechsel. Von elterlicher Liebe lind Zärtlichkeit, welche ein nnabstreitbares Bedürfnis; sind, damit die Stimme der Natur jene das Wohl der Menschheit bedingende Macht eiltnehme, empfängt er während der ganzen Zeit, da er in der Fremde weilt, nur schwache Zeichen, und die einfachste Folge davon ist, daß die Stimme der Natur nicht nur nicht gestärkt, sondern vielmehr geschwächt und abgestumpft wird. Nun ist es wohl wahr, daß gegen das frühe Verschicken der Kinder kein erfolgreiches Mittel in Anwendung gebracht werden kann, mld daß, darnit derselben gesteuert lverde, ׳uns kein anderes Mittel übrig bleibt, als an das Gefühl der Eltern zu apelliren, bereu Willkür hier allein maßgebend sein kann. Eltvas aber ließe sich dennoch auch derart dagegen thm., daß freinden Kindern der Eintritt in eine Ieschiba bis zu einem gewissen Alter nicht gestattet würde.— Unter solchen wenig günstigen Auspizien entwickelt sich das Kind zum Jüngling und reift dieser zum Manne, um zu einem jener oben angedeuteten Resultate zu gelangen. Wir fragen nun: kann das ein ernst zu nehmendes Studium genannt werden, welches auf solche Bahnen leitet? Kann von unbefangener Seite daraus Anspruch erhoben werden, daß einsichtsvolle Eltern, das geistige und materielle Wohl ihrer Kinder riskirend, sie diesem Slttdiuin weihen sollen? Wird sich eine Institution, deren innerstes Wesen an einem so schrecklichen Krebsschaden kränkelt, angesichts unserer Alles dem kritischen Sezirmesser unterziehenden Zeit für die Dauer aufrecht erhalten können, kann gewünscht werden, daß sie sich in dieser Form aufrecht erhalte? Auf diese Fragen müssen wir den harten Ausspruch thun, daß das Thorastudium in seiner jetzigen Gestalt leider keinen Anspruch erheben darf, ernst genommen zu werden, daß die gcringe Berheilignng au demselben, besonders ans den Reihen der besseren Stände, nicht befremden kann, daß sich die Institution unserer Ieschiboth in ihrer gegenwärtigcn Gestalt nicht lange mehr erhalten wird, er׳ halten kann. Ter Bachurstand hat keine Gegenwart, in der er wurzeln, keine Zukunft, in welche er seine Hoffnungen versetzen könnte — er besitzt heute nur noch eine glorreiche Vergangenheit und diese Vergangenheit ist es, die ihn noch zeitweilig mit einem schwachen Lebensodent versieht, um kümmerlich ein vegetatives Scheindasein fristen zu können. Dieser schwache Lebensodcm aber muß über kurz oder lang ausgehcn und dann wird auch jene vcrhüngnißvolle Selbsttäuschung eilt Ende nehnten, der man sich in gewissen Kreisen überläßt, um die Nothwcndigkeit einer Abhülfc,. an deren Beschaffung man sich nicht hinanwagt, in einer minder zwingenden Gestalt erscheinen zu lassen. Mau fürchtet nämlich, den Anforderungen des geistigen Fortschrittes Konzessionen zu gewähren, da mau besorgt, daß dies als Signal zum allgemeinen Abfall betrachtet und benützt werden wird. Wir wollen die Berechtigung dieser Furcht keiner Analyse unterziehen; wir wollen nicht untersuchen, ob dadurch, daß dem Bachur Gelegenheit geboten wird, sich das Alpha der profanen Wissenschaften anzucignen, um sich und Anderen nützlich sein zu können, wirklich das Fundament zu seinem religiösen Abfälle gelegt wird; wir rvollert auch nicht betonen, daß wir ja eigentlich bei Aufrechterhaltung der gegenwärtig zerfahrenen Zustände nicht nur Ab-, sondern auch Verfall mit mathematischer Gewißheit erwarten dürfen. Möge das ein Jeder mit seinem Gewissen ausmachen, der etwa Helsen könnte, und es, skrupulöser Bedenklichkeit willen unterlassend, über das Schicksal so vieler Menschen den Stab bricht. Aber waruur geschieht denn nicht wenigstens in materieller Beziehung etwas zur Besserung der Lage? -Schluß folgt.-

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