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Jeschurun · 1883-11-01 · Heft 44 (1.11.1883) · p. 772

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 44 (1.11.1883)
Article
Ungarisches Jeschiba- und Rabbinerwesen
Date
1883-11-01
Page
772 (sequence 2)
Language
German
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772 nachlässignng, in der unsere Ieschiboth stagniren und bezeugt, baf? man sich der verhänguißvollen Bedeutung diese- Zustandes wohl bewußt ist. הניעו מים עד נפש klagt man allgemein, der Verfall hat bereitdie äußerste Grenze erreicht, noch ein Schritt — und die Rata־ strophe muß hereiubrechcn, einen Jahrhunderte alten Bau in Schutt und Trümmer legend — was nützt da alle zartfühlende Bemäntelung? Auch ins Ausland sind bereits einzelne Stimmen dieses Klagerufs gedrungen, und erst vor nicht zu langer Zeit ist dem ״Icschurnn" über die zum Verzweifeln traurige Lage der ungarischen Ieschiboth in den Kollektiv- Berichten aus Ungarn geschrieben worden. Nur bc. dauern wir lebhaft, daß cs immer nur einzelne, fragmentarischc. Stimmen waren, die sich mit diesem Thema beschäftigten und zwar in den meisten Fällen nur flüchtig. Und doch hat dieser Gegenstand eine Bedcntnng, welche unsere ungetheiltc Aufmerksamkeit unter allen anderen jüdischen Angelegenheiten in erster Ncihe und am Vorznglichstcn verdient. Ferner ist hier eine solche Fülle des trauriger: Materials geboten, das keineswegs mit einigen Worten abgethan werden kann. Unsere Absicht ist cs also, einerseits zu ergänzen und zu vervollkommnen, was in andern Berichten lückenhaft oder unerwähnt geblieben ist, andererseits auch, keine Beschönigung kennend, die Farben in ihrer natürlichen Schwärze und Düsterheit aufzutragen; denn wir machen wiederholt darauf anfmerksairr, daß die Unhaltbarkeit der Zustände bereits ihr nun plus ultra erreicht hat, so daß es geboten erscheint, mit allen, and) mit den kräftigsten Mitteln, ein endliches Erwachen ans der lähmenden Lethargie der thatlosen Gleichgültigkeit anzustrebcn. — Also: infandum renovare dolorem, den Schmerz um die Gefährdung eines unserer theucrstcn Kleinode, welcher einmal schon bei Gelegenheit der Besprechung der Preßburger Talmudschnle in uns erwacht ist, wollen wir anffrischen und in seiner nmsassendcren Große noch einmal durchleben. Als wir uns mit der Preßburgcr Ieschiba befaßten, bemerkten wir noch an derselben, als an der vorzüglichsten Ieschiba des Landes, neben mancherlei Uebelstäuden auch viele unleugbare Vorzüge, welche uns, wenn auch nicht vollkommen zu entschädigen, so doch Trost zu verleihen vermochten. Diese tröstenden Vorzüge vermissen wir jedoch schn:erzlich, wenn wir unsere Blicke über die mehr oder ntindcr im Lande ausgcstreuten Ieschiboth Hingleiten lassen, während sich uns Mängel und Nachthcilc in nnverhältnißmäßig größerer Zahl darbieten. Die Mitgliederzahl dieser kleinern Landjeschiboth variirt zwischen zwanzig, und neunzig bis hundert, ja in einer oder zwei Ieschiboth des Alföld soll sie sogar hundcrtnndfünfzig übersteigen. Obwohl uns über die Zahl dieser Ieschiboth keine statistische Daten zu Gebote stehen, so glauben wir doch eher zu niedrig als zu hoch gegriffen zu haben, wenn wir sie im ganzen Lande auf etwa fünfzig angcbcn, was demnach guanlitattu ziemlich befriedigend genannt werden kann.*) Desto cntmuthigender aber ist cs, wem: inan auch die Qualität ׳der meisten dieser Pflanzstätten der Gotteslehre und ihrer Jünger in Betracht zieht. Damit wir uns nach dieser Richtung hin Gewißheit verschaffen, wollen!vir vorerst sehen, aus welchen Elementen sich die meisten dieser Landjeschiboth zusannnensctzcn und in welcher Form dies in der Regel zu geschehe!: pflegt. Es ist Thatsache, daß neun Zehntel der ungarischen Landjeschiboth von völlig unbemittelten ״Unterländer" Bachurim fregucntirt werden, denn die Bemittelten unter ihnen suchen cntivcdcr mit Vorliebe Prcßburg, oder die größeren Ieschiboth zu Dust, Sikßd, Großwardeiu und Mattersdorf auf, während die oberungarische studirende Jugend — die aber im Verhältnisse zur nntcrlättdischen im Allgenieinen schwach vertreten genanut werden muß — cutiveder ebenfalls nach Preßbürg geht, oder sich doch ans wenige größere Ieschiboth Ober- und Unternngarns beschränkt. Doch bemerken wir wiederholt, daß an den Landtalmndschnlen die Zahl der aus Obcrungarn gebürtigen Studircnden eine so geringe ist, daß sic kaum ernstlich in Betracht gezogen werden kann und auf den Karakter dieser Schulen von keinem bedeutenden Einflüsse ist. Ieschiboth in oberungarischen Gemeinden, an denen unter dreißig oder vierzig Unterländern zehn Oberländer vorhanden sind, gehören zu den Ausnahmen, und auch au der großen Ieschiba zu Prcßburg ist gewöhnlich das uuterländischc Element das überwiegende. ,Fortsetzung folgt.) xh Kollcktiv-Aerichtc ans Ungarn. Fortsetzung aus Nr. 43). XXIV. Mehr aber noch als die Indolen; der Gemeinden trägt die Lieblosigkeit mancher Ieschibah-Lciter Schuld, daß den meisten ihrer Jünger das nuumgänglich uöthigc, die Willenstraft stärkende, die Elastizität des Geistes stählende, das Leben selbst verschönernde und erheiternde Selb st b e w 11 ß t s e i n entweicht. Dafür sind die Seminar-Leiter in dieser Beziehung verschwenderisch; diese gehen von dem Grundsätze ans: unsere raschlebende, raschgcnießende, mit Dampfkrast arbeitende Zeit hat für das langsame ))reifen der Früchte kein rechtes Verständniß mehr, und die Seminar-Treib- Häuser sind ja dazu da, daß die Sprößliuge derselben *) Wir bemerken jedoch noch einmal, dag hierüber keinerlei positive verläßliche Talen cxistircn, wir daher für die Nichtigkeit dieser Angabe keine Verantwortung nberirehmen können.

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