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Jeschurun · 1883-11-08 · Heft 45 (8.11.1883) · p. 786

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 45 (8.11.1883)
Article
Wie erziehen wir unsere Kinder?
Date
1883-11-08
Page
786 (sequence 2)
Language
German
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786 dieser stummen Mahnung verschließen, welche Eltern durchkosteten nicht das beseligende Hochgefühl ihrer heiligsten Bestimmung und möchten nicht an der Wiege ihres lindes das Gelöbniß auSsprecheu, derselben voll und ganz zu genügen? Einen solchen weihevollen Augenblick, der dieses Gelöbniß vcruonlmen, hat cS sicherlich in jedem Elternlebcn gegeben, mag auch später das ^eben mit seinen anderen Sorgen und Freuden ihn znrückgedrängt haben;um Schaden ihres Kindes und zu ihrem eigenen unwiederbringlichen Verlust. Denn es giebt kein größeres, reineres, unschätzbareres Glück als das Bewußtsein, Vater und Mutter wahrhaft guter Kinder zu sein. Wer seinen Sohn, seine Tochter zu einem wirklich guten Menschen erzogen hat, der hat die höchste Ausgabe, welche an den Sterblichen gestellt ist, gelöst — er hat ein reiches, beglücktes Leben hier aus Erden gelebt. Darum sollte jener heilige Moinent des ersten seligen ElternbewußtseinS nicht verrauschen, darum sollten Vater und Mutter ihn festhalten und des stillen Gelöbnisses stets eingedenk bleiben, um an seiner Lösung zu arbeiten in jeder Minute des eben anhebenden Lebens ihres KindeS. Und sic sollten nicht zögern mit dem Beginne dieser Arbeit. Täusche man sich doch nicht über die Nothwendigkeit der frühen erziehlichen Einwirkung. Es ist eine, meiner Ansicht nach, durchaus irrige landläufige Annahme, daß die eigentliche Erziehung erst mit dent erreichten vierten oder fünften Lebensjahre ansaugcu könne, und daß bis dahin sich die elterliche Sorge lediglich auf die körperliche Pflege des KindeS zu beschränken habe. Dem aufmerksam beobachtenden Kiudcrfreund wird sich die Erfahrung aufdrängen, daß die ersten drei bis vier Jahre gewissermaßen schon den Grund für die künftige Karatterbildung gelegt haben, jedenfalls aber dürfte kaum augezweifelt werden können, daß die während dieser frühen Periode von dem Kinde in sich aufgenommenen moralischen Eindrücke von den weitest reichenden Folgen sind. Es dürste sich mit den sittlichen Momenten, die innerhalb dieser Epoche des KindeS Eigenthnm werden, ebenso verhallen, wie mit den gleiche zeitig erworbenen sinnlichen Fähigkeiten. In den ersten Lebensjahren gewinnt das Kind das Vermögen, Töne, Farben, Formen, Entfernungen zn unterscheiden und hat sich damit die Elemente für alle zulünstigc Weisheit angeeignet; und ebenso möchte eö keinem Zweifel unterliegen, daß die Elemente für die zukünftige Errüchtigung zur Tugend ebenfalls innerhalb dieses ZeitabjchniltS erworben werden. Man pflegt freilich vieljach den Satz aufzustellen, daß die Erziehung erst in dem Augenblicke anhcbcn könne, in welchem daS Kind einen Willen zu bcthätigcn anfange, und cs nunmehr gelte, diesen Willen zu reguliren. Das Wollen ist aber nichts anderes als ein Begehren des vorgestellt Erreichbaren. DaS VcgehrungSvcrmögcn aber ist ganz unbezweifelt schon in dem ersten Augenblicke der kindlichen Existenz in voller Thätigkeit lebendig, und ich sollte glauben, daß gerade an diesem BegchrungSvermögen die Erziehung ansetzen könnte, um dasselbe zu einem vernünftigen Wollen heranzubilden, ich meine, daß dent Kiltdc schon sehr früh durch den Einfluß der Erziehung die seinem Begehren sich entgegenstcllcnde Schranke des elterlichen Willens zum Bewußtsein gebracht und dadurch das ntaßlose Begehren in ein vernünstigcS Wollen nmgcwandelt werden könnte. Und gerade auf die Aenßcrnngen des BegehrungSvcrmögens dürfte die Aufmerksamkeit der Eltern nicht früh genug sich zu richten haben, um des KindeS Karaklerankage zu erkennen. Man belächle eine solche Znmnthung nicht. DaS durch Elternliebe geschärfte Auge und Ohr lernt die Aenßerungen dcö Kindes verstehen und vermag in denselben sehr wohl die verschiedenen Nüancen zn unterscheiden. Und zwar offenbart sich in diesen Nüancirnngcn des KindeS Gcmüth. Die aufmerksamen Eltern sind schon sehr früh im Stande, die Keime der seelischen Anlagen ihres Kindes zu erkennen, um mit dem ErziehnngSwerke zu beginnen. Welche Mittel stehen ihnen aber hiejür zn Gebote? (Fortsetzung folgt.) WMWs MM-!iildWlmmveskil. Bon S. B. Nosenhain. (Fortsetzung.) Die unbemittelten Unterländer Bachurim sind aber zum großen Theile sehr bedauernSwerthe Individuen, denen ein hartes Schicksal besonders empfindlich mitgespielt hat. Schon im zartesten KiudeSaltcr werden sie aus dem veredelnden und beschützenden Kreise des Familienlebens herausgerissen und in die fremde Welt hinanSgejagt, werden dem aufreibenden Kampfe des Lebens, dem schon manche gestählte Manneökrajt verzweifelnd unterlegen ist, in einem Alter entgcgengcstellt, das, gestützt auf die Gesetze des Staates und der Natur, die Vormundschaft und den Schutz seines Erzeugers beanspruchen darf, ja beanspruchen muß, will cS nicht wie die zarte Pflanze verkümmern, welche kaum aus der Erde hervorgekeiml, die Unbill eines frostigen Winters über sich ergehen lassen muß. Entweder werden diese armen Kinder, kaum daß man ihnen Zeit gelassen Hot, sich bei einem מלמד mit den Lettern.des Talmud — denn vom Geiste desselben haben sie noch nicht die allerleiseste Ahnung — bekannt zn machen, nach irgend einem mehr oder minder entlegenen Ort der heimathlichen Gegend geschickt, oder mau treibt den unverantwörtlichen Unsinn so weit, sie gleich nach entfernte Jeschiboth Oberungarns zu expediren, in eine unbe-

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