Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1883)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1883-11-15
- Page
- 811 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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die Gegenden von Torgau bis Merseburg und Erfurt! und die Gegend von Worbis im Eichsfcldc. Ueber! 60 Juden pro Mille der Bevölkerung wohnen in den! Städten Breslau, Posen und Frankfurt a. M.; über! 50 pro Mille nur im Kreise Schildbcrg, Provinz! Posen; über 40 pro Mille in den ^Kreisen Kattowitz, Wreschcn, Samter, Obornik, Kolniar i. P., im Osten, sowie in den hessischen Kreisen Hünfcld und Schlüchtern im Westen der Monarchie, ferner in der Residenzstadt Berlin. —6— Bremen, 9. Nov. Eine Mittheilung, welche der ״Weser-Zeitung" über den in der Neustettiner Affaire verurtheiltcn Hirsch Leßhcim aus Köslin zukommt, dürste auch für weitere Kreise ein Interesse bieten. Der Korrespondent berichtet, er habe etwa acht Tage nach dem vcrhüngnißvollcn Wahrspruche der Kösliner Geschworenen den Leßhcim im Gcfängniß gesprochen. Derselbe war bleich und abgezehrt, da er die Gcfängnißkost nicht genieße, sondern sich mit Brod und Wasser begnüge. Er äußerte, lieber Hungers sterben zu wollen, als von seiner Religion verbotene Nahrung zu sich zu nehmen. Der Korrespondent, welcher amtlich im Gcfängniß zu thun hatte, fragte ihn, warum er denn kein Gestündniß abgelegt habe'? Der Gefangene cntgcgnctc darauf, weil alles gegen ihn Borgebrachte, eitel Lüge sei. Es sei auch geradezu widersinnig, was man ihm zur Last lege; welcher Jude würde nicht vor dem Verbrechen zurnckschrccken, die Hand an sein Heiligthum zu legen? Als das Feuer ausbrach, hatten sic vor Altern die Sorge, die Thorarollen zu retten, die Thorarollcn, die sie mit Petroleum getränkt haben sollten! Weder er noch sein Sohn hätten einen Stuhl zur Synagoge geschleppt; er habe sich allerdings auf — die Fensterbrüstung hinaufgeschwnngen, um in den Tempel hiueinzugehcn; übrigens hätte cs da schon lichterloh gebrannt. Drei Jahre hätten erst darüber hingehcn müssen, bevor die Zeugen, so auSgcsagt, wie jetzt. Hanptbelastungszcngcn seien ehemalige Schulkinder und einige ganz besonders judenfcindlichc Personen, deren Aussagen sich überdies widersprechen. Warum wurde denn diesen unbedingt geglaubt, während der Entlastungszeugen Aussagen nicht beachtet worden sind? Wir sotten einem unbekannten Thätcr Vorschub geleistet haben — möge doch dieser Unbekannte gefunden werden, das wünschen wir sehnlichst. Er sei stets in ärmlichen Verhältnissen gewesen, aber seine Ehre habe er sich rein erhalten. Der Verlust dcrst'lbcn schmerze ihn tief. Er sei überzeugt, daß kein Jude ihn schuldig halten werde, wäre dieses aber je der Fall, so würde er, auch freigcsprochen, haben verhungern müssen. Er hoffe auf die Zukunft, welche die gegenwärtige judenfcindliche Strömung überwindrn werde. Oesterreich-U ngarn. ..W.. Krakau, 8. November. Von Seiten der , Staatsanwaltschaft wird das Gerücht demcntirt, daß sie von dem Professor Rohling ein Gutachten in Anlaß der bevorstehenden neuerlichen Verhandlung des Ritterscheu Mord-Prozesses cingcfordert habe. l\ Lemberg, 6. November. Ich habe seinerzeit (in Nr. 22) von der Schmurgcrichtsverhandlung wider Isaak Bienenstock ans Nowosielki berichtet, lvelche mit der Verurthcilung des Angeklagten, eines durchaus unbescholtenen Mannes, wegen Mordversuchs zu scchszehn Jahren geschürften schweren.Kerkers endete. Die Anklage gründetesich auf so schwache Indizien, daß dieser verfällende Spruch der Geschworenen großes Aufsehen erregte. Der dagegen eingelegten NichtigkcitSbeschwerdc wurde stattgegcbcn, liitb diese Angelegenheit gelangte abermals vor die Geschworenen der gegenwärtigen Session. Obgleich die einzigen Bclastungszeugen, zwei junge Kinder, den Eindruck der vollkommensten Unzuverlässigkeit machten und kaum daran zu zweifeln ist, daß denselben die Aussagen eingepaukt worden, und trotz der durchaus offen;11 Tage tretenden Unwahrschcinlichkcit des begangenen Verbrechens wurde Bienenstock wiederum für schuldig erklärt und zu sechs Jahren schweren Kerkers vernrthcilt. Das Verhalten des Präsidenten, welcher dem Verthcidigcr Dr. Jackowski wiederholt das Wort entzieht, und des Staatsanwalts findet eine sehr scharfe Benrtheilnng. Der genannte Verthcidigcr hat erklärt, daß er sich die Anmeldung der Nnllitätsbcschwerde wiederum vorbehält. Möge derselben Folge gegeben werden und ein anderer Gerichtshof diese Angelegenheit im entgegeugesctzten Sinne zur cntgültigen Erledigung bringen. Daß Bienenstock unschuldig ist,!vird außerhalb des Gerichtssaales nicht bezweifelt. *||* Pest, 9. November. Wenn cs sich bewahrheiten sollte, was allgemein erzählt wird, so würden sich die Vcrmuthungcn als begründet erweisen, die bei der Tisza-Eszlarer Affaire aufgefrcllt waren. Es wird nämlich für gewiß versichert, daß der als Zeuge in dieser Sache ausgetretene Ignaz Matej das Geständniß jetzt abgelegt habe, er sei von den Herren Onody, Verhovay und Vary zur falschen Anssage gegen die Juden verleitet worden. Dieselben haben ihm auch den Inhalt der von ihm abzulegcnden Aussage cinstudirt. Ferner spricht man davon, daß das Gericht jetzt unter den bei Verhovay beschlagnahmten Briefschaften :c. einige von Bary an Verhovay gerichtete Zuschriften gesunden habe, welche keinen Zweifel darüber bestehen lassen sollen, daß Matej baar 60 Gulden für Rechnung der erwähnten drei Herren als Belohnung für die Ableistung eines ihm von ihnen vorgejchriebencn falschen Zeugnisses