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Jeschurun · 1883-11-22 · Heft 47 (22.11.1883) · p. 826

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 47 (22.11.1883)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1883-11-22
Page
826 (sequence 2)
Language
German
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826 flugs schreibt die heutige ״Neue Preuß. Ztg.", daß ״Hosprediger Stöcker in London von den verbündeten sozialdemokratischen Flüchtlingen und Inden in sögemeiner Weise beschimpft worden": ״Inden", natürlich in gesperrter Schrift, denn das ist ihr die Hauptsache. Nur schade, das; übereinstimmend bezeugt wird, daß die Juden sich nicht mit den Sozialdemokraten zum Niederschreien des Herrn Stöcker verbunden; also ist c? damit auch nichts. Herr Stöcker ist von Nichtj 11 bc 11 insnltirt worden, und Nichtjnden Englands vernrtheilten den dentschen Antisemitismus. Daran ist mm einmal nichts zu ändern. — Ein ferneres Leid ist diesen -Herren widerfahren. -Herr Pfarrer Hapke hat gestern vor dem jüdischen Amtsrichter Lion den vielbesprochenen Zengencid geschworen. Er hat freilich die Eidesformel abgelesen. DaS ist nun an und für sich nichts Merkwürdiges, auch ist es nicht besonders beachtenowerth, daß er der Formel noch einige bekräftigende Worte nach christlichem NitnS hinzugefngt hat. Wir finden dabei gar nichts zu erinnern, möchten aber der ״Krenzzeitung" und dem ״Dentschen Tageblatt" die Frage vorlegen: mit welchem Rechte sic denn so weitgehende Folgerungen zu Ungnnstcn der Juden daran kürzlich knüpften, als ein jüdischer Zeuge den Richter gebeten, den Eid mit bedecktem Haupte, der unter den Juden bei religiösen Handlungen gewohnten Uebung gemäß, zu leisten. P. Holstern, 18. November. Daß es bei 1m$ doch noch vorurtheilsfrcic Kreise giebt, und zwar gerade nicht die ungebildetsten, daß die Männer der hohen Wissenschaft noch nicht von der ״Heilkraft" der berühmten Tinktur, welche der Aussaugung der Kräfte des deutscheu Landes durch die semitischen Eindringlinge vorbeugen soll, sich überzeugt haben, beweist die Thatsache, das; tvie im voriger! Jahre an der Pommerschen jetzt au unserer Kieler Universität ein Jude;mu Rektor erwählt ist, Professor Dr. Ladenburg, ein Chemiker, Mitglied der philosophischen Fakultät. — Ja, es ist schlimm, Deutschland ist ״vcrjndekt", wie die nntem§- mini;mtiscimtid sagen. Die Semiten sollen lieber, so wollen sie, wieder zum Hausirpacken greifen und Wissenschaft und Kunst den Andern überlassen. Wie können sie auch das Recht beanspruchen, an dem Werke menschlicher Bildung initarbciten zu wollen? Hl Posen, 18. November. (Inden-Eid, Kreuzzeitung und Deutsches Tageblatt.) Wenn die Liebe erfinderisch ist, wenn die zärtliche Sorge für den Gegenstand inniger Znueigimg jeden Anknüpfungspunkt zu erspähen weiß, um dasjenige zu schaffen, was ihm Besriedigung, Nutzen und Freude zu gewähren im Stande ist, so ist der Haß nicht weniger scharfsichtig, so entdeckt das feindliche Auge nicht minder schnell jede schwache Stelle des Verabscheuten, um an derselben das Werk der Vernichtung beginnen zu können. Aber wie die Liebe oft das Auge blendet, wie der Eifer, dem Geliebten zu dienen, nicht allzu selten sanguinische Hofsnnngen erweckt, die sich sehr bald als Fata Morgana erweisen, wie sie leicht geneigt ist, einen Strohhalm zu ergreifen, um den mit den Wogen Ringenden zu retten, also ergeht es auch dem Hasse. Auch er sieht häufig zu rosig, auch ihm erscheinen oft völlig unbedeutende Borgänge von höchster Tragweite für die Befriedigung seiner Gelüste, auch er wiegt sich in trügerische Hossnuugen und wähnt auf festem Ankergrund das Schiff seiner Wünsche gekettet, während es in Wirklichkeit eine Sandbank ist, in welcher sich das schwer befrachtete Gefährte festgesetzt hat. Eine frische Brise hat sich nur zu erheben und cs wird wieder flott — zerschellt aber an dem Rifs, dem es entgegengeschlcndcrt wird. Da ist irgendwo im dentschen Reiche ein Jude vor Gericht erschienen, um in irgend einer Sache sich als Zeuge vernehmen zu lassen. Er richtet an den fnngircnden Beamten das Ersuchen, während der Eidesableistnng sich das Haupt bedecken zu dürfen, weil die Anrufung Gottes beim Schwure ihm als eine heilige religiöse Handlung gilt, und er die Empfindung hat, bei derselben gleichwie bei sonstigen religiösen Hebungen nach jüdischem Brauch das Haupt nicht unbedeckt zu lassen. Der Richter willfahrt diesem Ersuchen und der Jude schwört mit dem Hnt auf dem Kopfe. Zu welchen Bemerkungen giebt dieser kleine Vorfall Anlaß? Man könnte doch lediglich daraus nur die sehr bedentnngsj vollen Wahrnehmungen schöpfen, erstens, das; diesem j jüdischen Zeugen die Gewohnheit, das Haupt zu bcdecken, als eine religiöse Hebung werth und Lheucr und er von der Bedeutsamkeit und Heiligkeit der Eidesleistung vollkommen durchdrungen ist; und zweitens, daß der betreffende Richter sich bereit gezeigt hat, diesem gewiß löblichen Gefühle, unter welchem der von diesem Zeugen abznlegenden Bekundung wahrlich nicht der Makel einer geringeren Glaubwürdigkeit anhaftet, Rechnung zu tragen. Beides ist doch nichts Außerordentliches im deutschen Reiche: ernste, der Heiligkeit des Schwurs cingedenke Zeugen, und Richter, welche der besonderen ans religiöser Gewissenhaftigkeit entspringenden, die vorgeschriebcne Eidcsform nicht verändernden Anschauung eines Schwörenden kein Hinderniß entgegensetzen. Welchen Anlaß hätte die Presse, sich mit diesem Ereignisse in einer Gerichtsstubc zu beschäftigen? Enthält cS etwas so Außerordentliches und Seltenes, knüpfen sich etwa weit greifende und tief einschneidende Folgen an das-! selbe? — Einige Zeitungen haben davon Notiz gej nommen, — nun wohl, aber wie viele kleine Notizen S finden ihren Weg in die Spalten einer Zeitung, ohne! daß sie von welterschütternder Bedeutung wären? Die! ״Kreuzzeitung" aber steht auf hoher Warte und mit

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