Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1883)
- Article
- Deutschland : Hannover [Nachricht]
- Date
- 1883-11-15
- Page
- 809 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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M 46, Jeschnrun. 809 Korrcspo!lde!lzc1l und Nachrichlckl. Deutschland. -Ä- Hannover, 7. November. Die ״N. Preuß. (Kreuz-)Zeitung" enthält in Nr. 225 vorn 1. d. Mts. unter der Ueberschrift ״Ein apokryphes Schriftstück?" einen Artikel, welcher also lautet: ״Der zu Montdidier in der Somme (Frankreich) erscheinende ״L'Anti-Smnitique" erhält, wie er sagt, von einer Person, die er wegen ihrer ״hohen Stellung" nicht nennen könne, einen Brief, in welchem ihm unter anderem ans einem angeblichen Nundschrciben des BegründerS der ״Alliance Israülite", Crcmicup, ein Auszug mitgetheilt wird. In diesem Schreiben, welches Seitens des Herrn Eremicux im April 1874 in sranzösischer Sprache an die Inden aller Orten ergangen sei, habe es wie folgt geheißen: ״״Die Allianz, welche wir bilden wollen, ist weder französisch noch englisch, weder schweizerisch noch deutsch, sie ist jüdisch, sie ist universell. Uebrigens steht es uns zu, den anderen Völkern voranzngehen, wir, die Ncprüseutantcn der Wahrheit und der einzigen vernünftigen Religion sind. Die anderen Völker sind in Nationen gespalten; wir allein haben keine Mitbürger, sondern nur Rcligionsgenosscn. ׳Nicht eher wird der Jude der Freund des Christen und des Muselmannes werden, als bis das Licht des jüdischen Glaubens überall leuchten wird. Zerstreut inmitten von Völkern, welche unseren Rechten und Interessen feindlich sind, werden wir vor allem Inden bleiben. Unsere Nationalität ist die Religion unserer Väter, wir erkennen keine andere an. Wir wohnen in fremden Ländern, und wir fötiucü uns für die wechselnden Interessen dieser Länder nicht intcressiren, so lange unsere moralischen und materiellen Interessen in Gefahr sind. Die jüdische Lehre muß eines TageS die ganze Welt erfüllen. Israeliten! Obgleich zerstreut über alle Punkte der Erde, betrachtet ihr euch immer als Glieder des auscrwählten Volkes. Wenn ihr glaubt, daß der Glaube eurer Vorfahren der einzige Patriotismus ist, — wenn ihr glaubt, daß ihr trotz eurer äußeren Nationalitäten nur ein einziges Volk seid, — wenn ihr glaubt, daß der Judaismus wieder einnehmen muß den Rang, den inan ihm entrissen hat, — wenn ihr glaubt, daß das Judenthum allein die religiöse und politische Wahrheit repräscntirt, wenn ihr alle diese Dinge glaubt, Israeliten der ganzen Welt, komitlt, höret unseren Ruf, bezeugt uns eure Zustimmung; das Werk ist groß und heilig, der Erfolg ist gewiß. Der Katholizismus, unser hundertjähriger Feind, unterliegt, aus das Haupt geschlagen. Jeden Tag wird das Netz, welches Israel über den Erdboden wirft, sich auSbrcitcn, und die erhabenen Prophezeiungen unserer heiligen Bücher werden in Erfüllung gehen. Der Tag kommt, wo Jerusalem das Hans des Gebetes für die vereinten Völker wird, wo die Fahne deS jüdischen Monotheismus auf den entferntesten Küsten weht. Benutzen wir alle Umstände. Unsere Macht ist groß, lernen wir sie gebrauchen. Gas haben wir zu fürchten? Der Tag ist nicht fern, wo die Reichthümer der Erde ausschließlich den Inden gehören werden." Eines Kommentars zu diesem angeblichen Schriftstück bedarf cs zunächst nicht. Es liegt nichts vor, woraus man auf die Unwahrscheinlichkeit, daß es wirklich erlassen sei, schließen müsse. Ist das Aktenstück indessen wirklich apokryph, so kann daö weitere Bekanntwerden nur dazu dienen, dies festznstctten." Wir haben deshalb das Zentral - Konritü der Alliance Jsraelitc Universelle zu Paris um Auskunft über dieses angebliche Schriftstück ersucht und erhalten von demselben folgende Antwort: ״Paris, 5. November 1883. Ich antworte auf Ihren Brief vom l. d. Akts.: Das Aktenstück ist eine bloße Erdichtung gtnd hat nie cxistirt. Ermnieu^ war bei der Gründung der Alliance auch nicht einmal bcthciligt. Isidor Loeb." Von der Redaktion der ״Neuen Preußischen Zeitung" erwarten wir demgemäß, daß sie von dieser im Namen der Alliance abgegebenen Erklärung öffentlich Notiz nimmt. * Breslau, 3. November. Gestern witrde vom hiesigen Landgerichte der frühere Polizei-Assistent Edinund Winterscldt, der hauptsächlichste Agitator der schlesischen Antisemiten, wegen Betruges zu l Monat Gefängniß verurtheilt. Der Staatsanwalt hatte 3 Monate beantragt. -a- Berlin, 9. November. Wir Berliner Korrespondenten sind eigentlich recht undankbare Menschen. Leute, welche uus bei der Ausübung eines Werkes, einer Aufgabe, behülflich sind, büvfen doch gewiß auf unfern Dank rechnen. Was thuu tvir aber?, wir handeln gerade entgegengesetzt. Leider kann ich nicht behaupten, daß ich eine Ausnahme davon mache. Im Gegentheil, ich sträube mich entschieden, Herrn Hof- Prediger Stöcker irgend welche Dankbarkeit zu zollen für die Unterstützung, welche er mir dadurch gewährt, daß er mir stets Stoff zur Verfügung stellt, wenn mir solcher sonst fehlt; es ist ein gar trauriges Material, welches ich von ihm erhalte — Antisemitismus und kein Ende. — Wie fast immer hat er auch in dieser Woche die christlich-soziale Partei mit neuer Nahrung geätzt. Nach seinem über ״Luther's Persönlichkeit" gehaltenen Bortrage, beantwortet er die eingegangenen Fragen.