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Jeschurun · 1883-11-15 · Heft 46 (15.11.1883) · p. 810

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 46 (15.11.1883)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1883-11-15
Page
810 (sequence 2)
Language
German
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810 Vorzüglich ist es eine Frage rcsp. deren Beantwortung, welche wohl einer eingehenderen Betrachtung würdig ist. 'Ji'ümlid) die: ״Wie kann mau Luther Nachfolgen?" Herr Stöcker giebt folgende Antwort: .,Luther können wir am besten Nachfolgen, wenn wir lebendige Christen sind, ohne Hag gegen Andersdenkende, ohne Fanatismus, aber mit einer heiligen Begeisterung für den christlichen (Glauben. Wenn die Mehrzahl der Evangclischen erst so weit sind, dann wird cs auch keine Noth mehr haben, um eine wahrhaft evangelische Obrigkeil und Volksvertretung in Stadt und Staat. Nielleicht kommt cs so weit und vielleicht halten die Berliner nach 30 Jahren uns Leute von Ijcute für recht unbegreifliche Kerle, dag wir nicht schon heute für evangelische Obrigkeit und Vertretung sorgen." Darauf schließt Herr Stöcker:-״Wir hoffen, daß die siamesischen Zwillinge: der Fortschritt und das Iudentlmm, an ihrer eigenen Verbindung zu Grunde gehen werden, und daß die Evangelischen bald lernen werden, sich zu schämen, wenn sie Juden wählen. Diese müssen überhaupt aus den autorativen Aemtern heraus. Wir Protestanten müssen in dieser protestantischen Stadt das Heft in der Hand haben." — So Herr Stöcker. — Nun, der Mohr hatte seine Arbeit gethan und konnte gehen. Und da ging er denn auch 11ub merkte nichts. — Cicero sagte in seiner zweiten Philippisehcn Rede von Antonius, indem er ihn! Widersprüche nachweist: vi<U.׳te stultitiam hominis! Ich fühle mich fast versucht, auch Ihnen, verehrter Redakteur und wcrthe Leser, dieses über Herrn Stöcker zuzurufen. — Aber, verehrter Herr Stöcker, merken Sie denn gar nichts? — Todtenstille fürchterlich! — Erkennen Sic Ihren Widerspruch? — ״Und alles, noch stumm bleibt wie zuvor." Nun, dann will ich cs auf Ihre Gefahr hin, verehrter Hospredigcr, beleuchten. Sie sagen da zunächst, daß man Luther am besten auf diese Weise nachjolgen könne, wenn man lebendiger Christ wäre, ohne Haß gegen Andersdenkende, ohne Fanatismus. Gleich darauf reden -Sic von einer Fernhaltung der Juden von Presse, Aemtern re. — Nun passen Sie aus! Halten Sie es in Wahrheit — unter uns gesagt — für eine Toleranz oder Nächstenliebe, wenn man Andersdenkende, beim das sind ja wohl die Juden den Christen gegenüber, zu unterdrücken sucht, ist es etwa kein Haß, wenn Sie sagen, die Evangelischen würden sich endlich doch schämen müssen, Juden zu wählen, — folgen Sie mit diesen Worten — Ihrer eigenen Behauptung nach — Luther? Stöcker, Stöcker, wie ich bereits in voriger Korrespondenz (Nr. 43 d. Bl.) bemerkte, haben Sie Sich schon einmal ״verplempert" und jetzt haben Sic cs nicht viel besser gemacht. Luther will nach Ihrer Ansicht keinen Haß gegen Andersdenkende, keinen Fanatismus, und Sie, der evangelische Hofprediger. der Vorkämpfer der spezifisch Protestant:- scheu christlich-sozialen Partei, sind von demselben im höchsten Grade erfüllt; Sie schlagen sich damit selbst in's Gesicht! Sie wünschen, daß Fortschritt und Judenthum an ihrer eigenen Verbindung zu Grunde gehen möchten. Sic Hetzen damit die protestantische Bevölkerung Deutschlands gegen friedliche, treue Unterthanen des deutschen Staates auf. Sic handeln Luther'S Willen zuwider! — Und weiter! Sic sind doch gewiß, Herr Stöcker, ein Deutscher von ganzem Herzen? Wie würde es Ihnen gefallen, wenn in Bayern oder in einem andern katholischen deutschen Land oder Landstrich, oder Stadt die Katholiken sagen: wir müssen für eine katholische Obrigkeit und Vertretung sorgen. Wir Katholiken müssen in dieser katholischen Stadt das Heft in der Hand haben. Wohnen in München keine Protestauten? Sind dieselben unterdrückt, oder wird auch nur der Versuch gemacht, dieses zu thun? — Die Hölle würden Sie über Diejenigen herabbeschwören, die solches auch nur ersinnen würden. — Und nun verlaugen Sie für die, wie Sie sagen, evangelische Stadt Berlin nur evangelische Obrigkeit und Volks- Vertretung, und nicht nur für die Stadt, sondern auch für den Staat. Gegen wen ist dieser Angriff gerichtet? Gegen die Juden? — Auch die Katholiken sind Nicht- Evangelische. — Gegen die Katholiken? — Ich werde Ihnen dasselbe von den Juden antworten. — Also gegen beide. — Sie predigen demnach in öfsentlichem Vortrage Einschränkung der Bürgerrechte deutscher Unterthaucn, und haben die Kühnheit, zu behaupten, wenn man Luther Nachfolgen wolle, — und das wollen Sie als evangelischer Prediger doch wohl — müsse man ohne Haß sein gegen Andersdenkende, ohne Fanatismus. — Es wäre überflüssig, jetzt noch ein Wort über diesen grellen Widerspruch zu verlieren. Ein sich widersprechender oder seiner bessern Meinung entgegen handelnder Mensch hat über sich selbst das richtigste Urtheil damit gefüllt. D-1׳. Berlin, 11. November. Nach den Feststellungcu des statistischen Bureaus zu Berlin finden wir auch interessante Mitthcilungen über die Vertheilung der jüdischen Bevölkerung im preußischen Staate. Danach läßt sich dieselbe am Besten nach Gegenden, in welchen fast keine und in welchen viele Juden wohnen, veranschaulichen. Zu ersteren (nur bis 1 pro 1000 Seelen) gehören: die 'Gegend von Elbing, die Insel Rügen, die Nord- und Westküste von Schleswig, das Land Dithmarschen, das Herzogthum Lauenburg, die Ostküstc von Holstein (Plön und Oldenburg), der Kreis Wipperfürth i. Westfalen, die wallonischen Kreise der Rheinprovinz: Malmedy und Montjoie; ferner in Schlesien die Gegend von Liegnitz, die Lausitz von Görlitz bis Kalau und Hoyerswerda,

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