Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1883)
- Article
- Österreich-Ungarn : Pest [Nachricht]
- Date
- 1883-10-10
- Page
- 729 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2932754-2932996-2933037--13763-2954478- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
M 41 Jeschurrtti. 729 *||* Pest, 4. Oktober. Mit dem alten Jahre haben sich auch die Gräuel "verabschiedet, die in der letzten Zeit leider allzuoft uns die, wenn auch sich sträubende, Feder in die Hand gedrückt. Zwar ist die Luft noch wolleuschwer und wird es and! nach meusch׳ lichen Voraussetzungen noch ein Weilchen bleiben, noch mancher Antisemiten kl ub wird sich bilden, wie sich in diesen Tagen ein solcher hier unter dem Vorsitz einiger Abgeordneten im Hause des Abgeordneten Emerich Szalay (normm et ommi!) konsrituirt; noch manche antisemitische Interpellation wird erfolgen, wie dies erst jetzt von Leiten des famosen Ouody betreffs der Tisza-Eszlarer Asfairc geschehen ist doch sind wir zu der sicheren Hoffnung berechtigt, daß, wie nunmehr den thätlichen Ausschreitungen, so auch den Acußerungen antisemitischer Gesinnungen einmal für immer ein Ende gemacht werde. To scheint's der Wille unserer hochherzigen vorurtheilssreien Negierung zu sein; so hat's wenigstens unser edler, aufgeklärter, von Menschenfreundlichkeit durchdrungener Ministerpräsident Tisza zu wiederholten Malen öffentlich ausgesprochen. Einiger solcher Gelegenheiten haben wir schon früher gedacht und wollen jetzt zunächst noch der zündenden Rede gedenken, welche er am 27. September im Klub der liberalen Partei gehalten. &amt die antisemitische Agitation schärfer gegeißelt werden als mit den Warten: ״Der Antisemitismus steht mit der Vergangenheit der ungarischen Nation im krassesten Widerspruch, mau muß deshalb mit allen zu Gebote stehenden Mitteln diese ganze Bewegung auszurotten suchen. Der Reichstag muß energischst und feierlichst gegen eine solche Bewegutlg Protest e'u-.legen, deren verderbliche Folgen fürs Land sich schon jetzt in Haitdcl und Wandel äußern. Ja,!venu durch eine derartige Resolution nicht die Bewegung erstickt werde, so werde ich vom Reichstage die weitgehendsten Vollmachten verlangen, welche es mir ermöglichen werden, nicht nur die unmittelbaren Thäter, die zumeist unwissende, irregeleitete Opfer sind, sondern auch die Agitatoren und Verführer dem strafenden.Arme der (Gerechtigkeit zu überantworten." Wie ernst es dem Ministerpräsidenten gerade mit letzterer Drohung ist, hat er Ouody in einer Antwort aus dessen obenerwähnte Interpellation von Angesicht zu Angesicht gesagt. Onody scheint demnach einer der ersten sein zu sollen, an welchem Tisza's Verheißung in Erfüllung gehen wird. *Pilsen, 9. Oktober. In Plan und K önigswart wurden, nach einem Berichte der ״N. Fr. Pr.", antiscmitischc Hctzplakatc in den Straßen afsichirl. Die Untersuchung darüber ist im Zuge. .r 32־!. Ushely, im September. Die Worte des Propheten Secharjah (14, 7) והיה לעת ערג יהיה אור lassen sich auch ans die gegenwärtigen traurigen Vorgänge in Ungarn anwendcn. Ja. zur Abendzeit ist Licht geworden. Geistliche und weltliche Würdenträger in llngarn protestiren laut und seierlichst gegen das ruchlose lind schmachvolle Treiben der Antisemiten und erniahnen das Volk, sich ans moralischen, sozialen und patriotischen Rücksichten nicht von den Hetzern irreteilen zu lassen. Ihre Leser Hubert von allen derartigen wie ein Heller Lichtstrahl das traurige Düster der ׳Nacht wieder hcraufbeschworcncr mittelalterlicher Schrecknisse erhellenden Kundgebungen Bericht erhalten. Unsere Absicht kann es darnnt nicht sein, alle diese nochmals;lt erwähnen, wir möchten nnr auf eine derselben wieder zurückkommen: auf derr Brief des Abgeordneten von Lomssich an seine Wähler. Es heißt in demselben bekanntlich unter Anderem, daß die Juden nachahrrienswerth seien in Bezug auf Sparsamkeit, Fleiß und Nüchternheit. Was anderes hat nun aber den Juden diese uachahmeuswerthen Tugenden verliehen, als die alte auf Bibel und Talmud basirtc religiössittliche Erziehung, welche sich selbst bei Denen nicht verleugnet, die, nach jenen Grundsätzen erzogen, später der praktischen Bethätigung des Judcnthums im Thatenleben Valet gesagt? Wird man dasselbe Lob aber einst auch den Kindern und Kindcskiudern Derjenigen st gen, welche das Joch der מצות von sich abgeschüttelt? ״Deren Eltern haben das Gute vergessen, sie aber haben es nie gesehen." — Und was hat man mit der Hlnwegsetznng über die פצו,ת gewonnen? Etwa den Schutzbries, von den Exzessen der Antisemiten verschont zn bleiben? Die jüngsten Exzesse in Zala-Egerszcg und Umgebung beweisen das Gcgemheil. Dort haben die Juden laugst alles Mögliche zr:r ״Assimiliruug" gethan — und doch jene flirchtbaren Ausschreitungen der Antisemiten. Bleiben wir darum treu dem traditionetten Judcuthum; mögen dann auch Stürme über uns hcrcinbrcchcn, wir werden sie überstehen, mit dem göttlichen Sänger sprechen: ה׳ אורי ויי׳גיעי ממי אירא — אהת שאלתי מאת ה׳ אותה אבקש שנית בבית ה׳ בל ימי היי. * Lemberg, 3. Oktober. Wie׳ein Telegramm der ״N. Fr. Pr." meldet, laufen im Landtage zahlrciche Petioncn um Alts Hebung der jüdischen Winkelschulen (Ehadorim) ein. P. Lemberg, 2fj. September. Heute fand im Landtage die erste Lesung des Antrages Mcrnnowic;' statt, nach welchem eine Organisation der Kultusgemeinden Galiziens in der Weise durchzuführen sei, damit cs diesen Gemeinden unmöglich gemacht werde, ans ihrem Wirkungskreise hinaus in das (Gebiet der Eivil- und Verlvaltnngsgesetzc hinüber zu greisen. Aus dem Antrag unb der Begründung desselben weht kein judeufrcuudlicher Geist. Der Antrag wurde der Perwaltungskommission übergeben. — Anläßlich der