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Jeschurun · 1883-11-22 · Heft 47 (22.11.1883) · p. 825

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 47 (22.11.1883)
Article
Israeliten Württembergs!
Date
1883-11-22
Page
825 (sequence 1)
Language
German
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M 47. 825 Jsschurun. Israeliten Württembergs! Fünfzig Jahre schon schmachtet Ihr unter einem Gesetze, das, von der gnädigen Regierung Eures Landes in wohlmeinendster Absicht zur Regelung Eures religiösen Lebens gegeben, gleichwohl Euch die freie, ungehinderte und ungeschmälerte Bcthütignug Eurer ReligionSvorschriftcn gänzlich benimmt, indem die oberste Leitung Eurer religiösen Angelegenheiten in die Hände von Männern gelegt ist, die fast sämmtlich dem alten, unverfälschten Judcnthum, das allein durch Jahrtausende hindurch im wüthendsten Sturme aller Zeiten und Angesichts der weitgehendsten geschichtlichen Um- Wälzungen, denen selbst die mächtigsten und gefürchtelsten Völker nicht Trotz zu bieten vermochten, Israels Existenz zu bewahren und zu behaupten wußte und eö vor Vcrfall rettete, entfremdet sind. — Fünfzig Jahre lang habt Ihr Euren Nacken einem Joche gebeugt, das Euch den geraden, offenen Blick nach Oben, nach der einzigen und ewigen Wahrheit, versagte und Widerstandslos Eure heiligsten Interessen zu Boden drückte. Fünfzig Jahre lang habt Ihr cS gleichgültig geschehen lassen, daß man Euch mit jeder Stunde mehr und mehr der Religion Eurer Väter entfremdete, so daß jetzt vor Euren eigcßen Augen in Euren Kindern eine Generation ersteht, die einst lächelnd fragen wird: was ist Judenthum? Darum auf! Ihr Glaubensgenossen in Württemberg! auf! die Ihr noch jüdisch denkt und jüdisch fühlt. Aus! erhebet Euch mit ManneSmuth und werft die Fesseln ab, die Jahr und Jahre lang in Euer Fleisch und Blut eingcschnittcn. Ermannt Euch und wirket zusammen in Einigkeit, Euch die religiöse Freiheit zu erringen, deren sich längst das ganze übrige Deutschland erfreut, uud welche die hohe Negierung uns wiederzugcbcn gern bereit sein wird, wenn hochdersclben die Angelegenheit richtig dargestellt wird. עת לעשות ל״ה הפרו תורתיך. .,Die Zeit ist gekommen, wo eS gilt, für Gott zu wirken, weil man seine Gesetze zerstören will." Jeder einzelne Württcmberger, der die Ucberzeugung erlangt hat, daß die jetzt noch zu Recht bestehenden Gesetze für die Juden in Württemberg diese in ihren heiligsten Interessen hemmen, wird hierdurch gebeten, seine Adresse als Zeichen seiner Mitwirkung der Redaktion dieses Blattes mitzntheileu, uud cS wird dann in kürzester Zeit weitere Mitthcilung folgen. * * * Obigem Ausrufe, welchen wir von geachteter Seite empfangen, wünschen wir den durchschlagendsten Erfolg. Es ist wahrlich Zeit, daß die Inden Württembergs zu einer mannhaften That endlich eiumüthig sich aufraffen. _______ KorrcsMdcilzell und Nachrichten. Deutschland. Hannover, 20. November. Wir nehmen gern von der Berichtigung Kcnntniß, welche die ״Neue Preuß Ztg." in ihrer Ausgabe vom 17. d. MtS. in Folge der von uns in unserer Nummer 46 mitgethcilteu Erklärung des Herrn Isidor Loeb in Paris gebracht hat. 11-1׳ Berlin, 15. November. ״Nichts unbenutzt vorübcrgehen lassen", ist die Devise der Antisemiten. Daß man aber manchmal dabei hincinfallcn kann, hat Herr Stöcker, wie Ihren Lesern in der vorigen Nummer berichtet worden, in seinem Vortrag über Lnther's Katechismus gezeigt. Ich möchte nun noch einige andere Beispiele anführen, wie die AnLisentiLen die Lutherfeier zu ihrer Agitation verwerthet haben. — Ein dem Kgl. Schlosse gegenüber wohnender antisemitischer Juwelier kam ans den jedenfalls originell zu nennenden Einfall, in seinem' Schaufenster neben sog. ״Lutherdroschen" Busennadeln auözustellcn, auf denen an einem Galgen baumelnde Semiten dargestellt sind. — Der antisemitische Schriftenverein ließ bekanntgeben, daß Luther als wahrhaft ״deutsch" gesinnter Mann die ״orientalischen Eingewandcrteu" gehaßt habe. m Berlin, 3ו. November. Stöcker's Ausschließnug vom Oberkirchenrath wird von der Magdebnrgischen Zeitung in Zusammenhang mit dessen agitatorischeu Thätigkeit gebracht. -a- Berlin, 20. November. Die Verurtheilung, welche das durch Herrn Stöcker vertretene Prinzip des Antisemitismus durch den Vertreter der englischen Metropole und die großen Organe der Londoner Presse erfahren hat, ist den hiesigen Freunden des Herrn Hofprediger begreiflicher Weise im höchsten Grade unangenehm. Der schüchtern .gemachte Versuch, nach der stehenden Gewohnheit, alle nicht in das Horn der Juden- Hetze stoßende Blätter als ״Judenblätter" und alle gegen das wüste antisemitische Treiben sich äußernde Personen als ״Jndenknechte" zu kennzeichnen, scheint den hiesigen Weisen denn doch nicht so ganz gelungen. Times, Daily News, St. James Gazette, Morning Post, Pall Malt Gazette n. s w. lassen sich nun doch nicht wohl insgcsammt zu ״Jndenblättcrn" mit Erfolg stempeln, und von dem Lordmayor von London glaubt nun einmal trotz etwaiger Versicherung von gewisser Seite kein Mensch, daß er ein ״Judcnknecht" sei. Da war es denn ein im Sinne des Antisemitismus glücklicher Einfall der ״hochverehrten Herren Sozialdemotraten", wie Herr Stöcker sic betitelt, ihren Unuinth gegen den Berliner Prediger in roher Weise kuudzuthun. Das läßt man sich doch nicht entgehen und

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