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Jeschurun · 1883-11-15 · Heft 46 (15.11.1883) · p. 805

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 46 (15.11.1883)
Article
Ungarisches Jeschiba- und Rabbinerwesen
Date
1883-11-15
Page
805 (sequence 2)
Language
German
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rische Existenz. Ist dieses im selben Orte nicht möglich, so verlegt man die Werkstatt nach einer anderen Jcschiba und setzt die gewohnte Lebensweise daselbst einige Zeit lang fort. So vollzieht sich vor den Angen der ganzen Welt die Entwickelung eines Lasters, welches hier zu Lande au den Unterländer Bachurim am meisten beanstandet und gerügt wird. Man rügt es aber auch nur, weil und insofern man selbst davon in Mitleidenschaft gezogen wird. So oft ein Bachnr mit dem obligaten ״Talisbeutcl" in der Hand bettelnd an der Thüre erscheint, wird über die unverschämte Beltelmanie der Bachurim losgczogcn, ja mancher von den Göttern bcsonders begünstigte Sterbliche versteigt sich in der athenischeu Weisheit bis zur Aufstellung der wunderbar scharfsinnigen, für alle Fälle ausnahmslos anzuwendcndcn Sentenz, jeden Bachnr ohne eine verabreichte Gabe wcgzujagen, der bettelnd an seiner Thüre erscheint. O, über die kleinliche Engherzigkeit! Dieser olympische Groll ist lediglich ein ׳Nachklang jenes Geklimpers, das die kupserne Münze verursacht, welche man dem Hülfesuchenden hinreichcn soll. Wir wollen keineswegs für das Betteln der Bachurim plaidireu, wir wollen blos gerecht sein. — Ja, rotten wir das schmähliche Laster sammt den Wurzeln ans, — in diesen Wunsch stimmen auch wir freudigst, freudiger vielleicht als Andere ein — aber seien wir auch gleichzeitig gerecht! Sorgen wir erst dafür, daß dem Bachnr die Mittel zur Bestreitung seiner einfachen, unumgänglich nothwendigen Bedürfnisse ans ehrbare Weise geboten werden, dann, aber nud) nur daun wollen und dürfen wir mit unerbittlicher Strenge einem jeden Bachnr das Kainszeichen der Verachtung auf die Stirne drücken, der, untren seinem erhabenen Berufe, sich in den Sumpf des Bettlerlcbens hinauswagt. Bis dahin müssen wir die darin Hernmwatenden für arme hineingenölhigtc Opfer des nnansweislichen Schicksals ansehcn, die auf die richtige Fährte zu leiten und der menschlichen Gesellschast znrückzngebcn die heilige Pflicht eines jeden edel fühlenden Menschen sein soll. Hat sich ein Bachnr einmal den Bann der Ausschließnng zugczogen, dann erhält er sich nicht lange mehr ans der Oberfläche. Nach einem eine gewisse Zeit dauernden Hernmvagiren verlieren wir seine Spur und sind nicht im Stande, anzugcben, was ferner ans ihm geworden sein mag. Vielleicht ist er in seine Heimathsgegcnd zurückgekehrt, wo er die ohnehin zahlreiche jüdische Armuth bereichern hilft — nicht etwa mit Geld, sondern mit frischem Zuwachs. Blicken wir nun auf den beobachteten Abschnitt im Leben eines Menschen zurück, so bietet sich uns wohl ein gar trauriger und entmnthigender Anblick dar. Was ist aus dem unschuldigen, geistig gut ansgcstatteten Kinde geworden, das wir ans der Landstraße dem schönen Lcbcnsloosc, ein jüdischer Gottcsgclchrtcr zu werden, entgegenziehen sahen? Ist cs ״jüdisch" geworden, hat cs sich ״Gottcsgclchrsamkeit" angceignct? Ein Mensch ohne inner» Halt, ohne Zukunft und ohne Aussicht ans eine solche vagabondirt er plan- und zwecklos umher, oder kehrt in seine Heimath zurück. — Ans einen detaillirtercn Rückblick werden wir noch weiter unten znrückkommen. Das Uebergchen vom Bachnr znm Profcjsionsl'ettler ist jedoch nicht die einzige Art der talmndischcn Studienbccndigung, es entschließen sich dazit nur solche Individuen, die schon von Natur anö Hang zu einer müßigen,. zügellosen Lebensweise besitzen. Ein anderer Theil der Bachurim, denen ein besser entwickeltes moralisches Gefühl inncwohnt, unterwirft sich dem Betteln nur in so weit die härteste Nolh dazu zwingt, doch ist ihnen das Betteln auch in dieser beschränkten Form zuwider, und gerne möchten sic cs gegen eine ehrbare Erwerbsart vertauschen. Der dieser Klasse angchörcndc Bachur verharrt länger als jener erste auf seinem Posten, Entbehrungen aller Art über sich ergehen lassend, denn es schmerzt ihn, sich der Möglichkeit be-- raubt zu scheu, sein Ideal verfolgen zu können. Er möchte gerne ״Lernen" und vertröstet sich von Semester zu Semester, aus den Eiutritt irgend eines glücklichen Zufalles hoffend, welcher ihn des verhaßten BettelnS entheben würde. Da jedoch ein solcher Zusall selbstverständlich ansblcibt, entschließt er sich schweren Herzens, aus irgend ein Dorf als Hauslehrer zu gehen, wo er für fünfzig, sechzig Gulden Gehalt einige Kinder in bei! Aufangsgrnndcn von Lesen, Schreiben und ״Dawenen" zu unterrichten hat. (Fonscyung folgt.) vh Kollektiv-Berichte a»s Ungarn, xxv. Die gewaltigen und weitgehenden Ereignisse der jüngsten Wochen sind Ihnen gewiß schon bekannt geworden. — Unsere Antisemiten haben eine empfindliche Schlappe erlitten: ihr tonangebender Faktor Julius Vcrhovay, der allcinnuscligmacheudc Redakteur des ungarischen jndcufcindlichcn Blattes ״Függctlenscg", der Getreueste aller Jstoczyancr, der ״edle" Vorkämpfer der ״erhabenen" Moral des Autisemitismlis, der liebreiche Verbreiter der Nohling'schen Wahrheiten re. rc., er ist moralisch tobt! er ist als gemeiner ehrmib laralterloser Defraudant gcbraudmarkt, — und diese für die Antisemiten aller Länder und Staaten höchst nnerquickliehe Asfairc wird voraussichtlich noch zu manch anderen delikaten Enthüllungen führen, welche die demoralisircnden Ziele und Zwecke der antisemitischen Sippschaft keineswcgs fördern werden. — Gar viele, die vor Kurzem noch ihrem Leithammel, Jstoczy genannt, durch dick

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