Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-11-15
- Page
- 808 (sequence 2)
- Language
- German
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808 Wartesrau ist bei ihr — und meine Schwiegermutter ist ’11c liebe, brave Person — leben soll sie hundert und zwanzig Jahr — und was Nahet verlangen wird, wird sie 11)1111, oder wird sagen, mau soll's!1)1111. — Aber Sie kennen doch meine Nahelieben — was wird sie verlangen? — nichts. — Na, haben möcht' sie am Ende doch dies und jenes — wenn ich bei ihr sein könnte, ich möcht’ ihr's an den Augen absehen und das thäten Sie auch — aber die Wartesrau kaun's nicht und die Schwiegermutter —" .,Ich werde nicht von Nahel weichen," unterbrach ihn Mirjam, ״Sie können unbesorgt sein." ״Ach, wenn Sie bei ihr sind, da bin ich's auch, aber sonsten — ich geb' Ihnen mein Wort, ich hält' keine Ruh'. Aber Sie werden sehen, ich werd's Ihnen nimmer vergessen." Mirjam kehrte zurück au das Bette ihrer Freundin, die mit dem Neugeborenen im Arm eines ruhigen Schlummers genoß. Noch lag der Wiederschein des neuen Glückes auf dem;arten Antlitz der jungen Mutter, und auch um Mirjam’s Lippen spielte ein Lächeln, das Glück der Freunde beglückte auch sie. Zwei Monde waren jetzt verstrichen, seit sie in ihrem Hanse weilte. — Wohl hatte es sie in der ersten Zeit gar manchen schweren Kampf gekostet, die zarten Aufmerksamkeiten der Guten so entgegen zu nehmen, wie sie es verdienten, ihre freundlich aufmunternden Worte lächelnd zu erwidern. — Doch allmälig war es ihr gelungen, sie hatte den nagenden Schmer; ihrer Brust tief hinnntergedrängt in das Innerste ihres Herzens, und ihre Lippen konnten wieder lächeln. — 'Nur in einsamer ')!acht, wenn Alles schlief, daun überkam es sie oft mit aller Macht, dann flössen ihre Thränen. Doch die erste Bitterkeit ihres Schmerzes war vorüber; ihre Thränen flössen saust, sie brachten ihr Erleichterung, und am Morgen war sie dann zwar bleicher aber doch heiterer. Gleich in den ersten Tagen nach dem Peßachfest hatte Kohn eine Partie Leinewand angeschafjt und sie seiner Frau vorgelegt. ״Zu was ist das?" fragte sie verwundert. ״Zu was? — hast Du vergessen, Nahellcben? — ich Hab' Dir's doch gesagt —," er warf einen bezeichneu den Blick auf das junge Mädchen. Doch Nahel winkte ihm hastig abwehrend — köpfschüttelnd schwieg er, er konnte dieses Zögern nicht begreifen, doch ein Wink seiner Frau galt ihm als Befehl; als Mirjam jedoch das Zimmer verlassen, gab er seinerseits seinem Erstaunen Ausdruck. ״Naheileben, was ist chidusch? 's ist doch zu ihrer Aussteuer — ist Dir denn das nicht recht?" Rahei versicherte, daß sie seine edle Absicht vollkommen billige, doch gegenwärtig dürfe man dem schwergeprüften Mädchen mit Derartigem noch nicht kommen. Das aber wollte der brave Mann nicht einsehen, im Gegentheil, meinte er, das werde sie zerstreuen, werde sie auf andere (Gedanken bringen. ״Sei mit's mochel, Naheileben, aber wie ist's denn bei Dir gewesen? Hat Dich's gereut?" Sie schlang ihren Arm um seinen Hals und blickte ihm lächelnd in's Angesicht. ״Hat mich'S gereut?" Er drückie sie fest an sich. ״Alsdann wegen waS sollte 's die Mirjam gereuen? — und noch dazu ist der Schmuei ein junger Mensch und '11 schöner Mann — wohingegen ich — ich bin nicht jung und nicht schön und —" Doch Nahel beharrte auf ihrem Sinne, traf jedoch eine Art von Kompromiß mit ihrem Gatten, insofern sie zugestand, daß Mirjam die Arbeit beginnen solle, doch ohne die Bestimmung derselben zu kennen. Und sie hatte recht; Mirjam's gegenwärtige Lage war allerdingS ihrer eigenen vor ihrer Verlobung ähnlich, aber doch wieder unendlich verschieden von derselben. Mirjam hatte ihre Neigung kaum sich selbst gestanden, aber das Gefühl, das sie eiugeflößt hatte, war ihr klar und sie wähnte nur zu leiden, weil Derjenige, dem sie sich so hoch verpflichtet fühlte, um ihretwillen litt, und weil sie der Aufforderung seiner verstorbenen Mutter, ihn zu trösten, nicht zu entsprechen vermochte. Doch zuweilen, wenn von der Straße her ein jugendlichelastischer Fußtritt zu ihr hallte, dann ivard sie Plötzlich glühend roth, und ihr Herz pochte hörbar, weil sie einen Moment vielleicht gewähnt hatte, es könne der Toni sein. — Und außerdem, es war auch nicht die Trauer um ihn allein, die das Herz ihr so schwer machte. Bis vor Kurzem, bis sie die Hand ihrer verblichenen Freundin in der ihren hatte erkalten gefühlt, bis dahin hatte sie den Tod nur vom Hörensagen gekannt — und wenn sie auch um die Gesundheit ihrer oft kränkelnden Mutter stets gesorgt, um ihr Leben hatte sie bisher nie gebangt. — Jetzt war das anders. Thräueudeu Blickes klagte sie es Nahel, ihre Mutter sei doch noch so jung, nie habe sie eine ernste Besorgniß ihretwegen äußern hören, und dennoch könne sie der entsetzlichsten Befürchtung sich nicht erwehren. Dringend beschwor sie die Freundin, ihr auf irgend einem Wege Nachricht über die Ihrigen zu verschaffen. Nahel hatte es ihr zugesagt, mit dem Gatten hatte sie jedoch überlegt, ob denn die schrecklichste Gewißheit dieser martervollen aufreibenden Ungewißheit nicht vorzuziehen sei, und ob es demnach nicht gerathen wäre, den unablässigen Sorgen des jungen Mädchens ein Ende zu machen, indem man ihr die Wahrheit^mittheile. Fortsetzung folgt.)