Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1883-11-15 · Heft 46 (15.11.1883) · p. 815

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 46 (15.11.1883)
Article
Federzeichnungen
Date
1883-11-15
Page
815 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2932754-2932996-2933042--14003-2954862
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

815 lief) zu impontren und mich mit ihrem ״freien, frischen" Leben zu befreunden. ״Sie müssen in eine Verbindung treten," sagte mir eines Abends Herr H.; ״was soll Ihnen das ewige ״Büffeln und Duckmäusern"? Sie müssen mittneipen und mithaueu." — Ich suchte ihm meine Ansicht vorn w a h ren Studcutcusein begreiflich zu machen, das; ich, um Vier zu trinken und mich zu schlagen, nicht erst Student zu werden gebraucht hätte, daß ich Student sei, um zu studircn, und daß meiner Ansicht nach, aus dem wüsten ״echten" Studentenleben niemals Glück oder wahre Freude entstehen könne; daß aber ganz besonders uns Juden im Exilc solches nicht zieme. — Er lachte mich aus, und wir redeten nicht mehr darüber. — Während ich nun eifrig meinen Studien oblag, ging daS erste Semester seinem Ende zu. Da saß ich eines Miltugs mit einigen Kollegen zusammen in der jüdischen Restauration, als über eine bloße Lappalie zwischen Herrn K. und N. ein Streit entstand. Vom Wortwechsel kam cs zu Schimpfwortcn, und schließlich versetzte K. dem N. eine heftige Ohrfeige. Augenblicklich sprang ich dazwischen und suchte die Streitenden zu trennen. Mit Mühe gelang eS mir endlich. Aber cS sollte noch schlimmer kommen. ״Du mußt ihn fordern!" schrie einer der Anwesenden dem N. zu, ״deine Ehre verlangt das!" — Ich war starr vor Entsetzen: ein Duell zwischen zwei jüdischen Jünglingen! ״Bist du von Sinnen!" rief ich dem Aufreizcr zu, ״was soll der w*״ — "?חלול הWas, ein הלול הש׳? gerade ein קדוש חש׳ ist cs!" erscholl cs von allen Seilen. ״Ihr müßt euch schlagen!" — ״Um Gotteswillen, laßt den Unsinn! Schämt ihr euch nicht, wegen einer solchen Kleinigkeit euer Leben preiszugeben? Soll ein Iudc durch einen Juden fallen?" — ״Ach was! — Jude! — Ein Jude hat auch Ehre! — Feiger Fuchs! — Bestimmt die Waffen! — Scharfe Schläger! — Nein, krumme Säbel!" so schrie man durch einander. — Ich sah, daß meine Bemühnngen vergebens waren. — Es wurden krumme Säbel ausgemacht. — Verzweifelnd verließ ich die Nestauration, indem ich noch die Drohung aussprach, bei der Polizei Anzeige machen zu wollen. — Die Zeit des Duells war, wie ich hörte, aus den folgenden Tag, Morgens um 10 Uhr, festgesetzt. Ort: das G..bcrger Wäldchen. — Ich telegraphirtc sofort den Vätern der bctressendeu jungen Leute und machte bei der Polizei Anzeige. Dort wurde ein Beamter beordert, schon um neun Uhr am Orte des Zweikampfes zu sein und diesen zu verhindern. — Ich war jetzt beruhigt. — Und doch stiegen während der Nacht trübe Gedanken in mir auf: wie, wenn die Zeit oder der Ort des! Duells verändert würde? wenn man mich falsch benachrichtigt hätte? — So kam der Morgen. Ich hatte eben mein Morgcngebct beendigt, — es war gegen 7','2 Uhr — als ent meiner Glocke heftig gezogen wurde. Ich eilte hinaus und fand meinen Kollegen R. — Er war ganz verstört. Aus mein ängstliches Fragen thcilte er mir mit, daß das Duell schon um sechs Uhr stattgehabt, daß K. tobt \ci — ihm war der Leib vollständig anfgeschlitzt. — N. war zwar unvcrwundet, aber seine Aufregung ließ das Schlimmste befürchten. — Ich glaubte, das Blut erstarre mir in den Adern: ein Jude hatte den andern, welcher im blühendsten Alter stand, gctödtet! — Wer war schlimmer daran, der Todte oder der Lebende? Mußten diesen nicht die heftigsten Gewissensbisse verfolgen und ihn nie zur Ruhe kommen lassen? — Die beiden greisen Väter kamen. Der eine geleitete seinen noch vor drei Tagen lebcnsfrohen, hoffnnngsvollcu, blühenden Sohn zur letzten Ruhestätte; der andere brachte vier Wochen später seinen von den Qualen des Gewissens gepeinigten Sohn in's — Irrenhaus! — Heute bin ich ein Greis. Aber stets noch schwebt mir der herzergreifende Anblick der beiden unglücklichsten Väter der unglücklichsten Söhne vor Augen. Berichtigungen fnr Nr. 45. Seit,780 ׳, Spalte 1, Zeile 22, lies statt Gltern — .5)״(teil״. S. 780, im ״Für'o Vaterland", Sp. l,!. Vers, -1. Zeile, lies statt Da — ״DaS". Inserate werden die Zspaltige Petit;eile oder deren Raum mit 25 Pfg. berechnet. Für den Inhalt derselben übernimmt die .•§?׳!> Redaktion keinerlei Verantwortung. JnsertionS- und Abonnements-Annahnie für Frankfurt a. M. auch bei Herren I. Kanfsmann und A. I. Hosmann daselbst, ohne Preiserhöhung. Knaben, die hiesige Schulen besuchen, finden Anfnahntk, gewisienhaste Beaussichtignug, Nachhilfe in allen Unterrichtsfächern bei M. Schweitzer, Lehrer Frankfurt a. M., Obermain-Anlage 20. Beste Referenzen. z Ein Muster lehrer j wird für ein brziehnngS-Institut gesucht. '! Besoldung 000 Mark bei freier Station.! Um Einsendung von Zengnißabschriften und Angabe von Neserenzen bittet Rabbiner De. Plato, Köln a. Rh. j bin mit allen Komptorarbeiteu vertrauter 1 j. Mann, dem die besten Referenzen $11r Seite stehen 11. der im Besitze des binj.-! Zeugnisses, 25 Jahr alt und militairsrei ן ist, sucht unter bescheidenen Ansprüchen eine > passende Stelle, wo an jüdischen Sonnj und Feiertagen frei ist.! Ge fl. Offerten >nb II. c. 00500 an { IlaaHeiifitciu & Voller I Hamburg.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.