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Jeschurun · 1883-10-15 · Heft 42 (15.10.1883) · p. 749

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 42 (15.10.1883)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1883-10-15
Page
749 (sequence 1)
Language
German
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M 42 Jeschurun. 749 -a־ Berlin, 12. Oftober. Möge der gestrige Tag allen Denen, welche ihn in rechter Gesinnung degangen, ein Tag der Erhebung und Sühne gewesen sein! Wahrlich, ein Volkskreis, in dessen Mitte die Feier eines Jom-Kippur möglich ist, kann nicht zu den verworfenen zählen, dieser Erwägung dürften sich selbst unsere ärgsten Widersacher nicht zn entziehen vermögen. Wenn sie von der Herrschaft des Jndenthnms als dem Schreckgespenst Europas, und speziell Deutschlands sprechen, so sollten sie doch nur einmal sich den Geis! anschauen, welcher die Herrschaft über die Genossenschast ausübt, die sich dem jüdischen Gesetze unterwirft; und welcher Tag würde ihnen hierzu bessere Gelegenheit geben, als der gestrige, wo alle Israeliten vom frühen Morgen bis zum späten Abend sich den einen Gedanken vergegenwärtigten, daß Gott der Allgerechte und Allliebende jede Handlung, jeden Gedanken prüft und den Sterblichen dafür zur Rechenschaft zieht, daß Gott Recht und Liebe von seinen Geschöpfen fordert, Recht und Liebe von Jedermann geübt und bethätigt gegen Jedermann. Wenn darum z. B. die uns Inden so srcundlich gesinnte ״Krenzzeitnng" heute den sehr wahren Gedanken ausspricht, daß der Staat ein sittlicher Organismus ist und deshalb des Fundaments aller Sittlichkeit, der christlichen Religion, nicht entbehren könne, so möchten wir ihr anheimgeben, auch der jüdisch.׳!! Religion nicht zu vergessen, welche, wie wahrlich nicht mit zn großer Kühnheit behauptet werden darf, den vollgültigsten Beweis erbracht hat, daß sie sittliche Bürger zn erziehen vollauf befähigt ist. Wenn Gottesfurcht die Quelle aller Sittlichkeit ist und diese sich in gerechten Werken und Licbesthaten knndgiebt, so dürfte es wahrlich auch den! Befangensten schwer fallen, die Dienste des Indenthmits für den Staatszweck in Abrede zn nehmen. Dürfen wir hoffen, daß das Organ, welches sich mit den! Wahlsprnchc ״Borwärts mit Gott" schmückt, auch so gerecht und gottcsfürchtig sein wird, dieses anznerkennen? א Ans Pommern, 12. Oktober. Eine Gerichts- Verhandlung von weit über lokale Interessen hinausreichender Bedeutung wird deninächst in Köslin stattfinden. Am 1s. d. Mts. beginnt daselbst der Prozeß gegen die der Brandstiftung angeklagten Heideinann scm., Hcidemann.jnn., H.Leßheim, Leßheimgnn.׳nnd Löwenberg, sämmtlich ans Re!!stet t in und beschuldigt, die dortige Synagoge vorsätzlich angezündet zn haben, um das Verbrechen auf andere Personen, antisen!itische Aufwicgler, zn wälzen. Das künstliche Gebäude der Anklage sott sich auch in dieser sensationellen Angelegenheit, wie in Tisza-Eszlar, auf die Aussagen von Kindern stützen, welche die Hanptangeklagten, Heidemann Vater und Sohn, kurz vor Ausbruch des Feuers in der Synagoge gesehen haben wollen. So widersinnig cs auch scheint, daß fünf Inden ihr Gotteshaus in Flammen setzen sollten, um den Verdacht der That auf Ehristen zu lenken, so sehr die ganze Vergangenheit der Bezichtigten gegen diese Anklage protestirt und so sehr man auch gezweifelt halte, daß die Staatsamvaltschast für die Anklage eintreten werde, so ist dennoch dieses Unglaubliche zur Wirtlichkeit geworden. Wie die Sache liegt, erscheint uns die Unschuld der Angeklagten Zweifellos, dennoch sehen wir bangend und in begreiflicher Aufregung der Verhandlung entgegen. Möge Gott die Wahrheit klar und zweifellos ans derselben hervorgehen lassen. Aus Württemberg, 7. Oktober. Die eingehende Schilderung unserer Verhältnisse in dieser Zeitschrist hatte in den weitesten Kreisen des Landes die allgenteinste Beachtung und Anerkennung gefunden. Es wurde überall die Wahrheit der Darstellung empfunden und vielfach auch die Absicht ausgesprochen, daß es in der That gelte, sich endlich zu ermannen, um den jüdischeu Gemeinden die Freiheit zu erringen. Man erkannte auch, daß das Joch der Oberkirchenbehörde abgeschüttelt, jedenfalls aber erleichtert werden müsse. — Ob es aber zn einer heldeninüthigen That komnien wird? — Hoffen wir es; mehr als hoffen können nur aber nicht. Wohl regt es sich allerwegen, wohl spricht man, es muß anders werden; wohl sagt man, nur müssen uns vereinigen und unsere Wünsche an geeigneter Stelle vortragen — aber von den! Worte und dem Entschlüsse bis zur Handlung ist ein weiter Weg. Doch verzagen wir nicht. Vielleicht kommt cs endlich doch dazu. O e st e r r e t cf) -11 n g a r 11. -w- £11־ et lau, 8. Oktober. Glückliches Galizien, auch dir ist ein Stern erster Größe aufgcgangcn, du brauchst nicht mehr .znrnckznstehen, wenn Rach bar slaaten sich ihrer großen Männer rühmen, ivenn Deutschland sich seiner Stöcker und Genossen freut, wenn Ungarn auf seine Jstoczy und Onody, und Oesterreich ans seine Schönerer n. s. n\ hinweist; du trittst ihnen jetzt selbstbewußt entgegen und ruft ihnen stolz den Rainen des Herrn Theophil Mernnowiez zu! Ja, er ist groß, dieser Herr Mernnowiez, und weise dazu, viel weiser als alle großen Männer anderer Rationen. Er führt nicht mit den! rohen Knittel drein, er weiß sein diplomalisch und parlamentarisch zn handeln. Er bringt nur bei dem Landtage den sehr loyalen Antrag ein, die Negierung anfznfordern, eine Enquete über die Knltnsverhältnisse der gatizischen Jndenschast anznstcllen, nn! solche zu regeln. Aber was der wackere Landbote zur Begründung dieser einfachen Proposilion vorbringt, das ist die Hauptsache, darin offenbart sich die wahre Größe des Mannes. Der Weise macht Alles weife, der Geistvolle ist in Allem originell und selbstständig.

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