Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1883)
- Article
- Rußland : Petersburg [Nachricht]
- Date
- 1883-11-15
- Page
- 814 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2932754-2932996-2933042--14052-2954861- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
814 * Petersburg, 30. Oftober. Die ״grtft. Ztg." meldet, daß dem ״Woschod" folgendes taraftcriftifd)c Dokument zngestellt worden ist: ״Indem die Polizei-Verwaltnng von Ielissawetgrad sich ans die betreffenden Punkte der Gesetzesbestimmung von 1S70 beruft, fordert sie alle Einwohner mosaischer Konfession der 2t!1M Ielissawetgrad ans, welche zu ihrer beständigen Bediennng Christen verwenden, dieselben im Laufe eines Monate durch Leute mosaischen Glaubens zu ersetzen. Diejenigen, welche solches bis;um 2». Oktober d. I. noch nicht gelhau haben werden, unterliegen einer Geldpön bis zu 50 Rubel. - gez. Polizeimeister Zikubuko." — Der Korrespondent, der solches dem ״Woschod" ineldet, fügt noch hinzu: ״Roch ein Tausend Menschen (Christen) sind an den Bettelstab gebracht. Das einfache Bott ist in Folge dieser Maßregel nicht nur gegen die Polizei, sondern auch gegen die Gutebesitzer ausgcbracht. Sollte die Polizei diese Verfügung in An- Wendung bringen, so kann mau sich hier ans sehr traurige Folgen, und nicht allein für die Inden, gefaßt machen." n lieber eine unerhörte, von Seiten einee FriedensrichterS anegeübte Gewaltthat wird ane dem Städtchen Koretz, Gouv. Wolhynien, der ״Sarja" gemeldet: ״Vor ungefähr sechs Wochen fuhr der örtliche Friedensrichter P. an dem Mehlwagen des Juden Wolf Charbosch vorüber und schlug dem Inden mit der Peitsche in's Gesicht, ohne daß dieser ztt solcher Beleidigung deit geringsten Anlaß gegeben hatte. Der resolute Mehlfnhrmann zahlte in derselben Münze heim. Anfangs bildete dieser Vorfall das Stadtgespräch und dann vergaß man ihn. Für den armen Juden kaut aber noch ein Tag der Vergeltung — und zwar zu den jüdischen Feiertagen, die von den Inden bekanntlich so heilig gehalten werden. Der Friedensrichter ließ den Juden durch den Landgendarinen zu sich bringen, wo ihin Folgendes widerfuhr: Der Richter legte die Amtekettc au und erklärte, daß er für die ihm persönlich widerfahrene Beleidigung den Wolf Charbosch zur Prügelstrafe verurthcile. Dem Juden wurde der Mund verbunden, desgleichen band man ihm die Hände mit Stricken und warf ihn zu Boden. Der Kutscher des Richters setzte sich dein Inden auf die Beine itnd der Laudgendarm auf den Kopf. Letzterer wollte seine Theilnahmc an der Exekution allerdings versagen, aber der Richter schrie ihm zu: ״Ich als Richter übernehme die Verantwortung!" zugleich ergriff er die Flinte, richtete den Lauf auf die Brust des Landgendarnten und fügte hinzu: ״Und wenn Ihr nicht gehorcht, erschieße ich Euch!" Die Exekution dauerte über zwei Standen. Halbtodt wurde der Jude dann wieder in die Polizei gebracht; er kann nicht sprechen und ist außer Stande, Nahrung zu sich zu nehmen. Der örtliche Arzt hat starke Verletzungen konstatirt. Die Frau des Gemißhandelten hat an den Prokurator und an den Gouverneur Klagen gerichtet und um Einleitung einer Untersuchung gebeten." Diese scheußliche Geschichte macht jetzt die Runde durch alle Blätter, aber einer Widerlegung oder Berichtigung sind wir noch nirgends begegnet. Rumänien. Galah, November. Der bis jetzt ungenannt gebliebene Uebernehmer der von dem Zeutralkomite zur Kolonisation Palästinas erworbenen Grundstücke, von welchen in Nr. 44 berichtet wurde, ist nicht, wie inan vermuthete, der Baron von Hirsch, sondern Baron von Rothschild in Paris. Das ZentralfomiUi macht dieses in einem Zirkular bekannt, welches au die Kolonisten in Santa rin gerichtet ist. Der Vertreter des Herrn von Rothschild ist bereits unterwegs, uut die Besitzesübernahme zu vollzjehen. Palästina. * Jerusalem. Wie wir dem ״Iewish Chronicle" entnehmen, wurde es kürzlich durch den bereitwilligen Vorschuß des den Namen des Sir Moses Montefiore tragenden Fonds erutöglicht, 36 Häuser zu erbauen und dieselben einzuweihen. f e!)rneiiljit!lügen. Bon S. 1111. Semiten antt Semiten. Ich war Student. — Fröhlich und heiter hatte ich die alten, durch neunjährigen Besuch wohlbekannten Räume des Gymnasiums verlassen, hatte Abschied genommen von Eltern und Geschwistern, tun hinauszuziehen und in der altehrwürdigen Universitätsstadt X. in ich dem Studium der Philologie zu widmen. Von Sorge und Knntmer hatte ich, erst achtzehn Jahre alt, noch sehr wenig erfahren. Was sollten mir anch die Schrullen'? — Ich durcheilte mit der Schnelligkeit deS Dampfrosses die blühenden Fluren des Landes — und kaum vier Wochen nach dent Abitnrientenexamen war ans dent Schüler ein Student, ein Mann geworden. — In X. fand ich bald einen Kreis von Genossen, in welchem ich ntich aber nie recht heitnisch fühlte. Sie ׳.varen ״echte" Studenten, verstanden Komment wie nur irgend einer ihrer christlichen Kollegen, hatten sich zum größten Theil den Ruf, vorzügliche Schläger ztt sein, und den ״Ruhm", viel Bier vertragen ztt können, erworben, waren natürlicherweise fast alle Korpsstudenten — kurz, waren und besaßen alles, was nur zum ״wirklichen" Studentenleben gehörte. Mir, als ״Fuchs", da ich ja noch im ersten Semester stand, suchten sie natür-