Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-11-08
- Page
- 792 (sequence 2)
- Language
- German
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792 nirgend nicht hin und Du gehst 'nein und fragst, ob! Du'n Regen dorten abwartcn darfst und erst hernach ■ sagst, dag ich unterm Schuppen bin und mich nicht : 'nein getrau." ״Wegen meiner," lachte Sdcnko, ״ich thu Dir'n Willen, aber aus'm Seidler machte sich keine 'n Narren." ׳״)karr selber," hatte Bozeua erwidert, ״Dir ist bang um Dein Sonntagsjuppen." ״Um mein Iuppcn? der schad'tS Wasser nie und mir selber a ni — wegen meiner geh'n wir." Und so waren sic gegangen, und der treue Sdcnko hatte den Auftrag der Schwester pünktlich vollzogen, und nun stand sie draußen unter dem Heuschober mit laut pochendem Herzen und triefenden Kleidern und harrte der freundlichen Einladung des Mannes, dem sic ehedem so nahe gestanden. Sie hatte sich nicht verrechnet; sie kannte den, den sie geliebt, und nach dem sie sich auch heute sehnte, wie der Gefangene nach Freiheit. Horch! da rief'S auch schon: ״Bozcua! Bozeua! gehst her! verslitztes Maderl, was stehst unter'm Schuppen? soll der Donner Dich dorten erschlagen?" ״Da sei Gott vor!" entgeguele sie lachend, indem sie sich beeilte, dein Rufe zu folgen, ״aber i hob mi holt ni 'nein getraut, Toni — weißt Toni!" — ״Nix weiß i, als daß Du 'nein mußt — wegen waS denn ni getraut?" ,/Na, von wegen dem — weißt schon — aber gelt, Toni — Du trägst mir'S ni mehr nach?" ״Dumntheiten nachtragen — was sollt' t nachtragen? — wüßt' nix. — Da, geh her und wind' Dir'S Haar aus, 'S trieft —." Gern entsprach Bozeua auch dieser Aufforderung; mit unverhohlener Koketterie löste sie ihren schönen Zopf auf und wand ihn aus, während ihr Bruder in nicht geringer Spannung ob des Ausgangs dieser Szene auf der Bank unter den! Fenster lehnte und ungeduldig an die Scheiben trommelte. Seidler schritt im Zimmer auf und nieder; Bozcna hatte vergebens sich bemüht, den Ausdruck seiner Züge zu entzissern. ״Ich beschmutz' Dir'S Zimmer, bald kannst drinnen schwimmen," bemerkte sie, wie sich entschuldigend. Er zuckte die Achseln, ״'S liegt Keinem auf, wie'S da auSschaut." Eine derartige Bemerkung war cs. auf die Bozeua gerechnet. Sie athmcte tief auf; eS war wie ein Seufzer. ״Ach, du lieber Gott! — ja frei!! — als sie noch da ist gesessen, die liebe gute Alte — da hat's da anders auSgeschaut." — Toni erwiderte nichts, aber er athmete gleichfalls tief aus, und sein Schritt wurde rascher, hastiger. .,Gelt, Toni," fuhr das Mädchen wie schüchtern fort, ״die Alte hat mir'S auch nimmer nachtragen?" ״Bcrst—!" murmelte Seidler, ״was hast denn in einem fort mit'm Nachträgen?" ״I hob'S holt gedenkt," flüsterte Bozeua, ״ach, wenn Du wüßt'st, wie ich geweint Hab' um die Seid- Cerin —" ״Wahr ist's," bestätigte Sdenko, ״die Bozena ist ganz weg gewesen." Bozeua warf dem treuen Bruder einen dankenden Blick zu. . ״Sic war zu brav gewesen," schluchzte sie, ״'n Jeder sagt'S — und ich — ach, ich Hab' sie halt zu gern gehabt —״ Seidler preßte die Lippen auf einander und blieb vor dcnt weinenden Mädchen stehen. ״G'zcigt hast's nie immer —"; ״Toni!" schrie sie auf. ״Na, wegen meiner — mir kann 'S recht sein — und wahr ist'S, die Mutter hat Dich gern gehabt — wenigstens im Anfang." Sein Ton war milder geworden, selbst Sdenko's Miene drückte eine gewisse Zuversicht aus, er lehnte fester zurück und streckte die Füße weiter von sich, als wolle er schon durch seine Haltung andeuten, daß seine Schwester hier wieder festen Boden gefaßt. * * * Die Omerzeit war vorüber und auch das schöne Wochensest, das einzige, das in schönster Jahreszeit uns grüßt. Mitternachl war vorüber; im Kohn'schen Hause hatte keiner der Bewohner ein Auge geschlossen, es war. als hätten sie säinmtlich vergessen, daß die Nacht dem Schlafe geweiht. In fieberhafter Spannung über seinen Folianten geneigt, saß der Hausherr in dem seitwärts gelegenen Zimmer, das ehedem Mirjam eiugeräumt war. Das Fenster war geöffnet, die Nachtluft streifte kühlend durch das Gemach, dennoch perlten dicke Schweißtropfen au der Stirn dcS erregten MauueS. Sein Antlitz glühte, sein Athem ging hastig, seine Augen hasteten an dem aufgeschlagcnen Buche vor ihm — doch seltsam, er, der sonst bei seinen Folianten die verlockendsten Geschäsrsantrüge vergessen konnte, er war heute nicht im Stande, seine Gedanken darauf zu konzentriren. Er horchte, horchte unablässig und daS schwarze goldgestickte Hauskäppchen, das seinen Scheitel decken sollte, glitt von einem Ohr zum andern, bald tief hinunter in den Nacken, bald deckle eS gar die Stirn. Er schob cs zurück und trocknete sich den Schweiß. ״Ah!" machte er und dehnte sich, als habe er eine Riescnaufgabe zu vollenden. tFor'.sctzung folgt.)