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Jeschurun · 1883-11-22 · Heft 47 (22.11.1883) · p. 830

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 47 (22.11.1883)
Article
Holland : Rotterdam [Nachricht]
Date
1883-11-22
Page
830 (sequence 2)
Language
German
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880 sich einer ausgedehnten Verbreitung erfreut, das ״Weekblad voor israel. HuiSgezinnen"; in dieses ist mein jüngster Äericht aus diesen geschätzten Blättern übergegangen und hat in maßgebenden Kreisen einige Beachtung ge- > sunden. — Lilien nicht gering anzuschlagenden Vorzug j gegenüber so vielen seiner deutschen Kollegen besitzt j übrigens unser Gemeinde-Vorstand, oder richtiger unser i Kerleraad. Abgesehen von den religiösen Anschauungen, welchen derselbe in seinen einzelnen Gliedern huldigen mag, — wir haben c$ ja auch nicht mit Einzelnen zu thun — wird es unserem Vorstände, um bei dem deutschen Ausdrucke zu bleiben, nie einsallen, seine j Anschauungsweise der Gemeinde aufoktrohiren zu wollen; j derselbe sagt sich, und ja auch vollständig mit Recht, daß eine jüdische Gemeinde jüdisch sein müsse — sonst brauche man überhaupt keine — alle Funktionäre deShalb dein jüdischen Religiousgesetze entsprechen müssen, j Und da unsere Gemeinde entschieden z. B. keinen Rabbiner j haben will, der hinüber und herüber schielt, der viel-! mehr ganz und voll aus dem Boden des gesetzeStreneu! IudeuthumS steht, so wird eS auch unserem Vorstände! nie in den Sinn kommen, seine etwa abweichenden An-; sichten als allein maßgebend dekrctiren zu wollen. DaS j .sic volo sic jnheo deutscher Gemeinde-Vorstände, bao , leider so oft blühende Gemeinden zerrissen hat und zur , Trennung der in ihrem Gewissen bedrückten Gemeinde-; Mitglieder führen mußte und geführt hat, ist in .Holland ein RonsenS; der Vorstand betrachtet sich als das, waS er ist, als die Vertretung, welcher die Gemeinde die Wahrung ihrer Interessen in ihrem Sinne anvertraut hat, und er würde eS als eine MaudatSüberschreittlng aussassen. seinen Willen au Stelle deS der Gemeinde zu setzen. Mautlse Korporation in Deutschschland könnte sich ein Beispiel daran nehmen. — Daß unsere Gemeinde - Verhältnisse in ihrer jetzigen Gestalt auf die Tauer unhaltbar sind und den Bestand der Gemeinde, weil das Interesse für dieselbe auS Mangel jeglicher Anregung schon jetzt ein geringes ist, für die Zukunst ernstlich gefährden, ist eine Thatsache, der gegenüber mau auch in den maßgebenden Kreisen die Augen nicht verschließt, und um׳ dürfen sagen, man ist bestrebt, eine Abhülse zu schassen. — In dem Sinne meiner jüngsten Korrespondenz, welche anempfahl, auch mit einem unserer Vaudsleute für die Besetzung unseres RabbinaiS in. Verbindung zu treten, ist von einem hiesigen Gemeinde Mitgliede eine Eingabe an den Vorstand gerichtet worden; es ist nur zu bedauern, daß dasselbe auf eigeite Faust vorgiitg, seine Vorstellung hätte sicher zahlreiche Unterschriften gefunden und so den Wünschen der Geitieiude auch greifbaren Ausdruck verliehen. ES ist ein sehr berechtigter Patriotismus, ganz abgesehen von den Rützlichkeitsgründen, daß man hier lieber einen holländischen Rabbiner wünscht. England. 8§ London, 19. November. Es dürste nicht nnwichtig sein, die von fast allen hiesigen Zeitungen bestätigte Thatsache zu registrireit, daß die tumultnarische Störung des Slöcker-MeetiiigS nicht von Juden herbeigeführt ist. F..J.P.M. London, 1 l).November. ״WennEiner eine Reise thut, dann kann er was erzählen." So auch Herr Stöcker; der, wenn er, was noch nicht so ganz sicher ist, wieder glücklich in der trauten Heimath augelangt sein wird, viel von London und den Londouem erzählen kann. Die Perle seiner hiesigen Erinnerungen wird sicher der gesttige Abend sein. Aus ',28 Uhr Abends hatte Herr Stöcker einen Bortrag über ״die christlich-soziale Staatsidee" angcknndigt; Freibillete und reservirte Plätze, ü waren in Menge abgesetzt worden. Lange, ehe die Thore geöffnet wurden, sammelten sich vor dem Lokale der Memorial- Hall in Farringdou Street dichte Massen, zumeist auS deutschen und anderen Sozialdemokraten bestehend, an, von denen aber nur ein Theil Einlaß fand, da die große Halle bis anf'S Aenßerste ungefüllt war. Die Thore wurden wieder geschlossen und die Menge draußen ihren Privatvergnügungen, auf die wir noch zurückkommen, überlassen. Die Erscheinung Herrn Stöcker'S auf der Plattform war das Signal zu einem endlosen AuSbruch von Pfeifen, Zischen und Toben. Zwei Sozialdemokraten springen hinauf und pflanzen sich zu Seiten Herrn Stöcker'S hin und entfalten unter endlosem Beifall rothe Fahnen. Die Marseillaise singend folgte ihnen ein großer Theil der übrigen Sozialdeniotraten, und Herr Stöcker, der einsah, daß der Tag für ihn verloren sei, verließ die Bühne und, wie die Polizei versicherte, auch das Haus. Nach seinem Rückzuge nahmen Sozialdemokraten den Präsidentenstuhl ein, und an verschiedenen Theileu der Halle wurden unter größtem Läniten wilde Brandreden gehalten. Schließlich gelang cS den Führern, folgende Beschlüsse zu fassen: ״Diese Versammlung verdammt den ehristliehen Sozialismus, den Herr Stöcker Predigt, als total unfähig, die soziale Frage zu lösen. Ferner erklärt dieses Meeting, die Ausschreitungen, begangen unter dem Namen ״Indenhetze" als einen Schmachfleck für die Deutschen und Deutschland." — Polizei-Inspektor Softer ersuchte hierauf die Versammlung, sich aufzulösen, da Herr Stöcker das HanS verlassen habe und kein anderes Meeting abgehalten werden dürfe. Unter dem Rufe: ״Dreimal hoch der Lordmayor!" begann die Menge auseinander zu gehen. Während eS so im Hause stürmisch zu ging, stand die Menge vor dem Thor ihnen nicht nach. Pfeifen und Zischen, alle Arten Hochrufe und PercatS; ein Herr, der eine Rede halten

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