Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1883)
- Article
- Deutschland : Kassel [Nachricht]
- Date
- 1883-11-08
- Page
- 798 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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798 unerquickliche Thema als einiger Gesprächsstoff dehandelt werden mutz, auch noch die Feder einzutauchen, um darüber zu schreiben. Ein anderem Mal -- viel׳ leicht — berichte ich Ihnen darüber, — ich bin in der Thal zweifelhaft, ob da5׳ schreiben überhaupt irgend einen Nutzen hat. Ter Haß will ja gar nicht eines 'bessern belehrt werden, und die Bösredc will ja beileibe nicht durch die Wahrheit sich widerlegt finden. Da wird immer jo viel gcfaselr. die Inden arbeiteten nicht, das heißt, sie hanthierteu nicht die Axt und die Hacke, den Spaten und den Pflug, und deohalb - nun, deshalb taugten sie eben nichts! Handhabt aber einer der Apostel des heutigen Judenhasses den Flegel und die Sense? Gewiß nicht. — Aber der Jude, — ja der Jude, der muß ans alle Fälle gestoßen werden, wie er es madjt, macht er es schlecht — bei dem i't cd etwas ganz anderes. Der bekannte Di׳. F ö r st e r, welcher Paraguay mit seinen Bestrebungen beglückt hat, und eine Kolonie Deutscher, natürlich keiner femitischeu Deutschen, zu begründen beabsichtigte, soll, wie die ״Frlf. Ztg." berichtet, seinem Freunde Herrn viebcrmann von Sonnenberg in Berlin einen Brief geschrieben haben, in welchem cS 11. A. heißt: ״Ein anderer Theil der Weggegangenen bestand ans arbeitsschönem, lüderlichem Proletariat — ״gebildeten" und ״nngebildeten" — Leuten, ivelche mit der sonderbaren Vorstellung hierher tommen, man könne ohne Arbeit zu Wohlhabenheit gelangen. Es ist eine unangenehme Erfahrung, die ich und Andere gemacht haben, daß viele Deutsche hier schnell entarten, einige der Männer, welche ich für ordentlich und ehrlich gehalten habe, stellten sich als faule, betrügcrische Individuen heraus. Solche teilte, welche daheim durch polizeiliche Zucht und Furcht vor Strafe in Ordnung gehalten wurden, werden im neuen Lande durch den falsch verstandenen Begriff ״Freiheit" förmlich verdreht und verlieren allen moralischen Halt. Es gilt dies, wir gesagt, in gleicher Weise von den ״gebildeten" und ״ungebildeten" Emigrauten." Und das sind doch keine Semiten! 0. '2111$ dem N,׳gier!lugsbe.׳>irk Kassel, 2. November. Der Mörder des Handelsmanns A. Wcill aus Grebenau, Tagelöhner Schneider ans Willofs, welcher seit Ende Mär; d. I. in Bornntersnchnng saß und zwie in Nr. 1;י und 2r> d. Ztg. bcrichtet) seine That beharrlich leugnete, war vor einigen Wochen, nachdem er, von Gewissensbissen gequält, ein umfassendes Gesländniß abgelegt hatte, vom Großherzog׳ iirfien Schwurgerichte zu Gießen znm Tode vernrtheilt worden. — Montag, den 29. d. MlS., ivurdc das Urtheil an demselben auf dem Hofe des dortigen Provinzial-Arreslhaufes von dem Scharfrichter Brand aus Sachsen vollzogen. — Wie verlautet, hat Schneider vor dem Schwurgerichte auch früher begangene Verbrechen eingestanden,;. B. die Ermordung seines HauptmannS während des letzten Krieges. -p- .Kaiserslautern, 29. Oktober. Heute Nachmittag hat die Feier der Gcilndsteinlegung der neuen Synagoge stattgefnnden. Es ist dies in der That als eine schöne Errungenschaft hiesiger Gemeinde zu betrachten. Dieselbe hat in verhältnißmäßig kurzer Zeit einen gewaltigen Aufsch'.vung genommen. Während im Jahre 1800 hier überhaupt noch keine Israeliten wohnten, und man einige Jahre später nur 5 israelitische Familien zählte, konnte schon 1840, wo die Gemeinde bereits ans äo Familien bestand, die erste Synagoge erbaut werden. Jetzt wohnen hier nach der letzten Bolkszählnng 71 (i Juden. Daß von antisemitischer Bewegung hier keine Nede ist, zeigt die Thatjache, daß der Akt der Grundlegung der neuen Synagoge vom Herrn Bezirksamtmann Schmitt vollzogen wurde, wobei er den Wunsch anssprach, daß ans dem begonnenen Ban der Gemeinde Einigkeit, Opferwilligteil und Friede erstehe. Gleich herzlich sprach unser neuer Bürgermeister Herr Anwalt Neumeyer. Die Festrede hielt Herr Bezirksrabbiner Or. LandSbcrg. — Ueberhaupt fand die Feier unter großer Theilnahme nicht nur der israelitischen Gemeindemitglieder, sondern auch der Behörden und der Einwohnerschaft statt. Möge uns der Friede und das Ansehen hiesiger Gemeinde stets erhalten bleiben. ח׳ עז לעמו יתן ה׳ יברך את ענד נע-• £ Stuttgart, 21. Oktober. Deute tagte hier im Hotel Eisig die Plenarversammlung des UnterstütznngsvercinS israelischer Lehrer und Vorsänger und im Anschluß an dieselbe die freie Lchrerkonferenz. Aus dem vom VereinSkassirer Waisenvater Stern vorgelragcnen dreijährigen Nechcnschaftsbcricht geht hervor, daß während dieser Zeit das Vcreinsvermögen um ■> 1J5 J(:. gewachsen ist. Im letzten Jahre wurden 740 ־' Unterstützungen in 7 Einzelqnotcn an Wittwen und Waisen vertheilt, 40 JC\ wurden dem allgemeinen Lehrer-UnterstiitznngSverein überwiesen. ל Stuttgart, 4. November. Nach dem Tode des Hosralhs Adolf Levi scheint bei den hiesigen Kirchen- Vorstehern wieder die lang vermißte Selbstständigkeit uns der Muth, ״auch eine Meinung haben nnd.anSsprechen zu dürfen," cingetreten zu sein, die wir mit Freuden begrüßen. Das TalliS — daS lang verkannte Verschmähte, das seit dem Bestehen der neuen Synagoge — also ungefähr 20 Jahre — vom Gottesdienste ansgcschlossen war, und nur am Halse des KirchenratheS und des Kantors in Form der Stola eines katholischen Geistlichen unter der breiten Goldborte verstohlen hervorlugte — cS hat endlich wieder seinen Einzug gehalten: ans Beschluß dcS Kirchenvorsteheramtcs. Aber, lieber Leser, glaube nun sa nicht, daß aus der prächtigen